Rücksichtslose Passanten

Zehn Passanten lassen hilflosen Rollstuhlfahrer (44) liegen

Der Essener Anwalt Ralf Bockstedte vor seinem Auto. Am Dienstagabend war er beim Versuch, den Rollstuhl aus dem Kofferraum zu heben, gestürzt. Zehn Passanten gingen vorbei, ohne ihm aufzuhelfen.

Der Essener Anwalt Ralf Bockstedte vor seinem Auto. Am Dienstagabend war er beim Versuch, den Rollstuhl aus dem Kofferraum zu heben, gestürzt. Zehn Passanten gingen vorbei, ohne ihm aufzuhelfen.

Foto: Socrates Tassos

Essen.  Ein Rollstuhlfahrer hat am Dienstagabend in Essen eine erschreckende Rücksichtslosigkeit erlebt: Nach einem Sturz gehen zehn Passanten an ihm vorbei.

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Eine erschreckende Rücksichtslosigkeit hat der Anwalt und Spielerberater Ralf Bockstedte nach einem Sturz am Dienstagabend im Südviertel erlebt. „Mindestens zehn Passanten gingen achtlos an mir vorbei, obwohl ich wie ein Käfer auf dem Rücken lag und um Hilfe bat“, erzählt der 44-Jährige, der auf einen Rollstuhl angewiesen ist.

Bockstedte wollte eine Veranstaltung besuchen, die um 19 Uhr im Chorforum an der Fischerstraße beginnen sollte. Er parkte etwa 50 Meter von der früheren Kirche entfernt und hangelte sich an seinem Auto entlang, um seinen Rollstuhl aus dem Kofferraum zu heben. Ein geübtes Manöver, bei dem er diesmal ausrutschte und auf dem Gehweg landete. „Ich habe mich nicht verletzt, aber ich kann mich aus dieser Lage nicht allein aufrichten.“

Junge Passanten wendeten sich „wie peinlich berührt“ ab

Mit lauter Stimme machte er auf sich aufmerksam. Doch zwei junge Leute hätten nur auf ihre Handys geschaut, andere sahen ihn kurz an, wendeten sich dann „wie peinlich berührt“ ab. „Dabei sah ich ja nicht abschreckend aus: Ich trug Anzug, war nicht alkoholisiert. Und man konnte meinen Rollstuhl sehen.“

Als er dort auf dem Boden lag, habe er an den Vorfall gedacht, der sich im Oktober in einer Bankfiliale in Borbeck zugetragen hatte: Dort waren mehrere Kunden über einen leblosen Rentner hinweggestiegen und hatten ihre Geldgeschäfte erledigt, ohne ihm zu helfen. Der 82-Jährige verstarb einige Tage später in einem Krankenhaus. Es hatte 20 Minuten gedauert, bis jemand einen Rettungswagen rief.

So viel Herzlosigkeit hat sich Bockstedte kaum vorstellen können

Er habe sich so viel Herzlosigkeit damals kaum vorstellen können, sagt Bockstedte, doch nun erlebte er sie selbst. „Es wird immer geraten, nicht nur um Hilfe zu rufen, sondern jemanden gezielt anzusprechen – in meinem Fall hat auch das keine Wirkung gehabt.“ Dankbar sei er einer jungen Anwohnerin, die seine Rufe hörte, aus dem Haus eilte und ihm half. Da habe auch ein weiterer Passant angehalten.

Bockstedte ist ein tatkräftiger Mann, der sich durch seine Behinderung nicht einschränken lässt. Beruflich lege er jährlich gut 60.000 Kilometer im Auto zurück. „Meiner siebenjährigen Tochter sage ich immer, wenn sie Hilfe brauche, solle sie die Menschen direkt ansprechen.“ Sein Vertrauen in diesen Ratschlag ist nun erschüttert.

„Beschäftigt Euch nicht nur mit Euch oder Euren Smartphones“

Als Jurist wisse er, dass er es hier mit unterlassener Hilfeleistung zu tun habe, doch Anzeige wolle er nicht erstatten. Anders als bei der Borbecker Bank gebe es keine Videobilder und damit kaum Aussicht, die rücksichtlosen Passanten zu finden. Also appelliere er auf diesem Weg: „Beschäftigt Euch nicht nur mit Euch oder Euren Smartphones, sonst bleibt die Mitmenschlichkeit auf der Strecke.“

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