Drei Jahre „Wir schaffen das“

Wir schaffen das? – Erfahrungen von Ehrenamtlichen aus Essen

Freunde: Der Essener Michael Maas unterstützt Jahesh (18) aus Kabul. Der ist gut integriert, möchte aber trotzdem nicht für jeden erkennbar sein:

Freunde: Der Essener Michael Maas unterstützt Jahesh (18) aus Kabul. Der ist gut integriert, möchte aber trotzdem nicht für jeden erkennbar sein:

Foto: André Hirtz

Essen.   2015 sagte Angela Merkel angesichts der vielen Flüchtlinge: „Wir schaffen das.“ Hier erzählen Ehrenamtliche vom Schaffen – und vom Scheitern.

Als andere mit Welcome-Fähnchen am Bahnhof standen, in Flüchtlingsheime strömten oder Kleiderkammern gründeten, war Michael Maas (49) nicht dabei. „Das war nichts für mich“, sagt der promovierte Pädagoge. Doch während viele andere ihr Engagement aufgegeben, die Fähnchen eingerollt haben, hat sich Maas zum Mentor für einen Jungen aus Afghanistan entwickelt: den 18-jährigen Jahesh.

Der stammt aus Kabul, kam mit dem älteren Bruder, aber ohne die Eltern nach Essen. Ein unbegleiteter minderjähriger Flüchtling also, den zunächst das Jugendamt in Obhut nahm. Im Januar 2017 wurde Maas dann Jaheshs Vormund. Der Sozialdienst katholischer Frauen begann damals, Ehrenamtliche für diese Aufgabe zu schulen, weil die Berufsvormünder überlastet waren. „Mein erster Vormund hatte 25 Mündel, Michael noch keins. Er hatte Zeit für mich“, sagt Jahesh.

Er lotst Jahesh durch Bürokratie und Bildungssystem

Maas war angetan von dem Jugendlichen, der nach einen Jahr im Land gut Deutsch sprach und locker auf ihn zuging. Das erste Mal trafen sie sich im Ausländeramt, beim zweiten Mal besuchte Maas Jahesh und dessen Bruder zu Hause. Seither ging er zu Elternabenden, half bei Praktikumssuche und Behördengang, lotste Jahesh durch Bürokratie und Bildungssystem.

Jahesh sei ein interessanter Gesprächspartner, so dass er sein Ehrenamt immer als Bereicherung empfunden habe. „Außer wenn ich den fünften Anruf machte, damit er sein Schoko-Ticket kriegt.“ Außerdem habe er ganz schlicht einen Beitrag zur Integration leisten wollen, sagt Maas, der hauptberuflich bei der Arbeiterwohlfahrt tätig ist. „Im Radio hieß es mal, wenn sich jeder Deutsche um einen Flüchtling kümmerte, hätten wir kein Problem.“ An ihm sollte es nicht scheitern.

Jahesh wird Erzieher - und kannte die Maus noch nicht

„Michael hat mir immer das Gefühl gegeben, dass er das gern macht“, sagt Jahesh. Trotzdem würde er sich gern revanchieren, hat schon mal für seinen Vormund gekocht. Der freilich erwartet keinen Dank; wenn Jahesh etwas zurückgeben wolle, könne er das später einmal tun, indem er jemand anderen unterstütze.

Er sehe sich als ein väterlicher Freund, sagt Maas, und Jahesh bestätigt: „Michael hilft mir, Entscheidungen zu treffen, er zeigt mir Wege auf.“ So besucht Jahesh jetzt ein Berufskolleg, macht parallel Abitur und Ausbildung zum Erzieher – mit lauter deutschen Mitschülern. Er merke nun, dass es zahllose Bücher, Filme oder Comics gebe, mit denen er nicht aufgewachsen sei, die hier aber jeder Gleichaltrige kenne: „Zum Beispiel diese große Maus mit dem kleinen Elefanten.“

Meist sind die Leute nett, aber einige beschimpfen ihn

So rasant wie er seinen Wortschatz erweitert, füllt Jahesh solche Sozialisations-Lücken. Er ist wissbegierig, sportlich, spielt Gitarre und kann sich vorstellen, in einer Kita zu arbeiten – obwohl das in Afghanistan reine Frauensache sei. „Danach könnte ich noch studieren, vielleicht Pädagogik.“ Maas lacht. Seine Idee sei das nicht gewesen, aber es freue ihn. „Jahesh will weiterkommen.“

Der 18-Jährige sagt, 90 Prozent der Deutschen begegneten ihm freundlich. Trotzdem möchte er nicht, dass sein Foto in diesem Artikel erscheint: „Flüchtling“ sei in der ersten Schule in Essen ein Schimpfwort gewesen, und am Bahnhof zischte ihm jemand zu: „Flüchtlinge stinken.“ Er hat erlebt, dass aus einem Auto eine Flasche vor seine Füße geschmettert wurde oder dass sich Leute von ihm wegsetzten. „Das tut weh.“ Er sucht Erklärungen: „Vielleicht hatten die Leute ein schlechtes Erlebnis mit einem Flüchtling.“ Er schäme sich für jedes Verbrechen von Zuwanderern.

„Leute wie Jahesh sind wertvoll für unser Land“

Maas denkt, dass das Bild vom kriminellen Zuwanderer auch dadurch entstehe, dass mittlerweile über jede Straftat berichtet werde. Sein Freundeskreis stehe Flüchtlingen wohlwollend gegenüber, in Politik und Gesellschaft aber sei der Stimmungswandel massiv. „Für den Satz ,Migration ist die Mutter aller Probleme’ wäre ein Minister vor zwei Jahren zurückgetreten.“

Gleichzeitig singe man in Sonntagsreden das Lied auf die Ehrenamtlichen, ohne die die Integration nicht zu schaffen sei. Auf derlei Lob könne er verzichten; die Politik solle lieber ihren Beitrag leisten, etwa indem sie Flüchtlingen den Weg in die Arbeit ebne. „Leute wie Jahesh sind wertvoll für unser Land – sie sollten sich nicht vor einer Abschiebung fürchten müssen.“ Genau diese Sorge aber plagt Jahesh, sein Aufenthaltsstatus ist nicht sicher: „Was, wenn ich weg muss, obwohl ich mir so viel Mühe gebe?“

Maas wird Jahesh helfen, dass das nicht passiert, auch wenn der inzwischen volljährig ist. „Michael ist nicht mehr mein Vormund – er gehört jetzt zur Familie.“

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>>> Martin Arnold: „Ich dachte, dass es der Staat auch schafft – nicht nur wir Ehrenamtliche allein“

Martin Arnold ist 71 Jahre alt und lange pensioniert, doch der Berufsschulpfarrer a. D. erwirbt derzeit ständig neue Kenntnisse. Etwa über triftige Asylgründe, Einspruchsfristen, Anträge an die Familienkasse – oder das Familienrecht in Guinea

Arnold stieß im Sommer 2016 zum Runden Tisch Bergerhausen, hat im Flüchtlingsheim Ausflüge mitorganisiert und ein Treffen für die Männer, die unter der Langeweile litten. Den Männer-Stammtisch gibt es bis heute, aber Arnold ist nicht mehr so oft dabei. Er betreut jetzt vor allem einige Afrikaner.

Besonders intensiv kümmert er sich um einen Mann aus Guinea, der inzwischen nicht nur als Asylbewerber anerkannt ist, sondern auch die Familie nachholen durfte. „Ein absoluter Glücksmoment war, als sein Kind den ersten Schultag hatte. Da merkt man die Wirksamkeit des eigenen Engagements

Doch der Weg bis zu solchen Erfolgen lässt ihn bisweilen verzweifeln: Ämter und Beratungsstellen gäben „lückenhaft, falsch oder widersprüchlich“ Auskunft. Nicht aus böser Absicht, wie er betont, sondern oft aus Überforderung und eigener Unkenntnis. „Ein Sachbearbeiter sagte mal zu mir: ,An Ihrer Stelle hätte ich längst aufgegeben.’“

Arnold gibt nicht auf, obwohl er oft das Gefühl hat, sich mit seinen Schützlingen im Kreis zu drehen. „Aber ohne mich wären die im Behörden-Hürdenlauf ja völlig aufgeschmissen.“ Da würden Gelder gestrichen, Papiere nicht anerkannt, da warte jemand ungeduldig sechs Monate auf den Integrationskurs.

„Die Integration wird ein, zwei Generationen dauern“

Mehrfach habe er der Stadt vorgeschlagen, einen Leitfaden in einfacher Sprache zu erstellen, der Zuwanderern den Weg durch den Behördendschungel weist. Vergeblich: Dazu fehle das Geld. „Als Frau Merkel sagte ,Wir schaffen das’, hatte ich noch das Gefühl, das ist eine Zusage, dass der Staat es schafft – nicht nur die Ehrenamtlichen.“ Die Stadt habe nun vieles gemeistert, nur das Ausländeramt sei weiter unterbesetzt. Statt Stunden hänge er jetzt 30 Minuten in der Warteschleife.

Dank wolle er nicht: „Aber es wäre schön, wenn sich die Politik nicht von jedem Shitstorm ins Bockshorn jagen ließe. Sondern der bösen Stimmungsmache eine Anerkennungskultur entgegensetzte.“ Zumal die überalterte Gesellschaft die Zuwanderer brauche.

Die aber, auch das erlebt Arnold, hielten hier oft an Werten fest, bei denen er sich 100 Jahre zurückversetzt fühle. „Sie hatten ja nur einen Grund für ihre Flucht und sehen keinen Anlass, hier mit ihrem gesamten bisherigen Leben zu brechen.“ Die Integration werde sicher ein oder gar zwei Generationen dauern. Arnold hilft, dass sie gelingt.

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>>> Gisela Bormann-Heimannsberg: „Wir haben gar keinen Rückhalt mehr"

Sie ist immer noch dabei, aber sie ist auch erschöpft: Gisela Borrmann-Heimannsberg ist im Sommer 2015 zum Runden Tisch Holsterhausen gestoßen, hat als pensionierte Lehrerin erst im Asylheim Deutschkurse gegeben, später mit Flüchtlingen in der heimischen „Sprachlern-Küche“ geplaudert und gepaukt. Sie hat Freunde gewonnen und Erfolge erlebt: Etwa als sie eine Wohnung für eine junge Mutter fand oder als einer ihrer Schützlinge aus Syrien einen Ausbildungsplatz erhielt.

„Auch an der Uni finden viele keine deutschen Freunde“

Als das erlernte Deutsch dann doch nicht für die Ausbildung reichte, brach eine Welt zusammen. „Da kehrten Dinge zurück, die er längst überwunden hatte: bis mittags schlafen, Schmerzzustände, Unzuverlässigkeit, Vorwürfe gegen die Deutschen.“ Trauma aus dem Krieg gepaart mit dem Scheitern in Essen führten zu Depression und Rückzug in die eigene Community, „wo nur Arabisch geredet wird“. Und selbst denen, die es an die Uni geschafft haben, gehe es oft nicht anders: „Die finden keine deutschen Freunde.“

Frustrierend sei das auch für die Helfer, sagt Borrmann-Heimannsberg. „Viele hören auf.“ Sie hat sich bei einer Fortbildung angemeldet, „weil ich Supervision brauchte“, eine professionelle Beratung. Denn sie und zwei Freundinnen, die stets ans Telefon gehen, um anderen beizustehen, fühlten sich zuletzt sehr allein. „Wir haben gar keinen Rückhalt mehr, weder in der Bevölkerung noch im Bekanntenkreis.“ Die Politik verschärfe das, indem sie nur noch Verbrechen und Versagen thematisiere: „Dabei habe ich mich auch engagiert, um meinem Land zu helfen.“

Sie wird nicht warten, bis das Land ihr hilft. Sie hat wieder neue Zuversicht: Sie macht jetzt ein Musikprojekt mit Zuwanderern.

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>>> Katharina Kremer: „Ehrenamtliche gehen eine große Verpflichtung ein“

Katharina Kremer ist schon lange keine Ehrenamtliche mehr: Als das Land im August 2016 das Asyl im Opti-Park im Westviertel schloss, musste sie die Kleiderkammer räumen. Jenen Ort, an dem es Kleidung, Spielzeug und gute Worte gab.

Sie sagt, Hetze werde heute viel offener geäußert

Kremer hatte die Kammer 2015 mit aufgebaut, weil die Bilder der ankommenden Flüchtlinge bei ihr den Impuls auslösten: „Wir müssen helfen!“ Kinder ohne Schuhe, der Staat mit der Versorgung der Menschen überfordert: „Da packt man halt an, so wie wir nach dem Sturm Bäume weggeräumt haben.“ Ohne Stunden zu zählen. Heute ist ihr klar, dass sie das nicht ewig durchgehalten hätte: zwei Kinder, Job, Studium und dazu 20 Wochenstunden Ehrenamt. „Damals gab es diesen Enthusiasmus, der viel Kraft freisetzte.“

Heute sei die Herausforderung größer: Allein mit Anpacken könne man die Integration nicht stemmen. Jetzt gehe es darum, dass die Zuwanderer die Sprache lernten, Fuß fassten, Jobs fänden und Kitaplätze. Man müsse sie durch eine fremde Kultur und eine komplexe Bürokratie begleiten. „Da braucht ein Ehrenamtlicher viel mehr Konstanz, geht eine Verpflichtung ein. Eine Kleiderkammer kann man schließen, einen Menschen sollte man nicht hängen lassen.“ Kremer weiß, wovon sie spricht: Mit einer Flüchtlingsfamilie hat sie sich angefreundet, der hilft sie bis heute; „Wer niemanden wie uns hat, der kann es nicht schaffen!“

Dass es heute mehr Ablehnung gegen Flüchtlinge und Helfer gebe, glaubt Kremer nicht: „Wir bekamen schon 2015 Mails mit anonymen Morddrohungen.“ Jetzt werde derlei einfach viel offener gesagt: „Befeuert durch die AfD hetzen viele mit.

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