Grillo

Wie tief ist in Essen der Graben zwischen Nord und Süd?

Theater mit zwei Seiten: Regisseur Volker Lösch vor dem Bühnenbild von „Der Prinz und der Bettelknabe“ im Grillo-Theater.

Theater mit zwei Seiten: Regisseur Volker Lösch vor dem Bühnenbild von „Der Prinz und der Bettelknabe“ im Grillo-Theater.

Foto: Kerstin Kokoska

Essen.   Mit Jugendlichen aus dem Norden und Süden Essens hat Regisseur Volker Lösch ein Theaterstück über das Sozialgefälle in der Stadt erarbeitet.

Dass sie im Grillo-Theater derzeit eine Mauer bauen, dafür ist Volker Lösch zuständig. Der Regisseur hat auf der Bühne schon mit Arbeitslosen und Hartz IV-Empfängern gearbeitet, mit Roma und Sinti und ehemaligen Strafgefangenen.

Diesmal holt er Jugendliche aus dem Essener Norden und Süden auf die Bühne und stellt damit zwei Welten gegeneinander. Arm und reich und das große Thema der sozialen Ungleichheit, am Beispiel von Essen und dem „Sozialäquator“, der Autobahn A 40.

A 40 spaltet Essen in zwei Teile

Als „Grenzlinie“ einer „gespaltenen Stadt“ hat sogar die Frankfurter Allgemeine Zeitung vor einigen Jahren die A 40 identifiziert und Lösch auf die Stück-Idee gebracht. „Der Prinz, der Bettelknabe und das Kapital“ heißt die Produktion, die am 17. Februar ihre Uraufführung im Grillo-Theater erlebt. Frei nach Mark Twain.

Denn die Idee vom Rollentausch zwischen Prinz und Bettelknabe, die Twain in seinem Märchen erzählt, ist nur noch das dramaturgische Gerüst für ein Stück, das Lösch als „Märchen einer Stillstandsgesellschaft“ begreift: „Es beschreibt unser politisches und geistiges System in dem wir leben, welches neoliberal konnotiert ist und letztlich nichts verändern möchte.“

Armheit in einem reichen Land ein „Skandal“

Dass die Reichen reich bleiben würden und die Armen arm, das beklagt Lösch als einen „Skandal in einem der reichsten Länder der Welt, das alle Möglichkeiten hat, daran etwas zu ändern“. Was man daran ändern kann, darüber sollen sich Schauspieler und Jugendliche im Grillo-Theater nun gemeinsam Gedanken machen. „Wir möchten den Abend nicht mit der Allerweltsforderung nach Chancengleichheit beenden.“ Damit, findet Lösch, würde das Wettrennen um Platz eins bloß ausgeweitet, es ändere nichts am Konkurrenzgedanken, an der Einteilung in Sieger und Verlierer.

Lösch will neue Antworten. Statt ritueller Kapitalismus-Kritik und wohlfeilen Gerechtigkeits-Forderungen sollen diesmal konkrete Lösungsvorschläge formuliert werden. „Die Jugendlichen werden gefragt, und die Schauspieler müssen momentan neben ihrer Rollenarbeit auch theoretische Texte lesen.“

Am Ende sollen sie eigene Strategien vorstellen, wie man mehr soziale Gleichheit herstellen kann: „Das wird eine Mischung sein aus konkret durchgerechneten Ideen der Umverteilung, aber auch aus ganz einfachen, naiven Ideen von den Jugendlichen, die man sich als Erwachsener gar nicht mehr traut zu formulieren“, erklärt der Regisseur.

Regisseur sammelt Stimmen ein

Lösch lässt nicht nur die Jugendlichen zu Wort kommen, er hat auch O-Töne bei Sozialarbeitern, in den Elternhäusern und Schulen der Stadt gesammelt, wie der Gesamtschule Bockmühle, wo Lehrer darüber klagen, dass sich hier „Bildungsverlierer aus ganz Essen“ treffen und der Ghettoisierung damit kaum noch entkommen.

Und derweil sie im Norden von Verwahrlosung und Schulverweigerung gesprochen haben, hat Lösch in den südlichen Stadtteilen von Leistungsdruck, Bulimie und „Ritzen“ erfahren, dem bewussten Zufügen von Verletzungen mit Messern oder Rasierklingen.

Zwei unterschiedliche Lebenswelten, die nicht nur dem Publikum neue Sichtweisen eröffnen sollen: „Wir haben am Anfang alle Jugendlichen mehrfach interviewt und die Texte dann transkribiert. Beim Vorlesen ihrer Geschichten waren beide Gruppen ziemlich baff: Die Beschreibung der Lebensumstände war extrem unterschiedlich, wohin sie in Urlaub fahren, wie viel Geld sie haben, wie sie leben. Das hat sie wahnsinnig überrascht.“

Theaterstück formt Jugendliche zu einer Gemeinschaft

Über die Arbeit am Theaterstück ist aus den 16 Jugendlichen unterschiedlicher sozialer Schichten, die zuvor kaum bis selten die Lebenswirklichkeit auf der jeweils anderen Seite der A40 wahrgenommen haben, eine Gemeinschaft geworden, berichtet Regisseur Volker Lösch. Bei den Improvisationen und theaterpädagogischen Übungen habe man sich angenähert.

Im Zuschauerraum hingegen wird es Grenzen geben, die auch das Publikum zum Perspektivwechsel auffordern. So wird ein Teil der Besucher die Hälfte des Abends im klassisch bestuhlten Theatersaal verbringen, die andere in einem eher spartanisch ausgestatteten Zuschauerraum. „So dass man am eigenen Leib erfährt, was ist Norden, was ist Süden“, erklärt Lösch.

Kommt der Norden ins Grillo?

Ob die aus dem Norden am Ende den Weg ins Theater finden, wird die Frage bleiben. Der Regisseur ist zuversichtlich: „Viele werden kommen, allein um ihre Kids zu sehen.“ Anders als bei Mark Twain gibt es für sie auf der Bühne indes kein Happy End. Twain erzähle im Grunde ein sozialdemokratisches Märchen, findet Lösch: Der König werde ein besserer König, weil er die Armut erlebt habe. Und die Armen verzichteten auf die Revolte, weil sie erkannt hätten wie schwer es ist, reich zu sein. „Verständnis für einander zeigen und ein bisschen was verändern“, skizziert Lösch den „sozialdemokratischen Standpunkt“, mit dem die SPD Glaubwürdigkeit eingebüßt habe.

So sei „Der Prinz, der Bettelknabe und das Kapital“ am Ende wohl die passende Erzählung zum neuerlichen „weiter so“ der GroKo. Auch wenn das letzte Kapitel dieser Geschichte noch nicht geschrieben ist.

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