Gesundheit

Wie Shisha-Bars gegen Rauchverbot und Steuerrecht verstoßen

Faustregel für Besucher von Shisha-Bars: Schmeckt der Rauch, ist oft mit der Steuer was im Argen.

Faustregel für Besucher von Shisha-Bars: Schmeckt der Rauch, ist oft mit der Steuer was im Argen.

Foto: IMAGO

Ruhrgebiet.   Das nebulöse Geschäft der Shisha-Bars boomt auch im Ruhrgebiet. Es beruht häufig auf Rechtsverstößen: Der Tabak in der Wasserpfeife ist oft illegal.

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Ein Wochentag nach der Arbeit, die ersten Schwaden ziehen aus einer Bar mit vielen Happy-Hour-Schildern im Essener Ausgehviertel. Doppel-Apfel, Cola-Zitrone oder Granatapfel – welche Wasserpfeife darf es sein? Christian und Vivian haben sich für Honigmelone entschieden. „Es ist einfach entspannend hier“, sagt der 22-jährige „Nichtraucher“ und lässt ordentlich Dampf ab. Acht Euro kostet seine „Shisha“, 25 Gramm aromatisierter Tabak stecken in ihrem Köpfchen, so viel wie eine Packung Zigaretten wiegt. Rund eineinhalb Stunden werden Christian und Vivian abwechselnd an ihrem Schlauch ziehen. Kratzt das nicht? – Nein. Dann ist es sehr wahrscheinlich, dass die beiden gerade Schmuggeltabak paffen.

„Wenn es schmeckt, ist es nicht verkehrsfähig“, sagt Zolloberin­spektor Norman Wiesemeyer. Das ist natürlich nur eine Faustregel, aber sie macht sinnlich, was auch die Zahlen belegen: Das Geschäftsmodell Shisha-Bar beruht auf Rechtsverstößen. Und es boomt.

Vor zwei Jahren – kurz nach der Verschärfung des Nichtraucherschutzgesetzes – gab es nur 53 Shisha-Bars im Bezirk des Hauptzollamtes Dortmund (von Bochum bis ins Sauerland und hinunter nach Siegen). Heute sind es rund 130. „Und es ist immer noch Bewegung nach oben drin“, sagt Wiesemeyer. Er kennt sie alle, seine Bürowand ist gepflastert mit ihren Flyern und „Speisekarten“.

Nur drei Prozent aller Bars hielten sich an die Steuergesetze

Bei den diesjährigen Kontrollen hielten sich, wie berichtet, gerade einmal drei Prozent aller Shisha-Bars an die Steuergesetze, und im Rest des Landes sieht es nicht wesentlich anders aus.

Schon wenn der Barbetreiber die Shishaköpfchen aus einer Großpackung befüllt, bricht er das Recht – etwa jedes zweite Café hat Wiesemeyer in der ersten Jahreshälfte dabei erwischt. Der „portionsweise Verkauf“ ist verboten, hauptsächlich um Schmuggel vorzubeugen, aber auch, weil die Betreiber den Tabak gerne strecken – was in beiden Fällen Gesundheitsgefahren mit sich bringt.

Denn in Deutschland sind nur fünf Prozent Glyzerin im Wasserpfeifentabak erlaubt. Je höher der Anteil des Alkohols, desto dichter und feuchter wird der Rauch, er wirkt dadurch auch milder, saftiger. Darum schätzen die Kunden offenbar den Tabak, wie er im Ausland konsumiert wird, versetzt mit bis zu 40 Prozent des Frostschutzmittels Glyzerin. Entweder also der Bar-Betreiber „montiert den Tabak auf“, wie der Zöllner sagt, und dabei wird bisweilen auch Nagellackentferner verwendet . . . Oder er kauft gleich den geschmuggelten Auslandstabak vom Groß-Dealer seines Vertrauens, steuerfrei natürlich. Fast sechzig Prozent der Shisha-Bars haben wegen Schmuggel oder Strecken des Tabaks Strafverfahren an der Backe.

Es gehört zu den Kuriositäten der Szene, dass es Shisha-Bars ohnehin gar nicht geben dürfte, seitdem das verschärfte Nichtraucherschutzgesetz 2013 in Kraft getreten ist. Zwar hatte kurz darauf eine Café-Betreiberin aus Marl vor Gericht erstritten, dass sie Shishas ohne Tabak, mit Früchtemischungen und Dampfsteinen, anbieten darf.

Tabakfrei ist die Ausnahme

Aber das sind Nischenprodukte für artige Jugendliche. In seinem Bezirk, sagt Norman Wiesemeyer, gebe es nur vier oder fünf solcher Cafés, die ihr Geld hauptsächlich mit Cocktails machen und tabakfreie Shishas nebenbei anbieten. Das seien genau diejenigen, die auch steuerrechtlich nicht aufgefallen seien. Im Rest wird Tabak gequarzt, verbotenerweise.

Wenn Wiesemeyer mit meist drei Kollegen eine Bar betritt, läuft das in der Regel gesittet ab, man kennt sich ja. Und die Betreiber haben gelernt, dass doppelte Thekenböden keine guten Verstecke sind. Die Mengen, die die Zöllner finden, werden also kleiner; Zuträger bringen Tabak aus anderen Wohnungen. Aber etwas finden die Zöllner fast immer, schließlich müssen die Kunden bedient werden. Nun sind die Ordnungsämter zwar ab und an mit von der Partie bei den Zollkontrollen, aber offensichtlich besteht auch dort noch Aufklärungsbedarf, was in einer Shisha so verbrennt. Die verhängten Buß- oder Zwangsgelder sind zumindest bei Erst- und Zweittätern so niedrig, dass sich das nebulöse Geschäft der Shisha-Bars weiterhin lohnt.

Attraktive Rauchschwaden

Ihr süß-anrüchiger Qualm ist zu einem Alleinstellungsmerkmal geworden – und vielleicht auch deshalb so attraktiv. Laut einer Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung rauchen 14 Prozent aller Jugendlichen mindestens einmal im Monat Wasserpfeife. „Man merkt schon, dass es expandiert“, sagt auch Christian: Ein-, zweimal die Woche kommt er her. „Ungefähr sechzig Prozent des Freundeskreises sind dabei.“ Und die Gesundheit? „Du wirst mich für verrückt halten, aber ich arbeite bei einer Krankenkasse.“

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