Bleiberecht

Wie Mohammed Eke seine Heimat in Essen verlor

Mohammed Eke trifft einen ehemaligem Jugendtrainer vom Fußballverein Heisinger SV.

Mohammed Eke trifft einen ehemaligem Jugendtrainer vom Fußballverein Heisinger SV.

Foto: Gerardo Milsztein/ZDF

Essen.   Kinderheim, Festnahme, Abschiebung: All das gehört zu Mohammed Ekes (25) Leben, das mit einer glücklichen Kindheit in Essen-Borbeck und -Dellwig begann. Falsche Angaben der Eltern veränderten alles und machten den Essener zum illegalen Einwanderer.

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Mohammed Eke (25) ist in Borbeck geboren, besuchte die Grundschule am Reuenberg, machte seinen Hauptschulabschluss in Bochold. Er spielte leidenschaftlich gern Fußball und trainierte die Kinder beim Heisinger SV. Wahrscheinlich hätte er eine Ausbildung zum Mechatroniker gemacht und im Autohaus seines Onkels gearbeitet. Wären da nicht plötzlich früh morgens die Männer gekommen, die seine beiden Brüder mitgenommen und abgeschoben haben, erzählt er.

2005 folgte die Abschiebung der Eltern und der jüngeren Geschwister. Der entging Mohammed Eke zwar, weil er bei einem Freund übernachtete. Aber auch für den damals 17-Jährigen folgten Kinderheim, Abschiebehaft und der Flieger in die Türkei. Heute lebt der 25-Jährige bei seiner Schwester in Bremen und ist geduldet. Für eine Fernseh-Reportage, die das ZDF am Dienstag um 22.15 Uhr im Rahmen der Reihe „37 Grad“ zeigt, kehrte er jetzt nach Essen zurück, in die Stadt, die seine Heimat gewesen ist. Nun aber, sei ihm die Wiederkehr schwer gefallen, weil viele schlechte Erinnerungen hochgekommen sind.

Im Polizeisportverein und mit Mesut Özil bei RWE trainiert

„Seit dem Tag, als meine Brüder verschwanden, habe ich in Angst gelebt“, sagt Mohammed Eke. Die Familie wurde auseinandergerissen, er hat sein Zuhause verloren. Bis dahin lebten sie in Altenessen, in Altendorf, die schönste Zeit aber, „war meine Kindheit in Dellwig“. Sie waren gut integriert und lebten bürgerlich, beschreibt Mohammed Eke, der damals beim Polizeisportverein spielte und bei Rot-Weiss Essen mit Mesut Özil trainierte. Er wird traurig, sagt er, wenn er darüber nachdenkt, wie weit er vielleicht im Fußball hätte kommen können.

Fest stand aber, „dass ich immer hier bleibe, ich bin doch hier geboren“. Denn Mohammed Eke lebte im festen Glauben, seine Eltern seien in den 1980er Jahren aus dem Libanon eingewandert. Dann aber habe die Ausländerbehörde nachgeforscht, demnach soll die Familie aus der Türkei stammen und zu einer Minderheit gehören, die an der Grenze zu Syrien und dem Libanon lebt und arabisch spricht.

„Plötzlich war ich allein“, sagt Eke, der ins Heim kam, ausbüxte und bei der Familie seines Onkels in Katernberg untertauchte. „Ich sollte mich an meinem 18. Geburtstag wegen der Verlängerung meiner Duldung melden“, sagt er und tat es aus Furcht vor der Behörde nicht. Die habe ihm vermittelt: „Ich werde abgeschoben, egal, was ich tue.“

Neun Monate Abschiebehaft, als Fremder in Istanbul und Kroatien  

Er traf sich weiter mit Freunden, spielte weiter Fußball und zuckte jedes Mal zusammen, wenn ein Streifenwagen vorbeifuhr. Bei einer Kontrolle im Autohaus dann hat die Polizei ihn festgenommen. Er saß neun Monate in Abschiebehaft, bevor er in die Türkei abgeschoben wurde. „Ich spreche nicht einmal Türkisch, nur Deutsch und Arabisch.“ Er schlug sich in Istanbul durch, lebte in einer Moschee, später auch in Kroatien.

2010 reist er zurück nach Deutschland, als Illegaler. Mohammed Eke wird an der Grenze aufgriffen, zuständig ist das Land Bayern für ihn, bis er endlich zu seiner Schwester, die die deutsche Staatsangehörigkeit hat, nach Bremen fahren darf.

Seine Eltern, mit denen er lange Zeit zerstritten war, leben heute in Belgien. Sie haben inzwischen wieder Kontakt, nähern sich an. Mohammed Eke macht jetzt eine schulische Ausbildung zum Fertigungstechniker und eine Therapie. „Es kreisen so viele Gedanken durch meinen Kopf“, beschreibt er sich als aufgewühlt. Gleichzeitig hofft er, endlich eine Aufenthaltserlaubnis zu bekommen. Auch wenn die vielleicht nur ein oder zwei Jahre gelten sollte, könnte er in der Zeit zumindest zur Ruhe kommen.

„Ich möchte mein Leben gestalten. Bislang hatte ich keine Chance, mir eine Zukunft aufzubauen“, sagte er. Das Schlimmste aber war es für ihn, neun Jahre lang kein richtiges Zuhause zu haben. „Jetzt kämpfe ich für ein Leben hier.“ Laut Ausweis ist Mohammed Eke zwar Türke: „Deutschland ist aber in meinem Herzen.“ Nur seine Heimat Essen, die ist für ihn verloren.

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