Notunterkunft

Wie Essener sich ihr Leben in der Notunterkunft einrichten

Sie sind aus Fischlaken nach Überruhr an die Liebrechtstraße gezogen: Waltraud und Volker Korten.

Sie sind aus Fischlaken nach Überruhr an die Liebrechtstraße gezogen: Waltraud und Volker Korten.

Foto: Socrates Tassos/FUNKE Foto Servi

Essen.   Ein Neuanfang in der Notunterkunft: Waltraud und Volker Korten haben ihr Haus in Essen-Fischlaken verloren und sich in Überruhr neu eingerichtet.

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1000 Quadratmeter Garten, darauf ein Einfamilienhaus mit 120 Quadratmetern Wohnfläche, gelegen im beschaulichen Fischlaken: Das war das alte Leben von Waltraud (64) und Volker Korten (71). Das neue liegt in der Notunterkunft in Überruhr. Es begann vor rund zehn Jahren, als Bank und Gerichtsvollzieher einen Schlussstrich unter die Idylle zogen.

Eine Hypothek lastete auf dem Elternhaus der Fischlakerin, da sie die Familie habe auszahlen müssen. So lange beide einen festen Job hatten, bereitete ihnen die Finanzierung keine Sorgen. Volker Korten arbeitete als Elektriker, seine Frau als Verkäuferin in einem Werdener Supermarkt. Dann aber wurde er arbeitsunfähig, es folgten Arbeitslosengeld und Sozialhilfe. 2000 erkrankte Waltraud Korten und verlor auch ihre Stelle. „Wir haben lange Zeit noch gedacht, dass wir das Haus halten können“, erinnert sich der 71-Jährige an ihre Hoffnung, an die sie sich fünf Jahre klammerten. 2005 zerschlug sich diese endgültig.

Vom Eigenheim in die Notunterkunft

„Es war hart“, gesteht Waltraud Korten. Immerhin stand eine gewaltige Umstellung an: vom Eigenheim in die Notunterkunft. Geschämt aber haben sich die beiden nie. „Es gibt Schlimmeres“, sagt die 64-Jährige, die mit ihrem Mann zunächst im Büro seines ehemaligen Chefs unterkam. Als der Umzug nach Überruhr anstand, da waren sie einfach nur froh, dass sie ein Dach über dem Kopf hatten. Das hat nun drei Zimmer auf 46 Quadratmetern, im Winter heizen sie mit Kohle und finden das gemütlich, auch wenn das Haus nicht nur an Fenstern und Fassade deutlichen Renovierungsbedarf verrät.

Waltraud und Volker Korten klagen nicht und trauern der Vergangenheit nicht hinterher. „Wir sind zusammen, und das ist das Wichtigste.“ Sie haben sich eingerichtet im neuen Leben, kommen mit ihrer kleinen Rente über die Runden. Ihre Möbel haben sie damals mitgenommen. Mit handwerklichem Geschick hat der 71-Jährige jeden Schrank und jedes Regal verkleinert. Inzwischen sind Katzen, Kaninchen und Wellensittiche bei ihnen eingezogen. Draußen fegt Volker Korten die Straße, mäht den Rasen und schneidet die Hecke. „Nur vor dem Fernseher zu sitzen, das wäre mein Alptraum“, sagt er, der mit großer Leidenschaft die alte Heimat nachbaut: Werden im Kleinformat, aus Holz gesägt.

Schmerzliche Erinnerungen und neues Zuhause

Die Werdener Nachrichten kaufen die Kortens jetzt in Überruhr am Kiosk, halten den Kontakt zu alten Bekannten. Immer noch sind sie Mitglied im Schützenverein, kaufen Gemüse und Eier wie einst am liebsten beim Bauern in den Fischlaker Höfen. Nur am Elternhaus von Waltraud Korten gehen sie dann doch nicht vorbei. Zu schmerzlich wäre wohl die Erinnerung an die Jahre, als ihre Welt noch in Ordnung war. Als sie sich kennenlernten, 1993 heirateten und die Hochzeitsreise sie nach England führte. Daheim in ihrer Gartenhütte traf sich Volker Korten mit dem Knobelclub, sie war Schützendame. Sie genossen es, auf Reisen wie nach Griechenland Land und Leute kennenzulernen.

Nun haben sie sich ein Auto gekauft: Ihr „Stückchen Luxus“ ist 24 Jahre alt. Damit fahren sie nach Kupferdreh und weiter mit dem Zug nach Dorsten, Castrop oder Dortmund, um mal herauszukommen. In Überruhr vor ihrer Haustür entsteht jetzt der Neubau der Notunterkunft. Wie es für sie weitergeht, wissen die Kortens nicht. Doch sie haben einen großen Wunsch: „Dass sich alles zum Guten wendet.“ Für sie bedeutet das, an der Liebrechtstraße bleiben zu dürfen, denn die ist längst ihr neues Zuhause geworden.

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