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Wie ein Iraner in Altenessen eine neue Heimat gefunden hat

Sharyar Azhdari  mit seiner Tochter Pania und seiner Frau Azadeh. Der 39-Jährige floh vor 31 Jahren aus dem Iran und fand in Altenessen eine neue Heimat.

Foto: Knut Vahlensieck

Sharyar Azhdari mit seiner Tochter Pania und seiner Frau Azadeh. Der 39-Jährige floh vor 31 Jahren aus dem Iran und fand in Altenessen eine neue Heimat. Foto: Knut Vahlensieck

Essen-Altenessen.   Sharyar Azhdari floh vor 31 Jahren mit seinen Eltern und Geschwistern aus dem Iran. Mit seiner Familie fühlt er sich im Essener Norden wohl.

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Sharyar Azhdari floh vor 31 Jahren mit seinen Eltern und vier Geschwistern aus Schiras im Süden des Irans – zu einer Zeit als die Mullahs das Sagen hatten. Nach einer Odyssee landete die Familie schließlich in Altenessen. Dort lebt Sharyar Azhdari heute mit seiner Frau Azadeh (37) und den Töchtern Pari (10) und Pania (4) in einer kleinen Wohnung in der Rahmstraße. Und der 39-Jährige fühlt sich wohl.

„Mein Vater wurde politisch verfolgt“, erinnert sich Sharyar Azhdari daran, wie alles begann. Von Schiras ging es zunächst für drei Monate in die Türkei, dann weiter über Ost-Berlin nach West-Berlin und Karlsruhe. Die nächste Station war Baiersbronn, „wo wir vom Bürgermeister begrüßt wurden“. Im Schwarzwald wird den Flüchtenden viel Wärme entgegengebracht. Und trotzdem treten Probleme auf. Der Vater, der gelernte Turbinentechniker hat einen Job, wird als Flüchtling anerkannt – die Familie nicht.

„Der Bahnhof in Essen gefiel meinem Vater besser“

„Mein Vater hätte in Deutschland bleiben dürfen, meine Mutter und die Kinder nicht.“ Menschen, die es gut mit den Azhdaris meinen, raten ihnen, nach NRW zu gehen, da seien die Chancen größer. Der Vater macht sich mit dem Zug auf den Weg. Dass Essen seine Endstation wurde, war ein Zufall. „Er stieg zunächst in Köln aus. Sah den Bahnhof, fand ihn nicht schön, stieg wieder in den Zug und fuhr weiter.

In Essen stieg er wieder aus. Der Bahnhof gefiel ihm besser“, erzählt Sharyar Azhdari und ein Lächeln macht sein ohnehin offenes Gesicht noch freundlicher. Der Vater ließ die Familie nach Essen nachkommen. „Mit acht Jahren ging ich dann zur Hauptschule Kapitelwiese. Da waren deutsche Schüler eher selten“, erinnert sich Sharyar Azhdari.

Taxi fahren als Schule des Lebens

Den 10b-Abschluss schaffte er locker – mit acht oder neun Einsern, so genau weiß er das nicht mehr. „Auf dem Aufbaugymnasium kam dann die Ernüchterung“, sagt er rückblickend. Die 12. Klasse muss er wiederholen, macht aber danach sein Abitur. Nebenbei arbeitet er in der Trinkhalle, die seine Familie betreibt. Während des Studiums zum Architekten fährt er Taxi für das Unternehmen, das er mit seinem Vater gegründet hat. Taxi fahren in Altenessen, das war für ihn so etwas wie die Schule des Lebens.

„Jeder zweite Fahrgast, der einstieg und mich sah mit dunklen Haaren und Augen, hielt mich für einen Bombenleger oder Terroristen“, erzählt Azhdari. Und sie sagten es ihm auch, je alkoholseliger umso unverblümter. Azdhari ging nicht auf Konfrontationskurs. „Ich bin ihnen nicht böse. Ich habe mich ruhig mit ihnen unterhalten. Ich erzählte ihnen, dass nicht alle Schwarzhaarigen so sind. Viele von ihnen wurden später Stammgäste.“ Der 39-Jährige weiß, dass in Altenessen nicht alles gut ist, wehrt sich aber gegen Pauschalurteile, wirbt um Verständnis – auf beiden Seiten.

„An das glauben, was das Herz sagt“

Azhdari ist oft mit Bus und Bahn unterwegs. Da bekommt er mit, dass Jugendliche sich daneben benehmen; auch ausländische. „Das ist nicht zu entschuldigen, trotzdem muss man berücksichtigen, dass viele von ihnen mehrere Jahre mit einem ungewissen Status hier leben. Das ist nicht leicht.“ Schwarz-Weiß ist nicht seine Sache. Strenge Religiosität auch nicht. „Ich bin ein ungläubiger Heide“, sagt er. Seinen Töchtern, die konfessionelle Kindergärten besuchen, will er die Entscheidung selbst überlassen.

„Mein Vater hat mir gesagt, dass wir an das glauben sollen, was unser Herz sagt.“ Die Menschen suchten meistens an unterschiedlichen Orten nach Antworten auf ihre Fragen und würden übersehen, dass die besten Antworten in ihren Herzen seien. Als ihm mal jemand vorwarf, er sei assimiliert, musste Azhdari die Bedeutung des Wortes erst einmal im Wörterbuch nachschlagen. Eine Erklärung: Einanderangleichen verschiedener gesellschaftlicher Gruppen (bis hin zur Verschmelzung). „Wenn es das bedeutet, dann bin ich gerne assimiliert.“

„Wir haben diesem Land viel zu verdanken“

In den Iran wollen Sharyar Azhdari, der längst einen deutschen Pass hat, und seine Frau Azadeh nicht. Da sind sie sich einig. „Ich fühle mich wohl und sicher in Altenessen“, sagt die studierte Architektin mit den langen, schwarzen Haaren, die sie auf den Straßen im Iran nicht zeigen dürfte. Sharyar Azhdari könnte nach eigener Einschätzung heutzutage im Iran ein Vielfaches von dem verdienen, was er als Architekt bei einer Velberter Firma verdient, die Schwimmbäder baut.

Die Familie könnte sich zum Beispiel eine größere Wohnung leisten. Der 39-Jährige ist aber nicht auf den „schnellen Rial“ aus, sondern begnügt sich auch mit weniger. „Meine Familie und ich haben diesem Land und seinen Menschen viel zu verdanken. Deutschland, NRW, Essen sind nicht nur unser Wohnort, sondern zu unserer Heimat geworden. Das habe ich in dem Moment gespürt, als ich nicht mehr persisch dachte“.

Und fühlte. Der kleine weiße, künstliche Weihnachtsbaum mit den rotem und silbernen Kugeln, unter dem liebevoll verpackte Geschenke für Pari und Pania liegen, ist da nur ein äußeres Zeichen.

Kunst-Auktion zu Gunsten der Kita St. Hedwig

Sein Beruf als Bauingenieur bringt es mit sich, dass Sharyar Azhdari viel am Rechner sitzt und mit Zeichen- und Fotoprogrammen arbeitet. Daraus entstand im Laufe der Jahre ein kreatives Hobby. Die Gruppe S-Art – „S“ könnte für simpel, aber auch für Sharyar stehen – „malt“ Bilder in verschiedenen Techniken: Acryl, Graffiti und Digitale Kunst. Oft entsteht die Grundlage am Rechner, die Vollendung geschieht außerhalb des Computergehäuses. Schon während des Studiums entdeckte er dieses Talent. Entstanden sind unter anderem Serien wie „Helden der Jugend“, „Street Art/Urban Art“ und „HeimaRt“.

Über 30 Bilder aus diesen Serien werden am Sonntag, 22. Januar, unter dem Motto „Folge Deinem Herzen“ von 14 bis 18 Uhr im Kindergarten St. Hedwig, an der Straße An St. Hedwig 15, ausgestellt. Aber nicht nur das: Sharyar Azhdari und S-Art stellen die großformatigen Bilder der Kita zur Verfügung, damit diese sie verkaufen kann.

„Die anderen Eltern engagieren sich vielfältig und bringen sich in irgendeiner Form beim Kindergarten ein. Da ich beruflich sehr angespannt bin, schaffe ich das zeitlich leider nicht“, bedauert der 39-Jährige. Mit den Bildern will er aus Dankbarkeit etwas für das Gute zurückgeben, was ihm in Deutschland widerfahren ist. Der gesamte Erlös geht an den Kindergarten.

Wer die Ausstellung zum Beispiel mit Stellwänden unterstützen oder sie musikalisch begleiten will, findet auf der Homepage entsprechende Kontaktdaten.

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