Biographie

Wie ein Essener Manager aus dem Leben fiel – und zurückfand

Nach einem Unfall bangte er jahrelang um sein Augenlicht: Andreas Crüsemann war erfolgreicher Manager. Doch dann musste er neu anfangen.

Nach einem Unfall bangte er jahrelang um sein Augenlicht: Andreas Crüsemann war erfolgreicher Manager. Doch dann musste er neu anfangen.

Foto: Lea Wittor

Essen.   Ein Unfall reißt Andreas Crüsemann aus dem Leben. Jahrelang muss er um sein Augenlicht bangen. Doch ihm gelingt ein Neustart – mit Atemtherapie.

Am 24. April 2013 übersieht Andreas Crüsemann abends um halb neun einen fehlenden Stein im Boden der Fußgängerzone von Baden Baden. Er tritt in ein acht Zentimeter tiefes Loch, stolpert und fällt auf sein Gesicht. Jetzt wird alles anders.

Crüsemann, der in Stadtwald großgeworden ist und bis heute dort lebt, ist jetzt 51 Jahre alt. Er sitzt im Café der Essener Volkshochschule und erzählt von den letzten fünf Jahren, wie ihn dieser Unfall aus der Bahn warf. „Letztendlich bin ich heute dankbar für diesen Bruch in meiner Biografie.“

Tabellen-Linien am Computer zerfließen in Wellen

Bei dem Unglück verletzte sich Crüsemann ein Auge. Beide sind bis heute noch nicht wieder komplett gesund. Doch Crüsemann redet von Dankbarkeit. Hat er nicht eben noch ausführlich von seiner schweren, depressiven Episode berichtet? Von der wochenlangen Angst, dauerhaft zu erblinden, von den beständigen Seh-Schwierigkeiten, die ihn zumindest teilweise haben berufsunfähig werden lassen? Von Angstschweiß um vier Uhr in der Frühe und von Tabellen-Linien am Computermonitor, die vor seinen Augen zerfließen wie die Fugen der Fliesen in einem Schwimmbad, die man durchs Wasser betrachtet?

In Baden-Baden, Crüsemann ist damals deutschlandweiter Marketing-Chef einer Multiplex-Kino-Kette, hat er einen Fachvortrag gehalten. Er eilt schnellen Schrittes durch die Innenstadt, dann der Sturz, sein rechtes Auge wird verletzt. Zwei Operationen stehen an, da ist noch die Rede von Routine-Angelegenheiten. „Wochen später“, erzählt Crüsemann, „war ich wieder im Büro und dachte, es ist überstanden.“

Das linke Auge wird so krank wie das rechte

Doch wenn ein Organ krank ist, wird es das andere manchmal auch, wenn es zwei davon im Körper gibt. Crüsemanns linkes Auge, eigentlich unversehrt, entwickelt die gleichen Symptome wie das rechte – es bilden sich Zysten, Crüsemann kann nicht mehr scharf sehen, aus geraden Strichen werden Schlangenlinien. Auch das linke Auge wird operiert.

Monate später. Crüsemann meint wieder, alles überstanden zu haben, es folgt eine Nachsorge-Untersuchung des linken Auges. In der Arztpraxis liegt ein Bild des Augeninneren, alles voller Zysten. „Das ist die alte Aufnahme, stimmt’s?“, fragt Crüsemann. Nein, es ist das ganz aktuelle Bild. Das linke Auge will auch nach der Operation nicht gesund werden. „Da war ich dann mental am Ende.“

Er probiert aus, wie es ist, blind zu sein, tastet sich durch die Wohnung

Das kranke Auge ist verborgen unter einem Verband, Crüsemann bindet sich auch das rechte Auge zu, probiert aus, wie es ist, blind zu sein, schleicht tastend durch die Wohnung. „Und das für mich als visueller Mensch, ich war Jahrzehnte lang im Kino-Marketing, ich habe meinen Job geliebt.“ Zu Hause muss immer alles vom Boden freigeräumt sein, damit Crüsemann nicht stolpert. Und die bange Frage kommt in ihm hoch: „Was machst du, wenn du nie mehr richtig sehen kannst?“

Ihn ereilen Symptome, die er bislang nicht kannte: Kribbeln in den Beinen, Schlaflosigkeit, Angst – ihm wird wenig später eine depressive Episode diagnostiziert. „Ich hatte Angst, dass ich mir was antue.“

In der Therapie hört er magersüchtige Mädchen sprechen – und findet sich in dem wieder, was sie sagen

Es folgen acht Wochen in einer Klinik, Gruppentherapie. „Da saßen magersüchtige Mädchen, die waren höchstens 17, und ich dazwischen als Mann Mitte 40, und trotzdem erkannte ich mich wieder in dem, was sie sagten.“ Erkennt, dass er vor dem Unfall viel zu viel gearbeitet hat, viel zu sehr auf Leistung fixiert war, ein Kontroll-Freak außerdem, und auf die Signale seines Körpers hat er nicht gehört: „Ich bin arbeiten gegangen trotz Fiebers. Jede Erkältung habe ich ignoriert, egal, wie lange die sich hinzog. Da hat mein Körper den Unfall zum Anlass genommen, die Notbremse zu ziehen.“

Und heute? Crüsemann kann drei, vier Stunden am Stück am Computer arbeiten, „dann bekomme ich Kopfschmerzen.“ Er wird nie mehr zu hundert Prozent leistungsfähig sein. Seinen Job von damals hat er nicht mehr, auch wenn ihm der Arbeitgeber, wie er sagt, lange die Stange hielt, mehrere Wiedereingliederungs-Maßnahmen mitmachte. Seit einer Woche ist er in Teilzeit beschäftigt, bei „Menerga“, einem Mittelständler in Mülheim.

Atemtherapie kannte er schon von seiner Mutter

Als Crüsemann sich mit dem Gedanken anfreunden musste, wohl nie wieder richtig sehen zu können, dachte er darüber nach: „Was kannst du sonst noch machen?“ Ihm fiel die Atemtherapie ein. Seine Mutter ist Atemtherapeutin, brachte ihm schon Grundlagen bei, da war er noch Jugendlicher.

„Es ist kein autogenes Training oder einfach eine Methode, um sich zu entspannen. Es geht darum, ganz bewusst die Verbindung zwischen Leib und Seele herzustellen. Denn nichts anderes ist der Atem.“

Erstmals, nach soeben vollendeter, dreijähriger Ausbildung zum Atemtherapeuten an einem Berliner Institut, bietet Crüsemann jetzt an der Volkshochschule einen Atem-Kurs an. „Es ist sehr körperbetont, wir wollen unseren Atem durch Bewegung und Berührung erfahren.“ Was das bringt? „Ein Heilversprechen kann und will ich nicht geben.“ Doch dass ihm das bewusste Atmen durch die schweren, letzten Jahre geholfen hat, ist keine Frage.

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