Kirchenmusik

Wie Corona das Arbeitsleben einer Essener Kantorin verändert

Der Dirigentenstab ist das Arbeitsgerät von Stefanie Westerteicher, die seit 25 Jahren Kantorin an der Auferstehungskirche im Südostviertel in Essen ist.

Der Dirigentenstab ist das Arbeitsgerät von Stefanie Westerteicher, die seit 25 Jahren Kantorin an der Auferstehungskirche im Südostviertel in Essen ist.

Essen-Südostviertel.  Stefanie Westerteicher ist seit 25 Jahren Kantorin im Essener Südostviertel. Die Jubiläumskonzerte sind wegen Corona um ein Jahr verschoben.

Seit 25 Jahren ist Stefanie Westerteicher als Kantorin in der evangelischen Auferstehungskirche im Südostviertel tätig. Sie leitet dort fünf Chöre und hat damit die wohl umfangreichste Chormusikstelle der evangelischen Kirche in Essen inne. Das Dienstjubiläum sollte eigentlich Anfang Oktober groß gefeiert werden – doch Corona machte den Beteiligten einen Strich durch die Rechnung.

„Im Grunde sind wir froh, dass die Chorarbeit jetzt so langsam wieder losgeht. Die jungen Sänger und Sängerinnen der Kinderchöre habe ich seit März nicht mehr gesehen“, sagt Stefanie Westerteicher (54). Den Kontakt zu ihren Schützlingen halte sie per Podcast, E-Mail und Whatsapp, aber das sei natürlich nicht dasselbe wie gemeinsames Singen.

Die Kantorin hatte sich lange auf das Konzert zum Dienstjubiläum gefreut

Sie hatte sich mit ihren Chören lange auf den 4. Oktober gefreut. Dann sollte ein großes Chor-und Orchesterkonzert in der evangelischen Auferstehungskirche mit der markanten Tortenform stattfinden. Auf dem Programm: „Elias“ von Felix Mendelssohn-Bartholdy, aufgeführt mit Chorsängern der Kantorei, des Kammerchores und der Jugendkantorei. Am 3. Oktober sollte zusätzlich eine verkürzte kindgerechte Fassung des Oratoriums geboten werden, mit Erläuterungen zum Stück und zum Komponisten.

„Wir waren schon im Februar recht weit mit der Probenarbeit, dann kam Corona. Da ich in unserer Kirche im Moment nur mit maximal acht Leute singen darf, muss leider jede chorische oder konzertante Festivität Anfang Oktober ausfallen“, erklärt die Kirchenmusikerin, die mit ihrer Familie in Bergerhausen lebt. Die beiden Aufführungen seien um ein Jahr verschoben – auf den 3. und 4. Oktober 2021.

Trotz Corona soll das Musikleben in der Gemeinde weitergehen

Trotz Corona habe sie seit April alles versucht, um das Musikleben der Gemeinde nicht ganz zum Erliegen kommen zu lassen. Gesungen werde in unterschiedlichsten Konstellationen bei Proben der etwas anderen Art drinnen und draußen, man habe Videogottesdienste mit Sängern gestaltet und Video-Collagen erstellt, bei denen die Sänger einzeln zu Hause agiert hätten. Das sei dann von einem Tontechniker zusammengeschnitten worden.

„Ich habe gemerkt, wie sehr allen das gemeinsame Singen fehlt und wie dankbar die Sänger für jedes Angebot sind“, sagt Stefanie Westerteicher. Um wieder Kontakt zu den Kinderchören zu bekommen, habe sie einen gemeinsamen Waldausflug organisiert. Dass fast alle Kinder gekommen seien, zeige, wie stark die Bindung sei.

Die Kantorin hat ihre Entscheidung fürs Ruhrgebiet nie bereut

Stefanie Westerteicher stammt eigentlich aus Gütersloh. „Ich wollte überall hin, nur nicht ins Ruhrgebiet“, sagt sie und lacht. Eigentlich komme sie aus einer nicht besonders musikalischen Familie, eine Freundin habe sie mit 15 mit zur Chorprobe genommen und gleich habe sie gewusst: „Ich will auch da oben stehen und dirigieren.“ Sie habe dann in Düsseldorf Kirchenmusik studiert und sich auf die Stelle an der Auferstehungskirche beworben – wo sie bis heute mit viel Engagement und Leidenschaft tätig ist. „Ich habe die Entscheidung nie bereut. Ich arbeite in einer tollen Kirche, habe eine schöne Orgel.“

Das Besondere an ihrer Stelle sei, dass sie die Chorsänger oft von den ersten Singversuchen bis in den Kammerchor begleite. „Oft sind Kantoreien ja überaltert, wir bilden dagegen unseren eigenen Nachwuchs aus“, erklärt Stefanie Westerteicher. Sie arbeite normalerweise jede Woche mit rund 150 Sängern bei wöchentlichen Proben, Probenwochenenden und Konzertreisen, die etwa alle zwei Jahre auf dem Programm stehen.

Die Organisation von Konzerten ist zeitaufwendig

Neben der Probenarbeit gehöre die musikalische Begleitung der Gottesdienste auf der Orgel zu ihren Aufgaben. Einen Großteil der Arbeit mache auch die Organisation von Konzerten – davon gebe es zehn bis zwölf pro Jahr – und die Zusammenstellung der Programme aus. Vieles gehe von zu Hause aus – was gut fürs Familienleben sei. „Als Kantorin macht man eigentlich alles selbst, inklusive Plakate, Werbung für die Konzerte, Pressekontakte.“ Auch die Finanzierung müsse sie im Blick haben.

Corona habe die normale Chorarbeit fast komplett zum Erliegen gebracht Mit den Erwachsenen probe sie inzwischen wieder in kleinen Gruppen, was den Arbeitsaufwand natürlich deutlich erhöhe. Zudem stoße man schnell an die Grenzen des Sinnvollen: „Ich kann schlecht ein Oratorium wie den Elias mit vier Leuten proben, wenn am Ende 100 Leute auf der Bühne stehen sollen.“ An Konzerte sei wegen des geforderten Abstands nicht zu denken, aber die Gottesdienste könnten jetzt wieder von sechs bis acht Sängern gestaltet werden. „Irgendwie hat sich durch Corona eines der gesündesten Hobbys zu einem der gefährlichsten gewandelt“, bedauert die Kantorin.

Hoffnung auf Konzertreisen

Trotz ihrer langen Tätigkeit als Kantorin hat Stefanie Westerteicher noch musikalische Wünsche: „Ich würde gern das Verdi-Requiem und die h-moll-Messe von Bach aufführen“, sagt sie, hofft aber vor allem, dass bald Konzertreisen wieder möglich sein werden, die für alle Beteiligten immer sehr inspirierend und motivierend gewesen seien und den Sängern unvergessliche und bewegende Momente beschert hätten.https://www.waz.de/staedte/essen/waz-newsletter-verpassen-sie-keine-nachrichten-aus-essen-id226159589.html

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