Rot-Weiss Essen

Wenn RWE-Fans auch vor Heimspielen auswärts fahren

Die Westkurve im Stadion Essen (im Bild: eine Choreografie vom letzten Spieltag der Saison 2013/14). Einige RWE-Fans fahren mehrere hundert Kilometer, um die Mannschaft von Rot-Weiss bei Heimspielen zu sehen.

Die Westkurve im Stadion Essen (im Bild: eine Choreografie vom letzten Spieltag der Saison 2013/14). Einige RWE-Fans fahren mehrere hundert Kilometer, um die Mannschaft von Rot-Weiss bei Heimspielen zu sehen.

Foto: WAZ FotoPool

Essen.   Nicht alle Anhänger von Rot-Weiss, die an die Hafenstraße kommen, leben in Essen oder im Revier drumherum. Einige fahren für RWE-Heimspiele weite Wege.

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Julian Kerscher führt eine leidenschaftliche Fernbeziehung: Der 28-Jährige hat eine Dauerkarte für die Heimspiele von Rot-Weiss Essen – obwohl er 335 Straßenkilometer von der Hafenstraße entfernt lebt. In Erlenbach bei Marktheidefeld. Das liegt im unterfränkischen Landkreis Main-Spessart. Wenn RWE, wie diesen Freitag (13. Februar) beim ersten Heimspiel der Rückrunde, um 19 Uhr antritt, muss Kerscher „spätestens um 14 Uhr losfahren“. Zwischen 2 und 3 Uhr nachts ist er dann wieder zurück in Bayern, wo sich seine Freunde mit dem FC Bayern München freuen und ihn „für total bekloppt halten“, wie er sagt. Als RWE-Fan ist der Existenzgründer in Bayern ein Exot. Aber er ist längst nicht der einzige Anhänger des Vereins, der für den Viertligisten seines Herzens weite Wege fährt.

Drei Stunden Fahrt für eine Halbzeit

Uwe Strootmann ist auch einer derjenigen, für die selbst Heimspiele in Bergeborbeck immer auch Auswärtsfahrten bedeuten. Der 48-Jährige lebt mit seinen zwölfjährigen Zwillingstöchtern und seiner zukünftigen Ehefrau in Nordhorn, im Südwesten Niedersachsens. Eintracht Nordhorn, ein ehemaliger Oberligist, kämpft sich durch die Bezirksliga, weshalb sich die meisten Fußballfans der Kreisstadt für Twente Enschede, den HSV oder – „das darf man gar nicht sagen“, sagt Strootmann – für Schalke interessieren. Ihn, den gebürtigen Nordhorner, schleppte ein Freund Anfang der Achtziger mit zu einem RWE-Spiel in Meppen: „Der hat einen bekloppt gemacht mit seiner Liebe zu Rot-Weiss.“

Strootmann ließ sich trotzdem anstecken, besuchte mit seinem Kumpel so viele Spiele wie möglich. 2009 starb sein Freund viel zu jung. „Seitdem fahre ich alleine hin: für RWE, aber ein bisschen auch für ihn.“ Und oft mit schlechtem Gewissen: „Ich bin immer auf die Unterstützung meiner Familie und die Nachsicht meiner Kollegen angewiesen.“ Der Erzieher arbeitet in einer Einrichtung für geistig Behinderte, manchmal zwölf Tage rund um die Uhr. Fast immer hetzt er von der Arbeit aus nach Essen – oft sogar nur für eine Halbzeit – und nach dem Abpfiff „sofort wieder anderthalb Stunden retour“. Warum all der Aufwand für einen Viertligisten? „Der Verein fasziniert, er erinnert mich an mein eigenes Leben; da ist nichts künstlich oder hochgestochen.“

„Leid und Spritkosten teilen“

Beobachten und kommentieren kann Strootmann das Geschehen in Bergeborbeck aber auch von Nordhorn aus: Seit 2006 veröffentlicht er seine Fotos und Gedanken im Internet „Im Schatten der Tribüne“ (ISDT). So heißt sein Blog mit der etwas anderen Sichtweise auf den Kultclub. Dort rief er im Vorjahr Exil-RWE-Fans auf, ihm zur Vernetzung ihre Postleitzahl zu schicken: „Würdet Ihr gerne öfter gen Essen fahren? Leid und Spritkosten, alternativ Abteil und Sixpack teilen, manchmal sogar Freude?“