Notmütter in Essen

Wenn Familien ans Limit geraten: Eine Notmutter berichtet

Familienpflegerin Nathalie Laufenburg vor dem Büro des Verbandes für alleinerziehende Mütter und Väter (VAMV) in Essen, für den sie als Notmutter arbeitet.

Familienpflegerin Nathalie Laufenburg vor dem Büro des Verbandes für alleinerziehende Mütter und Väter (VAMV) in Essen, für den sie als Notmutter arbeitet.

Foto: André Hirtz / FUNKE Foto Services

Essen.  Wenn Familien an ihr Limit geraten, drohen Vernachlässigung oder gar Tragödien wie in Solingen. In Essen helfen Notmütter, dass es nicht knallt.

Sie ist alleinerziehend und lebt mit ihren acht Kindern in einer Drei-Zimmer-Wohnung, um Hilfe hat sie nie gebeten. Trotzdem wird sie seit vergangenem Jahr von einer sogenannten Notmutter unterstützt: Dem Jugendamt war aufgefallen, dass die Kinder wiederholt wichtige Termine beim Kinderarzt oder Gesundheitsamt verpassten – ein Warnsignal.

Der Verband alleinerziehender Mütter und Väter (VAMV) NRW e.V. hat einen Pool von knapp 50 Notmüttern und etwa fünf Notvätern, die er in Familien in Essen und Umgebung vermittelt. Es sind Studenten, Rentner und ausgebildete Familienpflegerinnen, die einkaufen gehen, die Kinder von der Kita abholen oder Hausaufgaben betreuen. Sie werden meist von der Krankenkasse bezahlt und helfen in besondern Notlagen, etwa wenn eine Mutter erkrankt oder in den Reha ist, wenn ein Familienmitglied stirbt, aber auch wenn Alkohol- oder Spielsucht eine Familie belastet.

Nicht jedes der acht Kinder hat ein eigenes Bett

Manchmal reicht schon der Alltag, um Eltern an ihre Grenzen zu bringen: „Mit acht Kinder überlebt man allein geradeso“, sagt Familienpflegerin Nathalie Laufenburg. Die 49-Jährige ist als Notmutter 30 Stunden pro Woche bei der Alleinerziehenden mit den acht Kindern zwischen zwei und 16 Jahren. Die Wohnung sei picobello aufgeräumt, die Mutter eine tolle Köchin. Sie lege Wert auf Ordnung, Sauberkeit und gutes Essen. „Aber nicht jedes der Kinder hat ein eigenes Bett.“ Im Kinderzimmer stehen zwei Etagenbetten, der Jüngste schläft bei der Mutter im Bett, die anderen machen sich ein Schlaflager im Wohnzimmer.

Die beengte Wohnung ist der Lebensmittelpunkt der Kinder, besonders für die Mädchen, die anders als die Brüder nicht im Sportverein angemeldet werden, deren Bildung ebenfalls als zweitrangig gilt. Als Laufenburg die Familie im Dezember 2019 kennenlernte, hatte sich die Älteste zur Schulverweigerin entwickelt, auf deren Abschlusszeugnis lauter Sechsen prangten. Die kleinen Geschwister gingen nicht regelmäßig zur Kita, „weil die Mutter es nicht immer schaffte, sie hinzubringen“. Der Kleinste, damals ein Jahr alt, war praktisch nie an der frischen Luft gewesen.

„Sie ist eine liebevolle Mutter, aber ihre Kinder sind trotzdem verhaltensauffällig“, sagt Nathalie Laufenburg. Es ist eins jener stillen Dramen, die jahrelang unentdeckt bleiben können. Die erst bemerkt werden, wenn eine erschöpfte Mutter wie jüngst in Solingen keinen Ausweg mehr sieht und mit ihren Kindern aus dem Leben scheiden möchte. Ohne dass es zuvor einen Hilferuf gegeben hätte.

Seit die Notmutter mit ihnen Hausaufgaben macht, werden die Noten besser

Nathalie Laufenburg ist sicher, dass sich auch die von ihr betreute Frau nie von sich aus um Unterstützung gekümmert hätte. Sie stamme aus einer arabischen Familie, die ihr zur Seite stehe – und es gleichzeitig ablehne, „Fremde um Hilfe zu bitten“. Es habe daher gedauert, bis ihr die Frau Vertrauen schenkte. „Aber jetzt hat sie sich bei uns bedankt“, sagt Katharina Porydzaj, die die Notfall-Betreuung des VAMV leitet. „Und sie hat sich gewünscht, dass die Hilfe weiterläuft.“

Das liege wohl auch daran, dass sie Erfolge für ihre Kinder sehe: Von Beginn an hat Laufenburg mit den Kleinen Hausaufgaben gemacht, schnell brachten sie gute Noten nach Hause. Der Junge, der die erste Klasse wiederholen musste, kann nun gleich in die dritte aufrücken. Der Jüngste war mit Nathalie Laufenburg in der Krabbelgruppe, hat jetzt keine Scheu mehr vor unbekannten Menschen und geht nun in die Kita. Die 16-Jährige besucht inzwischen ein Berufskolleg. „Die Kinder sind jetzt auch anders drauf, weil die Struktur da ist.“ Die Mutter überlege nun sogar, wieder arbeiten zu gehen.

Strukturen zu schaffen, hilft oft schon

Das Chaos zu bannen, Struktur zu schaffen, ist das eine. Die Familie aus ihrer Isolation zu holen, sie mit Ansprechpartnern bekannt zu machen, Türen zu öffnen ist das zweite. Als eins der Kinder nur mit einem Schuh nach Hause kam, war die Mutter verzweifelt. „Sie wusste nicht, dass es bei der Kleiderkammer Kindersachen gibt“, erzählt Nathalie Laufenburg. „Und sie dachte, sie hätte ihren Sohn schlecht erzogen.“ Da helfe es schon zu sagen, dass auch andere Kinder Sachen verlieren.

Nathalie Laufenburg hat selbst fünf Kinder zwischen zehn und 23 Jahren. Nach einem Blinddarmdurchbruch hatte sie auch zeitweilig eine Familienpflegerin, die sich um ihre damals noch drei kleinen Kinder kümmerte. „Das hat mir auch emotional sehr geholfen. Es ist schon sehr beruhigend zu wissen, dass man nicht alleine ist.“

Nach einem Hilferuf, war die Notmutter binnen drei Stunden in der Familie

Mit den Notmüttern, die oft von der Krankenkasse bezahlt werden, gebe es in Essen ein Angebot, das in vielen anderen Kommunen fehle, sagt Katharina Porydzaj. Der VAMV reagiere schnell auf Hilferufe, habe schon mal binnen drei Stunden eine Notmutter in eine Familie geschickt. „Wir haben schon viele Situationen gerettet – und es gibt kaum Abbrüche.“

Nathalie Laufenburg, die früher in einer Modeagentur gearbeitet hat, ist froh über ihren Berufswechsel, bei dem sie ihre soziale Ader ausleben könne. Und: „Ich weiß nie, was mich erwartet. Jeder Tag ist anders.“

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