Tätersuche

Wenn Essens Fahnder zum Foto greifen: Kennen Sie den?

Seit zehn Jahren arbeitet Max Kellermann (42) als einer von sechs Ermittlungsrichtern am Amtsgericht Essen-Mitte. Foto-Fahndungen sind für ihn und seine Kollegen heute „überhaupt nichts Besonderes mehr“.

Foto: Stefan Arend

Seit zehn Jahren arbeitet Max Kellermann (42) als einer von sechs Ermittlungsrichtern am Amtsgericht Essen-Mitte. Foto-Fahndungen sind für ihn und seine Kollegen heute „überhaupt nichts Besonderes mehr“. Foto: Stefan Arend

Essen.   Immer mehr Kameras bescheren auch immer mehr Foto-Fahndungen der Polizei: von Dieben, Fälschern – und einem „Ferkel“, das womöglich keines ist.

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Manchmal lächeln sie auch. Flirten mit der Kassiererin, schäkern mit dem Sitznachbarn, setzen am Tresen eine heitere Unschuldsmiene auf, aber danach sind dann Geld wie EC-Karte weg und der Schmuck verschwunden, während in der Registrierkasse Blüten statt Bares liegen. Und die Polizei fragt die Opfer: Wie sah der denn aus?

Das dann oft folgende Gestammel („Tja, wie sah der aus?“) und manche Allerwelts-Beschreibung können sich die Betroffenen mittlerweile oft sparen. Denn die sprunghafte Zunahme der Zahl von Überwachungskameras in Geschäften und im öffentlichen Straßenraum liefert immer öfter auch die Möglichkeit zur Foto-Fahndung – wenn gar nichts mehr geht.

„Viele melden sich dann von allein“

Letzteres ist allerdings Bedingung. Erst wenn die Polizei mit ihrem Latein am Ende ist und keine anderweitigen Ermittlungs-Ansätze mehr sieht, greift sie zum Foto, „das letzte Mittel“, sagt Sprecherin Judith Herold. Eines, über das nirgends eine Statistik geführt wird. Nur dass es immer öfter genutzt wird, der vielen Kameras wegen, steht fest. Und dass die Polizei, wie Herold sagt, „sehr gute Erfahrungen“ gesammelt hat.

Nicht nur, weil die Bürger übers soziale Netzwerk Facebook und den Kurznachrichten-Dienst Twitter per kurzem Handy-Blick massenhaft „mitfahnden“. Sondern auch, weil der Fahndungsdruck die Gesuchten nervös macht: „Viele melden sich dann von allein.“

Sechs Richter entscheiden im Landgerichts-Bezirk

Dabei dauert es mitunter Wochen, bis nach der Tat die Suchmaschinerie in Gang geht. Letztes Mittel, wie gesagt. Dann wendet sich die Polizei an die Staatsanwaltschaft, diese prüft und leitet das Ersuchen in den allermeisten Fällen weiter ans Amtsgericht. Dort landen die Akten über mögliche Missetäter bei Max Kellermann (42) und seinen fünf Kollegen, die als Ermittlungsrichter für den kompletten Landgerichtsbezirk tätig sind. Und sie entscheiden: Darf das Foto an die Medien weitergereicht, bei Facebook gezeigt werden?

Auch wenn sich eine gewisse Routine einstellt – immer handelt es sich um Einzelfall-Entscheidungen. An diesem Morgen für Kellermann drei an der Zahl: Einer hat mit gefälschtem Pass ein Konto eröffnen wollen, einmal geht’s um einen räuberischen Diebstahl, einmal um eine Unterschlagung. Entscheidend zunächst: Eine Straftat „von erheblicher Bedeutung“ muss es sein, was alles unter einem Jahr Höchststrafe ausschließt.

Bei „absoluten Gelegenheitstaten“ verschont

In mehr als der Hälfte der Foto-Fahndungen geht es um Kreditkarten-Klau, gefolgt von Diebstählen. Eine eher kleine Rolle spielen Schlägereien, weil Opfer und Täter sich oft kennen und die Fotofahndung oft nicht nötig ist. Bei harmlosen Ladendiebstählen, sofern es sich um „absolute Gelegenheitstaten“ handelt, bleiben die Beschuldigten meist davon verschont, ihr Gesicht in der Zeitung zu sehen. Wo aber professionelles kriminelles Verhalten vermutet wird, kennen Kellermann und Co. kein Pardon. Zweifelsfälle bespricht man schon mal im Kollegenkreis.

Vielleicht wäre es gut gewesen, dort auch über den Fall jener 15-Jährigen zu reden, die sich jüngst in der Straßenbahn von einem jungen Mann belästigt fühlte. Ihm wurde vorgeworfen, so hieß es im Polizeibericht, „an sein Geschlechtsteil manipuliert zu haben“. Über der Jogginghose.

„Wer kennt das Ferkel aus der Linie 109?“

Wo Fußball-Deutschland über Bundestrainer Jogi Löw ebenso schmunzelte wie über die „Eierkrauler“-Erklärung eines Lukas Podolski, wurde es für den Mann ernst: „Mutmaßlicher Sittenstrolch“, schrieb die Polizei. Ein Boulevard-Blatt fragte: „Wer kennt das Ferkel aus der Linie 109?“

Der 22-Jährige stellte sich tags darauf selbst, womöglich ist er fürs erste erledigt: im Job, im Freundeskreis, während inzwischen selbst Juristen zweifeln, ob da überhaupt eine Straftat vorlag.

Wie schön, dass andere Fälle einfacher liegen: Zwei Smartphone-Diebinnen vom Bahnhof machten mit ihrer Beute ein Selfie – und lächelten in die Kamera. Als das Foto in der Cloud der Bestohlenen auftauchte, lächelte das Opfer auch.

>> DIE RECHTLICHE GRUNDLAGE

Die Ausschreibung zur Festnahme ist in § 131 der Strafprozessordnung (StPO) geregelt: Dort heißt es unter anderem: „Bei einer Straftat von erheblicher Bedeutung können (...) der Richter und die Staatsanwaltschaft auch Öffentlichkeitsfahndungen veranlassen, wenn andere Formen der Aufenthaltsermittlung erheblich weniger Erfolg versprechend oder wesentlich erschwert wären.“


„Die Veröffentlichung von Abbildungen eines Beschuldigten (...) ist auch zulässig, wenn die Aufklärung einer Straftat (...) auf andere Weise erheblich weniger Erfolg versprechend (...) wäre.“

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