Rauswurf

Hetz-Vorwurf: Essener Elternbeirat wirft Mutter raus

Bei einer Kundgebung gegen die Schließung von St. Vincenz-Hospital und Marienhospital sprach Leen Kroetsch im Juli 2020 auf dem Essener Burgplatz.

Bei einer Kundgebung gegen die Schließung von St. Vincenz-Hospital und Marienhospital sprach Leen Kroetsch im Juli 2020 auf dem Essener Burgplatz.

Foto: Socrates Tassos / FUNKE Foto Services

Essen.  Der Jugendamtselternbeirat Essen hat eine Mutter ausgeschlossen: Sie habe sich bei Facebook teils hetzerisch und fremdenfeindlich geäußert

  • Wegen ihrer Äußerungen in den sozialen Medien wurde die 35-jährige Mutter Leen Kroetsch aus dem Essener Jugendamtselternbeirat (JAEB) ausgeschlossen.
  • Der Jugendamtselternbeirat soll zwischen Kindergärten, der Stadt und den Eltern vermitteln.
  • „Die Grundlage für eine Zusammenarbeit war irgendwann zerrüttet“, sagt JAEB-Vorsitzende Robert Armbruster. Leen Kroetsch hat einen Anwalt eingeschaltet.

Die Entscheidung fiel einstimmig: Der Jugendamtselternbeirat (JAEB) Essen hat Leen Kroetsch ausgeschlossen. „Wiederholte Äußerungen von Frau Kroetsch in sozialen Medien mit teils hetzerischen, fremdenfeindlichen oder moralisch fragwürdigen Inhalten [...] tragen zu sozialer Abgrenzung bei“, heißt es in der Begründung, die das Gremium auf seine Homepage veröffentlicht hat. Die 35-jährige Kroetsch kündigt jetzt rechtliche Schritte gegen den Rauswurf an.

Im Jugendamtselternbeirat sitzen gewählte Mütter und Väter von Kindergartenkindern, die zwischen Kitas, Stadt und Eltern vermitteln und laut Eigendarstellung „zu kontroversen Themen mobilisieren“. Was Mobilisierung angeht, kann man auch Kroetsch eine gewisse Expertise nicht absprechen: Die Mutter erregte vor zwei Jahren bundesweite Aufmerksamkeit mit einem Video, das sie auf ihrer Facebook-Seite gepostet hatte. Ihr Sohn fühle sich in seiner Kita als Ausländer, weil nur zwei von 25 Kindern „deutsch ohne Migrationshintergrund“ seien, heißt es da. „Deutsche Kinder werden islamisiert“, sagt Kroetsch weiter und erzählt, dass sie den Kita-Platz habe einklagen müssen, während die „Eltern vom Mohammed, vom Ali und wie sie alle heißen, nicht klagen mussten“.

Leen Kroetsch wird als Rassistin und „Nazi-Mutter“ beschimpft

Das Video wurde schon damals lebhaft diskutiert und trägt dazu bei, dass Leen Kroetsch sich bis heute heftigen Anfeindungen ausgesetzt sieht. Ihre Kritiker führen auch an, dass sie später bei einer Demo der „Mütter gegen Gewalt“ in Gelsenkirchen auftrat. Kroetsch, die deswegen als Rassistin oder gar als „Nazi-Mutter“ beschimpft wird, hält dagegen: „Ich wusste damals nicht, dass es sich um eine rechtsextreme Bewegung handelt. Ich bin kein Nazi.“ Ihr politisches Zuhause ist aktuell das Sozial-Liberale Bündnis (SLB), das bei der Kommunalwahl scheiterte.

Seit November 2019 sitzt Kroetsch im JAEB, dessen Mitglieder in der Regel im Paket gewählt werden. Doch schon bald habe sich gezeigt, dass diese eine von 18 Personalien nicht unproblematisch sei, sagt der JAEB-Vorsitzende Robert Armbruster. So habe ihr Video bei anderen Eltern für Unbehagen gesorgt. „Das ist schon starker Tobak“, sagt auch Armbruster. Und bis heute habe sie sich davon nie wirklich distanziert.

Dennoch sei er lange bemüht gewesen, Leen Kroetsch einzubinden: „Die Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut, und ihren politischen Aktivitäten etwa im SLB kann sie selbstverständlich nachgehen.“ Heikel werde es jedoch, wenn fragwürdige Ansichten von Kroetsch in der öffentlichen Wahrnehmung mit dem Jugendamtselternbeirat in Zusammenhang gebracht würden. Durch ihren „außenwirksamen Auftritt und die fehlende Abgrenzung zu fremdenfeindlichen Inhalten“ könne das Ansehen des Gremiums beschädigt werden. Der JAEB sei aber nun mal die Vertretung aller Essener Eltern von Kita-Kindern unabhängig von Geschlecht, Religion, Ethnie oder Nationalität.

Rauswurf: Sie werde der moralischen Verantwortung nicht gerecht

„Der JAEB hat die Pflicht als gesellschaftliche Instanz ein Zeichen gegen soziale Spaltung, gegen Radikalisierung und für ein friedliches gesellschaftliches Miteinander zu setzen.“ Dieser moralischen Verantwortung würden Leen Kroetschs Äußerungen auf sozialen Medien nicht gerecht, daher habe man auf der Sitzung am 21. September einstimmig beschlossen, sie auszuschließen, heißt es in der Erklärung des JAEB. Und weiter: Sie erschwere durch „unkonstruktives, unkollegiales Verhalten“ die Arbeit des Gremiums.

„Die Grundlage für eine Zusammenarbeit war irgendwann zerrüttet“, fasst Robert Armbruster zusammen. Trotzdem habe man sich die Entscheidung nicht leicht gemacht und hätte Leen Kroetsch gern zu den Vorwürfen gehört. Leider habe sie an der Sitzung nicht teilgenommen. Kroetsch entgegnet, dass sie für den Abend keinen Babysitter gehabt habe, aber telefonisch erreichbar gewesen sei – ein Angebot, von dem Armbruster nach eigenen Angaben nichts wusste.

Stellungnahme per Facebook

Nun nimmt die 35-Jährige also per Facebook zu den Vorwürfen Stellung: Schon vor der Wahl in den JAEB habe sie klargestellt, dass sie „weder zu Mütter gegen Gewalt noch zu den Steeler Jungs“ gehöre. Sie habe erklärt, dass das umstrittene Video „sehr emotional“ gewesen sei, und dass sie „im Nachhinein einige Sachen anders gesagt hätte“.

Die Arbeit im JAEB habe sie „voller Tatendrang“ aufgenommen und sich für „Chancengleichheit für alle Kinder“ einsetzen wollen. Schnell habe sie aber feststellen müssen, dass andere Mitglieder „anscheinend nicht ertragen, wenn man eine andere Meinung vertritt“. Die politische Ausrichtung einiger Eltern habe keinen Dialog zu gelassen, behauptet Kroetsch. „So kennt man das eigentlich nur von links versifften Parteien.“ Ein Satz, der einen Dialog nicht erleichtern dürfte.

„Habe die Sache an meinen Anwalt weitergegeben“

Auf Nachfrage versichert Leen Kroetsch jedoch, dass sie den Vorfall „nicht weiter aufbauschen“ wolle: Der JAEB habe durchaus auch gute Arbeit gemacht. Andererseits geschehe ihr mit dem Ausschluss Unrecht, daher habe sie beim städtischen Jugendamt und beim Landesjugendamt eine Beschwerde eingelegt „und die Sache an meinen Anwalt weitergegeben“.

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