Bundespräsident Heinemann

Vor 50 Jahren: Gustav Heinemann zum Präsidenten gewählt

Sohn und Vater: Peter Heinemann zeigt ein Jugendbild seines Vaters Gustav, der von 1969 bis 1974 Bundespräsident war. Anlässlich seiner Wahl vor genau 50 Jahren erinnert er sich.

Sohn und Vater: Peter Heinemann zeigt ein Jugendbild seines Vaters Gustav, der von 1969 bis 1974 Bundespräsident war. Anlässlich seiner Wahl vor genau 50 Jahren erinnert er sich.

Foto: Kerstin Kokoska

Essen.   Die Wahl Gustav Heinemanns zum Staatsoberhaupt am 5. März 1969 läutet den sozialliberalen Machtwechsel ein. Sohn Peter Heinemann erinnert sich.

„Ein Stück Machtwechsel“ nennt Gustav Heinemann das, was am 5. März 1969 bei der Bundesversammlung in der Ostpreußenhalle in Berlin passiert ist. Seine Wahl zum Bundespräsidenten erweist sich als Zäsur in der Geschichte der noch jungen Bundesrepublik. Nicht nur, weil jetzt zum ersten Mal ein Sozialdemokrat an der Spitze des Nachkriegsstaates steht. Mit dem Essener in der Villa Hammerschmidt wird zugleich ein neues Kapitel aufgeschlagen. Dieselben, die ihn ins Bundespräsidentenamt wählen – Sozialdemokraten und Freidemokraten – läuten mit dieser Wahl tatsächlich den Machtwechsel im Bund ein. Denn nur ein halbes Jahr später – nach zwei Jahrzehnten christdemokratischer Herrschaft – beginnt die sozialliberale Ära mit Willy Brandt (SPD) als Bundeskanzler und Vizekanzler Walter Scheel (FDP).

Der „Bürgerpräsident“ und „Der Gerechte“

Vom Stadtoberhaupt in Essen zum Staatsoberhaupt der Bundesrepublik: Gustav Heinemann zählt zu den schillerndsten Figuren der deutschen Nachkriegsgeschichte und zu jenen Ausnahmepolitikern, die das höchste Amt im Staate besonders stark geprägt haben. Gustav Heinemann wird als „Bürgerpräsident“ in die Geschichte eingehen, die Hamburger Morgenpost nennt ihn „Den Gerechten“.

Genau 50 Jahre nach der historischen Wahl schaut Peter Heinemann zurück auf das Leben seines berühmten Vaters und auf jenen historischen 5. März. Wir treffen ihn in seinem Heisinger Haus. „Bei der Wahl ging es äußerst knapp zu“, sagt der 83-Jährige. Tatsächlich entwickelt sich die Wahl zu einem Krimi. Sie beginnt um 10 Uhr und endet erst um 18.30 Uhr. Drei Wahlgänge sind erforderlich, alle enden mit einem hauchdünnem Vorsprung für Heinemann.


Von den 1036 Wahlfrauen und -männern sind 1024 erschienen: 482 CDU/CSU, 449 SPD, 83 FDP und 22 NPD. „Walter Scheel war damals Bundesvorsitzender der FDP. Er hatte sich mit Dietrich Genscher und Willi Weyer in der FDP-Fraktion massiv für meinen Vater eingesetzt“, erinnert sich Peter Heinemann. Die NPD-Leute wollen den CDU-Kandidaten Gerhard Schröder wählen.

„Der einzige, der Grund hat aufgeregt zu sein, ist Herr Scheel“

Zwischen den Wahlgängen erlebt der Sohn seinen Vater „absolut ruhig und gelassen“. Er fragt ihn: „Bist du denn überhaupt nicht aufgeregt?“. Darauf antwortet Gustav Heinemann: „Der einzige, der Grund hat, aufgeregt zu sein, ist Herr Scheel.“ Im entscheidenden dritten Wahlgang reichen 512 Stimmen, die einfache Mehrheit, der Essener Gustav Heinemann ist Bundespräsident.

Lassen der Gewinner und die, die ihn gewählt haben, nun ausgelassen und siegestrunken die Korken knallen? Mitnichten. Sein Vater habe vor der Wahl gesagt: „Wenn ich verliere, gibt es eine große Feier im kleinen Kreis; wenn ich gewinne, eine kleine Feier im großen Kreis.“ Und so kommt es. Es wird debattiert. „Mein Vater bestand auf einer disziplinierten und ernsthaften Diskussion über den inneren Zustand der Republik und über die Gründe für das Aufbegehren der Achtundsechziger“, erinnert sich Peter Heinemann. Es ist eine stürmische Zeit: Studenten radikalisieren sich, der Anti-Vietnam-Protest nimmt weltweit zu und langhaarige Hippies, beseelt vom Woodstock-Feeling, rebellieren gegen das Establishment und bürgerliche Spießigkeit.

„Als Helmut Schmidt sprach, blieben die Kellner wie angewurzelt stehen“

Die Leitung der Diskussion überträgt der neue Präsident dem Berliner Theologen Helmut Gollwitzer, unter den Delegierten befinden sich Intellektuelle und namhafte Persönlichkeiten wie etwa der Schriftsteller Günter Grass. „Die Kellner rannten mit ihren Tabletts durch die offenen Saaltüren rein und raus. Aber jedes Mal, wenn Helmut Schmidt sprach, blieben sie, mochten ihre Tabletts auch noch so voll und schwer sein, bewegungslos wie gebannt und angewurzelt stehen.“

Inmitten dieser aufgeregten und aufwühlenden Zeit wirkt Gustav Heinemann, ganz mit sich im Reinen, wie ein Fels in der Brandung. Jurist von Beruf und Strafverteidiger, Industrieller und Kirchenmann, Ratsherr und Bundesminister – Heinemann verkörpert hohe moralische Integrität und geistige Autorität. Wer ihn live erleben und zugleich ein Gefühl für jene Zeit gewinnen möchte, dem sei das ungewöhnlich dichte und ruhige Fernsehinterview mit Günter Gaus von 1968 empfohlen. Ein faszinierendes TV-Dokument, in dem Heinemann – schon 68-jährig, aber von bestechender geistiger Frische – eine Schachtel Reval aus dem Sakko ziehend und sich in aller Ruhe mit einem Streichholz die Zigarette anzündend, den großen Soziologen Max Weber zitiert, wonach Politik das zähe Bohren von harten Brettern sei – mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich. „Dieses zähe Bohren“, bekräftigt er, „steckt in mir drin.“

Heinemann, der Protestant, hat sich in der Nazi-Zeit gegen den Hitler-Wahn der Deutschen Christen gestellt, 1945 die CDU mitbegründet, sich 1950 im Streit über die Wiederbewaffnung mit Konrad Adenauer überworfen und über die Gesamtdeutsche Volkspartei den Weg zur SPD gefunden. Ein Parteisoldat ist er nie gewesen, sondern immer ein freiheitsliebender, unbeugsamer Geist. „Zu den Parteien hatte mein Vater ein funktionales Verhältnis“, sagt der Sohn. Dazu passt: SPD-Mitglieder spricht er damals nicht mit dem gängigen Wort „Genossen“ an, sondern begrüßt sie als „Verehrte Freunde“.

Der produktivste, liberalste und erfolgreichste Justizminister

In der Nazi-Zeit ist Heinemann Teilnehmer der Bekenntnis-Synode von Barmen (1934) und Mitglied der Bekennenden Kirche, die die NS-treuen „Deutschen Christen“ bekämpft. Inspiriert wird er durch den Altstadt-Pfarrer Friedrich Graeber. In Essen hat Gustav Heinemann die Zerstörung der Krupp-Stadt im Zweiten Weltkrieg persönlich miterlebt und nach dem Zusammenbruch mitgeholfen, die Trümmerberge zu beseitigen. Als erster gewählter Oberbürgermeister wirkt er maßgeblich mit am Wiederaufbau der Stadt und an der Versorgung der Menschen. „Wenn jemand ein Anliegen hatte, nahm er sich Zeit. Und er behandelte alle gleich - egal ob Garderobenfrau oder Generaldirektor.“

Die wohl fruchtbarste Phase seiner langen Politikerlaufbahn erlebt er in den zweieinhalb Jahren als Justizminister (1966 bis 1969) der Großen Koalition. „Kenner sind der Meinung, dass mein Vater der produktivste, der liberalste und erfolgreichste Justizminister war.“ Heinemann, der Reformer, entrümpelt das gesamte Strafrecht. Unter ihm werden die Zuchthausstrafe und der Schwulenparagraf 175 abgeschafft, auch Gotteslästerung und Ehebruch sind nicht mehr strafbar, uneheliche Kinder (bis dahin mit dem leiblichen Vater rechtlich nicht mal verwandt) werden gleichgestellt und die Verjährungsfrist für Mord wird verlängert – ein wichtiger Schritt, um Nazi-Mörder bestrafen zu können.

Aber wie war Gustav Heinemann als Mensch? „Er spielte gerne Skat, sammelte Briefmarken und hat Schach gespielt“, berichtet Peter Heinemann. „Mein Vater war ein Familienmensch.“ Dem weit verbreiteten Eindruck, Heinemann sei ein ernster Mensch, tritt der Sohn entgegen. „Er hatte einen feinen, wenn auch trockenen Humor.“

Wenn die Familie in ihrem Haus an der Schinkelstraße 34 im gemäßigt vornehmen Essener Moltkeviertel in geselliger Runde beisammen saß, hat das Familienoberhaupt oft noch am Schreibtisch gearbeitet.

Eine Anekdote, die viel über den integren Menschen und Staatsmann Gustav Heinemann aussagt, erzählt Peter Heinemann gerne. Als seine Eltern die Villa Hammerschmidt bewohnten, habe er sie eines Tages besucht. Sein Vater, ein großer Weinkenner, habe aber nicht etwa einen Butler losgeschickt, sondern sei selbst in den Keller gegangen, um einen guten Tropfen zu holen. Die Finanzen der Bundesrepublik wären sicherlich nicht zusammengebrochen, wenn das Staatsoberhaupt seinen eigenen Sohn auf Staatskosten bewirtet hätte. Doch der Präsident schrieb einen Zettel und bezahlte die Flasche aus eigener Tasche.

Peter Heinemann zeigt ein Porträtfoto seines Vaters, das im Wohnzimmer seiner Villa hängt. „Er war eine in sich geschlossene Persönlichkeit – mit viel Empathie, aber ohne Heiligenschein“. Der Vater und der Sohn, zwei Persönlichkeiten mit vielen Gemeinsamkeiten. Auch Peter Heinemann ist Jurist, Kirchenmann und Politiker geworden. „Mein Vater“, sagt der 83-Jährige, „ist mein Vorbild.“

>>> Zur Person: Gustav Heinemann und Peter Heinemann

  • Gustav Heinemann, 1899 in Schwelm geboren, war von 1946 bis 1949 Oberbürgermeister von Essen, von 1949 bis 1950 Bundesinnenminister und von 1966 bis 1969 Bundesjustizminister. Nach Theodor Heuss (FDP) und Heinrich Lübke (CDU) war er der dritte Bundespräsident (1969 - 1974).

  • Nach dem Bruch mit Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) wegen der Wiederbewaffnung engagierte sich Heinemann in der Friedensbewegung der 1950er Jahre.
  • Kurz vor Ende seiner Amtszeit als Bundespräsident gründete er in Rastatt die „Erinnerungsstätte für die Freiheitsbewegungen in der deutschen Geschichte“.

  • Er war von 1929 bis 1949 Justiziar der Rheinischen Stahlwerke. 1926 heiratete er seine Frau Hilda. 1927 kam Tochter Uta zur Welt, 1928 Christa (deren Tochter Christine Johannes Rau heiratete), 1933 Barbara und 1936 Peter. Gustav Heinemann starb am 7. Juli 1976 und wurde auf dem Parkfriedhof in Huttrop beerdigt.

  • In Essen sind eine Gesamtschule und die Ruhrbrücke in Werden nach ihm benannt. Auch die ehemalige Kaserne in Kray trug seinen Namen.
  • Peter Heinemann, geboren am 2. März 1936 in Essen, ist Rechtsanwalt, und seit 1961 SPD-Mitglied, zwischenzeitlich auch SPD-Chef von Essen. Von 1980 bis 1990 Mitglied des Landtags.

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