Porträt

Vom Hochseil ins Restaurant: Essener Artist blickt zurück

Heute lässt es der ehemalige Artist Franz Traber aus Essen-Bergerhausen ruhiger angehen und genießt seinen Garten.

Heute lässt es der ehemalige Artist Franz Traber aus Essen-Bergerhausen ruhiger angehen und genießt seinen Garten.

Foto: André Hirtz / FUNKE Foto Services

Essen-Bergerhausen.  Franz Traber ist nicht nur als Artist bekannt. Nach dem Aus der Truppe gab er den Job in der Luft auf und wurde Gastronom in Essen-Bergerhausen.

Heute, zu Corona-Zeiten, ist Franz Traber (88) froh, dass sein Leben als Artist lange zurückliegt. „Vielen aus der Branche ging es vorher schon schlecht, die fehlenden Auftrittsmöglichkeiten werden oft das Aus bedeuten“, sagt der Bergerhauser, der sich gern an seine aktive Zeit auf dem Hochseil erinnert. Er stammt aus der bekannten Artisten-Familie Traber-Renz und hat viel zu erzählen.

„Zum Glück ist weder mir noch meiner Familie je etwas passiert, obwohl wir ohne Sicherung gearbeitet haben“, sagt Franz Traber, den viele nur Fränzken nennen. Das sei nicht selbstverständlich, in einer anderen Artistenfamilie habe es einmal drei Todesfälle in einem Jahr gegeben. Wie gefährlich sein Job war, kann man sich ansatzweise vorstellen, wenn man das alte Schwarz-Weiß-Foto betrachtet, das Franz Traber auf einem 36 Meter hohen, schwankenden Mast beim einarmigen Handstand zeigt.

Geboren wurde der heute 88-Jährige in Essen – allerdings eher durch Zufall. „Wir, die Traber-Renz-Truppe, hatten hier ein Gastspiel. Eigentlich stammt die Familie Traber aus dem Badischen.“ Man sei damals als Großfamilie, mit den drei Brüdern des Vaters, deren Frauen und Kindern sowie einigen Angestellten für die technischen Dinge, in Wohnwagen umhergereist.

Im Wohnwagen seien nicht nur er und sein Bruder, sondern auch noch seine beiden Söhne zur Welt gekommen. „Ein klassisches Artistenleben halt. Zur Schule gingen wir immer in dem Ort, in dem wir gerade gastierten“, erzählt Traber und zeigt sein Schulbuch mit rund 240 Eintragungen und Stempeln aus vielen Städten.

Die Artisten-Laufbahn war für den Nachwuchs der Familie vorgezeichnet

Die Laufbahn sei quasi vorgezeichnet gewesen. „Da wächst man irgendwie rein.“ Mit fünf Jahren habe er zum ersten Mal auf dem Hochseil gestanden, in 50 Zentimeter Höhe. „Erst hat man schon Angst“, erinnert er sich. Als er später das erste Mal in großer Höhe agieren sollte, hätten ihn Verwandte mit Fünf-Mark-Stücken „bestochen“. „Irgendwann ist die Angst weg und man bewegt sich auf dem Hochseil so sicher wie auf dem Boden.“

Die Auftritte hätten – mit Ausnahme von Gastdarbietungen im Zirkus – im Freien stattgefunden. Sie mussten bei Regen ausfallen, weil die rutschigen Seile zu große Unfallgefahr bedeutet hätten. Nicht nur an eigenen, transportabelen Masten habe man Kunststücke gezeigt, auch Rathäuser und Kirchtürmer seien beliebt gewesen.

Die Vorfahren von Franz Traber waren seit rund 300 Jahren als Artisten tätig

Seit über 300 Jahren seien seine Vorfahren als Artisten unterwegs gewesen, in den Anfängen als Gaukler, die auf der Straße ihr Können gezeigt hätten, weiß Franz Traber aus Erzählungen. Eine Zeit lang hätten sie auch Pferde gehalten, sagt Traber, auf dessen Visitenkarte bis heute „Luftuniversalartist der Traber-Renz-Truppe“ steht. „Ich war ja Boden- und Hochseil-Artist, oft unten in den Menschenpyramiden. Da brauchte man schon viel Kraft, sportliches Training war Pflicht“, sagt der 88-Jährige, der heute noch gut in Form ist und Herzsport betreibt – wenn nicht gerade Corona herrscht.

1958 habe sich die Traber-Renz-Truppe aufgelöst. Einige Familienmitglieder hätten sich andere Jobs, zum Teil im Zirkus, gesucht, andere seien in Rente gegangen. Zwei Gründe hätten zur Auflösung der traditionsreichen Truppe geführt: Zum einen hätten ihnen die Städte für ihre Gastspiele statt der attraktiven zentralen Plätze oft nur Gelände am Rande der Stadt zur Verfügung gestellt, wo dann weniger Publikum hingekommen sei. Zum anderen habe das Interesse der Leute an solchen Darbietungen immer mehr nachgelassen, vor allem, als das Fernsehen immer mehr an Bedeutung gewonnen habe. „Es hat sich einfach nicht mehr gelohnt.“

Corona hat die Lage noch einmal verschlimmert

Die Zeiten heute seien noch einmal ungleich schwieriger: Er könne gut den Frust der Artisten und Schausteller nachvollziehen, die im vergangenen Winter vielleicht ihre Ausrüstung für viel Geld modernisiert hätten und dann wegen der Pandemie in diesem Jahr komplett ausgebremst worden seien.

Der Name Traber gehe übrigens auf seinen Großvater zurück, der Name Renz – Renz gelte als Erfinder des Zeltzirkus’ – auf die Großmutter. Den Doppelnamen habe man irgendwann gewählt, um einen Missbrauch des Namens zu vermeiden. Viele Auftritte damals seien über Agenturen vermittelt worden, manchmal habe man monatelang an einem Ort, zum Beispiel in Freizeitparks, auch im europäischen Ausland, gastiert.

Nach dem Ende der Truppe zog es Franz Traber in seine Geburtsstadt Essen zurück. Dort machte er sich als Gastronom selbstständig und führte das Restaurant „Zum weißen Hause“ an der Ecke Rellinghauser/Weserstraße, unweit seines heutigen Wohnorts. Heute befindet sich dort ein griechisches Restaurant. „Es lief damals richtig gut, wir mussten den Euro nicht umdrehen“, erinnert sich der Bergerhauser.

Der ehemalige Gastronom hat vier Enkel und vier Urenkel

In seinem Lokal unterhielt er die Gäste gelegentlich noch mit artistischen Einlagen, wie alte Fotos beweisen. Im Restaurant fand er nach seiner Scheidung auch eine neue Lebensgefährtin. Heute lebt der Senior allein, kümmert sich um Garten und Vorgarten. Er bekommt regelmäßig Besuch von seinem jüngeren Sohn, der in Corona-Zeiten die Einkäufe für ihn erledigt. „Ich habe vier Enkel und vier Urenkel“, sagt Traber. Artist sei keiner von ihnen. „Die Zeiten sind einfach vorbei.“

Nach über 30 Jahren in der Gastronomie habe er dann noch bis zur Rente bei Ruhrgas in der Werbung und als Vorstandsbote gearbeitet, was ebenfalls eine tolle Zeit gewesen sei, blickt Franz Traber zufrieden auf sein Berufsleben zurück. Es müsse ja nicht immer das Hochseil sein.

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