Villa Ruhnau

Villa Ruhnau in Kettwig: Anwohner befürchten Maximalbebauung

Dem Kettwiger Gebäude aus der Jahrhundertwende, das auf einer Anhöhe am Bögelsknappen thront, droht der Abriss. Jetzt wenden sich Anwohner mit einem offenen Brief an Politik und Essener Stadtverwaltung.

Dem Kettwiger Gebäude aus der Jahrhundertwende, das auf einer Anhöhe am Bögelsknappen thront, droht der Abriss. Jetzt wenden sich Anwohner mit einem offenen Brief an Politik und Essener Stadtverwaltung.

Foto: Carsten Klein / FFS

Essen-Kettwig.  In einem offenen Brief an den Oberbürgermeister, das Stadtplanungsamt und die Ratsfraktionen beziehen sie Stellung. Hier die wichtigsten Punkte.

Mit einem offenen Brief wendet sich der Nachbarschaftskreis Bögelsknappen an Oberbürgermeister Thomas Kufen, das Stadtplanungsamt sowie die Ratsfraktionen. Eindringlich appellieren die Anwohner, sich für den Erhalt des historischen Hauses am Bögelsknappen (bekannt als Villa Ruhnau) einzusetzen und einen Bebauungsplan mit dem Ziel, das Ortsbild baukulturell zu erhalten, anzustreben.

Darin fassen die Anwohner zusammen, was sie seit Monaten mit wachsender Besorgnis erfüllt, was sie verärgert, und wo sie Möglichkeiten sehen, den vom Eigentümer der Villa angekündigten Abriss verhindern zu können. Hier die wichtigsten Punkte aus dem offenen Brief.

Historisches Ensemble aus Architektur und Natur würde geopfert

Die Anwohner legen dar, was der Investor nach ihren Informationen plant: Aus den Kündigungen für die Mieter gehe hervor, „dass eine gnadenlose Maximalbebauung geplant ist“. An Stelle der Villa „sollen 3500 qm Wohnfläche entstehen, und zwar zu einem Verkaufspreis von 6000 Euro je qm“, heißt es in dem Brief. „Bei Vermietung sind 15 Euro je qm veranschlagt. Das wäre eine schiere Luxusbebauung zugunsten des Investors“, sagt der Nachbarschaftskreis. Der Investor setze „eine Profitspanne von neun Millionen Euro an. Dies allein auf dem vorderen Grundstück.“ Bei Erwerb des hinteren Grundstücks „würde sich diese noch deutlich erhöhen.“

Für das Partikularinteresse eines Investors würden ein identitätsstiftendes, ortbildprägendes historisches Ensemble aus Architektur und Natur geopfert, Grünflächen versiegelt, rund 1500 qm bezahlbarer Wohnraum, jahrhundertealter Baumbestand und Habitate für zahlreiche Wildtiere vernichtet, rechnen die Anwohner vor. „Und dies trotz der vehementen Proteste seitens der Kettwiger Bürger.“

Die Straße ist schon jetzt am Limit zum Verkehrskollaps

Dass just ein Kettwiger Unternehmen „die Vernichtung des Kettwiger Herzstücks“ betreibe, sei eine bittere Pointe: „Glück Auf ist eine breit aufgestellte Immobiliengruppe.“ Glück Auf sei seit 2015 Hausverwalter, später Makler, dann (durch PromA Ateliers) Käufer, nun Eigentümer des Objekts, teilt der Nachbarschaftskreis mit.

Im Weiteren führt der Nachbarschaftskreis die Argumente auf, warum die kleinteilige Bebauung am Bögelsknappen keinesfalls die geplante Maximalbebauung im „Investorenstyle“ vertrage: „Der Bögelsknappen ist eine enge Anliegerstraße, ohnehin bereits am Limit eines Verkehrskollapses. Abgesehen von der Villa Ruhnau besteht die Bebauung am Bögel aus Einfamilienhäusern und nur zwei Mehrfamilienhäusern mit drei beziehungsweise vier Wohneinheiten. Ähnliches gilt für den direkt angrenzenden Teil der Hauptstraße.“

Flurstück war bis in die 1980er Jahre selbst Teil des Schutzgebietes

Zum Umfeld gehören zudem „intakte, bewaldete Grünflächen“, schreiben die Anwohner: Direkt an die Villa grenzt ein in städtischer Hand befindliches Flurstück, hinter dem sich ein Landschaftsschutzgebiet erstreckt. Der Nachbarschaftskreis erinnert daran, dass dieses Flurstück bis in die 1980er Jahre selbst Teil des Schutzgebietes war, bevor dort erst ein Jugendzentrum, dann eine Kindertagesstätte entstanden; letztere brannte 2010 aus.

Der Investor wolle das Grundstück erwerben, so die Anwohner. „Für den Erhalt dieser bewaldeten Grünfläche hingegen setzen sich neben uns ein: Das Bündnis Grüne Lungen für Essen, BUND Essen, Fridays for Future Essen, Extinction Rebellion, Klimaentscheid Essen, Nabu Ruhr, NaJu Essen Mülheim, Mobilität-Werk-Stadt, Transition Town – Essen im Wandel, Parents for Future Essen, RUTE Moderatorenteam, VCD, Waldforum.“

Anwohner halten bisheriges Denkmalschutzverfahren für fragwürdig

Dargelegt wird in dem Brief auch das nach Meinung der Anwohner fragwürdige Denkmalschutz-Verfahren. Der Nachbarschaftskreis habe am 14. November 2019 eine ergebnisoffene Prüfung auf Denkmalwürde für das geschichtsträchtige und ortsbildprägende Haus beantragt. „Wenige Tage später hebelte die Essener Denkmalbehörde unseren Antrag aus, indem sie ihn in eine konsolidierende Untersuchung umwidmete.“ Es sei lediglich nach Bestätigung für die vorgefasste Beurteilung als „Nicht-Denkmalwürdig“ gesucht worden, so der Vorwurf des Nachbarschaftskreises.

Allerdings habe das Denkmalamt des Landschaftsverbandes Rheinland gegenüber den Beteiligten geäußert: „Nach erfolgter Ortsbesichtigung stellt sich der Sachverhalt nun anders dar. Der Denkmalwert scheint nach unserer Auffassung durchausgegeben, zumindest aber prüfenswert.“ Dass die federführende Essener Denkmalbehörde „sich mit der Bestätigung ihrer vorgefassten Meinung durchsetzte, ist ohne das fehlende politische Interesse am Erhalt des Gebäudes kaum zu erklären“.

Appell: Aufstellungsbeschluss könnte eine Lösung sein

Der Nachbarschaftskreis verweist dann in seinem offenen Brief auf die „Convention of Faro“ aus dem Jahr 2005. Darin sei definiert, „dass dem Identifikatorischen ein hoher Wert beizumessen ist.“ Die Frage, wie viel original erhalten ist, sei dem untergeordnet. Im Gegenteil: Die Veränderungen könnten ebenso gut als Spiegel der Historie des Gebäudes gelesen und zur Begründung des Denkmalwertes herangezogen werden. Diese Einschätzungen unterstreiche auch der Verwaltungsjurist und Spezialist für Denkmalrecht, Dr. Gerd-Ulrich Kapteina vom Arbeitskreis Essen 2030.

Politik und Verwaltung werden eindringlich gebeten, „alle Chancen zu nutzen, um den Abriss zu verhindern“. Ein Aufstellungsbeschluss für einen Bebauungsplan, wie von Gerd-Ulrich Kapteina (AK Essen 2030) und dem Grünen-Politiker Ludger Hicking-Göbels angeregt, könnte ein Lösungsweg sein: „Das positiv formulierte Ziel wäre eine baukulturelle Erhaltung des Ortsbilds und Weiterentwicklung unter Berücksichtigung von Wald, Freiflächen und Umgebungsbebauung.“

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