Tödlicher Einsatz

Video zeigt: Tödlicher Polizeischuss fiel nicht in Notwehr

Die Video-Szene, die belegt: Einen Angriff auf Polizisten gab es nicht. Vielmehr fiel der Schuss beim Versuch, Adel B. daran zu hindern, ins Haus und damit der Kontrolle der Polizei zu entkommen. 

Die Video-Szene, die belegt: Einen Angriff auf Polizisten gab es nicht. Vielmehr fiel der Schuss beim Versuch, Adel B. daran zu hindern, ins Haus und damit der Kontrolle der Polizei zu entkommen. 

Foto: Foto: André Hirtz / FFS

Essen.  Als ein Polizist Mitte Juni in Altendorf einen 32-jährigen Mann erschoss, klang dies nach Notwehr. Doch ein Handyvideo liefert ein anderes Bild.

Es ging nicht anders. So lautete der erste Reflex der Polizei, als einer ihrer Beamten vor sechs Wochen in Altendorf einen 32-jährigen Mann erschoss. Das Opfer, ein Deutscher mit algerischen Wurzeln, hatte zuvor mit Suizid gedroht – und sei auf der Türschwelle seines Wohnhauses an der Drügeshofstraße plötzlich mit dem Messer in der Hand auf Beamte zugegangen. Da habe dann einer der Polizisten diesen einen tödlichen Schuss abgegeben. Jetzt aber taucht ein Handy-Video auf, das belegt: Es war alles ganz anders.

Nämlich genau umgekehrt: Nicht Adel B., der offenbar verzweifelte, vielleicht auch verwirrte oder unter Drogeneinfluss stehende junge Mann aus Altendorf, war an jenem Morgen des 18. Juni auf die Polizisten zugestürmt, während die ihn mit gezogener Waffe in Schach hielten. Es waren vielmehr die Beamten, die vorpreschten, als sie vor der Haustür registrierten, wie ihnen die Situation zu entgleiten drohte.

Mit voller Wucht gegen die Tür – dann fällt ein Schuss

Denn Adel B. hatte – das Messer am eigenen Hals – im Erdgeschoss geklingelt. Dort wo seine Partnerin mit vier Kindern lebt und an diesem Morgen die Schwester auf die Kleinen aufpasste. Sie drückte auf, Adel B. ging in den Hausflur.

Ihn nicht mehr im Blick zu haben, womöglich vor verschlossener Tür zu stehen und der Mann mit dem Messer dahinter – das war genau das, was die Polizei nicht wollte. Also geben in eben jenem Moment, als die Tür sich zu schließen droht, gleich zwei Beamte ihren Sicherheitsabstand auf und rennen die sieben Meter zum Haus. Einer tritt mit gestrecktem Bein und voller Wucht vor die Tür, ein zweiter spurtet hinzu, tritt auch noch mal dagegen, ein dritter Polizist kommt, es fällt ein Schuss.

Von der Kugel in der Brust getroffen, schreit Adel B. fünfmal auf

Das Projektil durchschlägt eine der vier Glasscheiben der Haustür und trifft Adel B. im Hausflur in Brusthöhe. Fünfmal schreit er auf, der letzte Schrei ist nur noch ein lauter Seufzer. Offenbar ist die Tür nicht ganz geschlossen, die Polizisten können hinein, „Messer weg“ rufen zwei, dann fliegt das Messer auf den Gehweg. „Messer sichern!“, „Notarzt!“ Doch der kommt am Ende zu spät.

Ganze drei Sekunden dauert der am Ende tödliche Vorstoß der Polizei, die vorher so geduldig versucht hatte, die Lage zu deeskalieren. Drei Sekunden, die die erste Schilderung der Polizei klar widerlegen und deshalb bei Freunden und Verwandten Adel B.s extremes Misstrauen schüren. Drei von insgesamt 48 Sekunden, die ein Nachbar von schräg gegenüber per Handy gefilmt hat.

Löschte die Polizei das Beweis-Video auf dem Handy?

Der Film liegt der Redaktion vor. Dass er überhaupt den Weg in die Öffentlichkeit gefunden hat, gehorcht einigen Zufällen – und, so spotten Weggefährten des Opfers, dem Umstand, dass die Polizei die digitale Welt unterschätzt.

Denn die Kripo habe das Handy des Nachbarn zur Beweissicherung mitgenommen – und später zurückgegeben, ohne dass sich das Filmchen darauf noch hätte finden lassen. Ob sich dies wirklich so abspielte, bleibt einstweilen unbestätigt. Allerdings war das Video noch aus dem sogenannten Cloud-Speicher abrufbar und findet seither Verbreitung, seit Dienstag sogar auf der Internet-Plattform YouTube.

Staatsanwaltschaft gibt erste Ermittlungsergebnisse preis

Konfrontiert mit der Video-Aufzeichnung, gab die Essener Staatsanwaltschaft, die im Falle des tödlichen Polizeieinsatzes gemeinsam mit der Bochumer Polizei ermittelt, am Dienstagabend ihre bisherige Zurückhaltung auf – und erste Ermittlungsergebnisse preis. Sie beruhen nicht nur auf den Aussagen sämtlicher verfügbarer Zeugen, sondern auch auf den Einlassungen des Schützen, wie Oberstaatsanwältin Anette Milk am Abend betonte.

Sie bestätigt die Befürchtung der Polizei, wegen Adel B. hätte es innerhalb des Hausflurs „zu einer völlig unkontrollierbaren Situation mit einer Gefahr für mehrere kleine Kinder“ kommen können. Immerhin habe der 32-Jährige angegeben, er wolle seine Familie „aufmischen“.

Freunde wollen kommende Woche für Adel B. demonstrieren

Milk betont, dies seien erst vorläufige Erkenntnisse. Eine abschließende Bewertung werde erst stattfinden, wenn das Ergebnis einer toxikologischen Untersuchung vorliegt und einer der Beteiligten die gewünschte Akteneinsicht erhalten habe.

Großen Wert legt Oberstaatsanwältin Milk auf den Hinweis, dass in einem kursierenden Flugblatt derzeit Falschinformationen verbreitet werden: Die Behauptung, dass Adel B. in den Rücken geschossen wurde, „die stimmt definitiv nicht“: Der tödliche Treffer, ein Steckschuss, sei vielmehr „ganz klar von vorn“ erfolgt, was jene nicht viel freundlicher stimmen dürfte, die inzwischen zu einer Demonstration aufgerufen haben. Am 8. August ab 18 Uhr wollen sie vor der Himmelfahrtskirche an der Ehrenzeller Straße in Altendorf demonstrieren. „Gerechtigkeit für Adel!“, heißt das Motto.

Was immer das heißt.

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