Verwahrloste Haustiere

Vernachlässigte Tiere gehören zum Alltag im Tierheim Essen

Die kleine Hündin Fee schwebte in Lebensgefahr, als sie gefunden wurde: Nach der Operation erholt sie sich bei Tierheim-Mitarbeiterin Jeanette Gudd.

Die kleine Hündin Fee schwebte in Lebensgefahr, als sie gefunden wurde: Nach der Operation erholt sie sich bei Tierheim-Mitarbeiterin Jeanette Gudd.

Foto: Socrates Tassos

Essen.   Abgemagert, krank, alt: Katzen und Hunde landen immer häufiger im schlechten Zustand im Tierheim Essen. Hündin Fee schwebte in Lebensgefahr.

In Dellwig hat ein Halter seinen Hund kürzlich so schwer misshandelt, dass dieser starb. In Mülheim warf ein Mann seine verwahrloste Hündin von der Brücke, auch dieses Tier überlebte nicht. Die jüngsten Vorfälle schockieren auch die Mitarbeiter im Essener Tierheim, die selbst mit zahlreichen tierischen Schicksalen konfrontiert sind. An der Grillostraße landen immer mehr Hunde oder Katzen, die schwer krank sind oder sogar geschlagen wurden. Diese zu pflegen, wieder aufzupäppeln und ihnen Vertrauen zu schenken, gehört im Tierheim inzwischen zum Alltag.

Als die Feuerwehr die kleine Hündin Fee (16) fand, kam diese nicht gleich ins Tierheim: „Ihr Zustand war so furchtbar, dass sie sofort in die Klinik musste“, berichtet Jeanette Gudd. Fee sei völlig abgemagert, dehydriert und voller Flöhe gewesen, so als hätte man sie zum Sterben ausgesetzt. Die Tierärzte stellten eine Gebärmutterentzündung fest, was Notoperation und Lebensgefahr bedeutete. Als der kleine Pekinesen-Mix dann frisch operiert ins Tierheim kam, haben die Pfleger es nicht übers Herz gebracht, sie allein in einen Zwinger zu legen. „Seitdem lebt sie bei mir mit meinen drei Hunden“, erzählt Jeanette Gudd. Sie mache nun den 24-Stunden-Job, vor dem sich Fees Halter gedrückt hätten.

„Mich macht es fassungslos und wütend“

„Mich macht es fassungslos und wütend, dass man sein Tier so

verkommen lassen kann“, sagt die Tierschützerin. Seit 18 Jahren arbeitet sie bereits im Tierheim, in dem diese Fälle immer mehr würden. „Wir müssen lernen, auch damit umzugehen, sonst schafft man diese Arbeit nicht“, sagt Jeanette Gudd. Dennoch gebe es die Erlebnisse, sie nie vergessen werde. Dazu zählt der Schäferhund, dessen Halter starb. Als dann die Familie den Rüden im Tierheim abgab, war die Entzündung der Ohren so schwerwiegend, dass die Ärzte ihn nicht mehr retten konnten. „Er muss furchtbare Schmerzen gehabt haben, ich habe ihn dann im Arm gehalten und ihm noch einen Hundekeks gegeben“, erinnert sie sich.

Welche schlimmen Erfahrungen Schröder (6-7 Jahre) mit Menschen gemacht hat, ist ungewiss. Das Ergebnis lautet jedenfalls: „Wenn jemand aus Sicht des Hundes falsch handelt, beißt er zu“, beschreibt Tierpflegerin Anna Krücker die Eigenschaft des Jack-Russell-Mischlings, die sich auf seinem Weg durch zahllose Hände entwickelt hat. Schröder kam als Fundhund ins Tierheim. Als die Mitarbeiter sein Bild im Internet veröffentlichten, hofften sie, den Halter zu finden. „Dann meldeten sich aber ganz viele, die ihn kannten, weil sie ihn mal zu Hause hatten“, erzählt seine Pflegerin. Was auch immer Schröder bereits erlebt hatte, er biss zu und wurde weitergereicht oder übers Internet wieder verkauft.

Manche Tiere müssen eingeschläfert werden

Wenn Hunde geschlagen würden, reagierten sie ganz unterschiedlich, erklärt Anna Krücker. Während sich manche dann wegduckten, gingen eben Terrier mitunter zum Angriff über. Im Tierheim bedeutet das nun viel Training: „Schröder trägt einen Maulkorb, wir ignorieren seine gefletschten Zähne und streicheln ihn“, sagt die Pflegerin. So soll der Rüde lernen, dass Menschen ihm nichts Böses wollen. Inzwischen sei er zu seinen Bezugspersonen sehr lieb, kann zu erfahrenen Haltern vermittelt werden.

Nicht jeder Hund schafft das, einige sind mitunter so krank, dass sie

eingeschläfert werden müssen. Wie zuletzt der Cocker Spaniel Wesley, dessen Entzündungen zu weit fortgeschritten waren. Kater Joachim (benannt nach dem Fundort Joachimstraße) ist inzwischen ganz munter, obwohl sein Schwanz amputiert werden musste. „Er hat ihn immer wieder selbst gejagt“, sagt Tierpflegerin Gabi Rautenberg. Um herauszufinden, was dahinter stecke, fühlten sie sich im Tierheim oftmals wie Sherlock Holmes. Sie übernehmen die Verantwortung, die eigentlich der jeweilige Halter tragen müsste, wenn ein Tier krank oder alt wird. „Wenn die Besitzer überfordert sind oder es an Geld mangelt, wird das Tier abgeschoben“, beschreibt sie eine Situation, die im Tierheim immer schlimmer werde.

Krankheiten und Stress setzen den Tieren zu

Mit Engelchen (4-6 Jahre) geht es nun langsam aufwärts. Die Katze hat sich das Fell an den Flanken herausgebissen. „Ursache sind wohl Harnkristalle, die ihr Schmerzen bereiten“, erklärt Gabi Rautenberg. Engelchen kam ins Tierheim, als bei ihrem Halter eine Räumungsklage anstand. „Zwei Katzen konnten vermittelt werden, weil Engelchen aber in so schlechtem Zustand war, kam sie zu uns“, sagt die Pflegerin. Neben der Krankheit habe der Katze vor allem Stress zugesetzt. Nun erhole sie sich.

Auch Fee geht es inzwischen besser. Sie verfolgt ihre Pflegerin wie ein kleiner Schatten. Ein Platz auf der Couch, öfter kleine Spaziergänge, regelmäßiges Futter und streichelnde Hände, das ist es, was sich Jeanette Gudd für ihren tierischen Schützling wünscht. Ein weiterer Wunsch der Tierpfleger: mehr Zivilcourage. „Es wird ja längst nicht jeder Fall von Verwahrlosung bekannt“, sagt Anna Krücker. Im Tierheim seien sie natürlich traurig über jedes vernachlässigte Tier, das bei ihnen ankommt – und gleichzeitig froh, weil sie helfen können. An der Grillostraße endet so mancher Leidensweg: „Bei uns erhalten die Tiere die Chance auf einen Neuanfang.“

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