Kommentar

Verkehrsprobleme und die Übertreibungen der Essener Polizei

Ein Kommentar von Frank Stenglein, Redaktionsleiter der WAZ Essen.

Ein Kommentar von Frank Stenglein, Redaktionsleiter der WAZ Essen.

Foto: WAZ

Essen.  Dass im Stadtverkehr „keiner auf keinen Rücksicht nimmt“, ist unzulässige Dramatisierung. Trotz aller Probleme: Die meisten achten die Regeln.

Ein bisschen dramatisieren gehört zum Handwerk, das gilt manchmal auch für staatliche Behörden wie die Polizei. Die Schwelle zur grotesken Übertreibung sollte aber nicht überschritten werden. Hat der für Verkehr zuständige Polizeidirektor Wolfgang Packmohr wirklich recht, als er jüngst beklagte, „dass keiner auf keinen mehr Rücksicht nimmt und kaum einer sich an irgendwas noch hält“?

Nein, das ist verallgemeinerndes Gerede, das sich ein leitender Polizeibeamter so nicht leisten sollte. Keine Frage, es gibt Autofahrer, die zu schnell unterwegs sind, rüde Manöver veranstalten und das Recht des Stärkeren zelebrieren. Sie müssen, wo immer es möglich ist, zur Räson gebracht werden.

Beim Wort „Werteverfall“ schwingt die Sehnsucht nach einer heilen Vergangenheit mit, die es nie gab

Die weitaus meisten aber verhalten sich gesittet, achten die Regeln und nehmen Rücksicht. Wäre es anders, gäbe es in einer Stadt wie Essen nicht einige wenige Verkehrstote pro Jahr, sondern – wie in früheren Jahrzehnten – deutlich mehr Opfer zu beklagen.

Etwas klischeehaft wirkt auch das Wort vom „Werteverfall“, gegen das man mit noch so viel Polizeipersonal einfach nicht ankomme. Da schwingt viel Nostalgie mit. Sicher, die Straßen sind voller als vor 50 Jahren, die Nervosität mag mitunter größer sein. Aber zur Wahrheit gehört auch, dass es damals trotz weitaus geringerer Verkehrsdichte jährlich dreistellige Todesraten im Essener Verkehr gab. Das hing mit der primitiven passiven Sicherheit der Fahrzeuge zusammen, aber auch mangelnde Fahrdisziplin und Regeltreue haben diese Opferzahlen verursacht. Wer meint, früher war alles besser, gemütlicher, sicherer und stärker wertorientiert, der irrt.

Das Eindreschen auf den Autoverkehr hat längst etwas Ritualhaftes bekommen

Das Eindreschen auf den Autoverkehr im allgemeinen und Autofahrer im besonderen hat längst etwas Ritualhaftes, das kaum noch hinterfragt wird – nicht mal von der Polizei. Abseits des Unfall-Themas, spielt da auch der politische Zeitgeist hinein, wie die verquere Diesel-Debatte zeigt.

Jeder Unfall ist einer zuviel, das ist banal. Sie möglichst zu verhüten, ist als Ziel alternativlos richtig. Doch wo Menschen in Massen agieren, passieren Fehler, was sich kaum jemals grundlegend ändern wird. Alle Beteiligten sollten hin und wieder die Kirche im Dorf lassen und sich etwas mehr Gelassenheit gönnen. Selbstredend gilt das auch für Autofahrer, die sich ihrer höheren Verantwortung immer bewusst sein müssen.

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