Kunst und Kino

Verfemt und vernichtet: Die verlorene Kunst des Josef Urbach

Filmemacher Tilman Urbach  (re.) trifft in der Alten Synagoge auf den Sammler-Erben Thomas Simon.Bei seinen Recherchen bekam er viel Unterstützung, auch vom Essener Kulturdezernenten Muchtar Al Ghusain: „Ich freue mich, dass die Erinnerungskultur in Essen so ausgebildet ist“, sagt der 57-jährige Filmemacher. Foto:Film Kino Text

Filmemacher Tilman Urbach (re.) trifft in der Alten Synagoge auf den Sammler-Erben Thomas Simon.Bei seinen Recherchen bekam er viel Unterstützung, auch vom Essener Kulturdezernenten Muchtar Al Ghusain: „Ich freue mich, dass die Erinnerungskultur in Essen so ausgebildet ist“, sagt der 57-jährige Filmemacher. Foto:Film Kino Text

Essen.   Das Werk des Malers Josef Urbach galt Jahrzehnte als verloren. Der Filmemacher  Tilman Urbach hat sich auf die Suche nach der „Lost Art“ gemacht.

Wer heute Kunst von Josef Urbach sehen will, der muss schon eine der seltenen Gelegenheiten haben, ins Depot des Museum Folkwang zu schauen. Zwei Gemälde und acht Grafiken des einst viel gefragten Malers sind dort noch aufgehoben. Das Gros der Werke des langjährigen Folkwang-Lehrers aber gilt als verloren – verfemt, verbrannt, vernichtet und in alle Welt verstreut. Inspiriert von den Schlagzeilen um den spektakulären Gurlitt-Fund hat sich sein Großneffe Tilman Urbach nun auf die Spurensuche gemacht. Am Sonntag, 25. November, hat sein Film „Lost Art“ im Filmstudio Glückauf Premiere.

Der Film versteht sich nicht nur als Künstlerportrait eines fast vergessenen Malers, der die meiste Zeit seines Lebens in Essen verbracht hat. Er soll auch ein Beitrag sein zur aktuellen Debatte über den Umgang mit Raub- und Beutekunst, die den Eigentümern infolge der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft entrissen wurde. Wie viele der Urbach-Werke dabei am Ende verbrannt, verkauft oder im Bombenhagel von Berlin vernichtet wurden, lässt sich trotz intensiver Recherche heute kaum mehr klären. Was Tilman Urbach aber zeigen kann, das sind die vielen Gesichter und Lebensgeschichten, die sich hinter der verlorenen Kunst von Josef Urbach verbergen.

Als aufstrebender Künstler des frühen 20. Jahrhunderts verkehrt der 1889 in Neuss geborene Urbach mit Größen wie August Macke und Otto Dix, erlebt mit seinen Künstlerfreund Jan Thorn-Prikker den Durchbruch der Moderne in Paris, stößt früh zur Künstlervereinigung „Das Junge Rheinland“ und hat als Professor an der Essener Folkwang-Schule sein Auskommen. Und er hat Förderer in Essen, wie die jüdischen Familien Levy, Simon, Stern und Abel, die seine Kunst sammeln und Urbach 1921 sogar einen Italienaufenthalt ermöglichen.

Doch als der politische Wind sich dreht und die Nationalsozialisten die Macht übernehmen, bricht auch Urbachs Welt entzwei. Zwei seiner Arbeiten, ein Stillleben und die Pferdeschwemme, gehören zu den über 1400 Werken, die die Nationalsozialisten dem Museum Folkwang 1937 als „entartete Kunst“ entreißen. Viele seiner Gemälde in jüdischen Sammlungen werden in der Reichskristallnacht zerstört, beschlagnahmt und geraubt. Josef Urbach, gerät in Vergessenheit. Sein Werk scheint verloren. Doch 45 Jahre danach rückt sein Großneffe die Kunst nun wieder ins Rampenlicht.

Seine Recherche beginnt in der Alten Synagoge in Essen, wo er Unterlagen zu den Familien findet, die Urbach damals unterstützt haben. Er besucht Nachfahren der Sammler in Belgien, Schweden und Holland. In Alkmaar trifft er Thomas Simon, dessen Großonkel Otto Simon, Direktor der Holz- und Rahmenfabrik Döllken, im KZ Bergen-Belsen starb. Von dem Ölgemälde, das Urbach von ihm gemalt hat, existiert nur noch ein Foto. Wie das Porträt von Frida Levy, die zusammen mit ihrem Mann Fritz in Essen ein offenes Haus für Maler, Schriftsteller und Musiker führt. Hier trifft Urbach auf Künstlerkollegen wie Schmidt-Rottluff und Wollheim. Dass sich damals gerade jüdische Sammler für den Expressionismus begeistern, ist für Tilman Urbach leicht erklärlich. „Es war für die Kunst der neuen Zeit. Zeichen des neuen liberalen Bürgertums.“

Der Film als politisches Statement

Plötzlich sind der geraubten und verlorenen Kunst Lebensgeschichte und Gesichter zuzuordnen. Und der Film, der anfangs als Künstlerportrait angelegt ist, wird immer politischer. In einer Zeit, in der eine Partei wieder von „entstellter Kunst“ spreche, versteht Urbach den Film auch als Statement. „Ich bin stolz auf einen Großonkel, der es geschafft hat, nicht in die Partei einzutreten und doch weiterarbeiten zu können“, sagt der 57-Jährige.

Urbach überlebt den Krieg in Deutschland, bekommt 1947 das Angebot, nach Weimar in die Sowjetzone zu gehen, doch er bleibt in Essen, unterrichtet weiter Zeichnen und Porträt und malt bis zu seinem Tod 1973 vor allem naturalistische Aquarelle und wenige Ölgemälde.

Zur Kinopremiere reisen auch Nachfahren an

„Josef Urbach – Lost Art“ wird am Sonntag, 25. November, 12 Uhr, im Filmstudio Glückauf, Rüttenscheider Str. 2, in Anwesenheit von Tilman Urbach präsentiert.

Tickets (9 Euro) unter 439 366 33 und an der Kinokasse.

Der Essener Kulturdezernent Muchtar Al Ghusain hat die Schirmherrschaft übernommen. Zur Premiere werden auch Nachfahren der Familien Levy, Abel und Simon nach Essen anreisen.

Filmemacher Tilman Urbach stammt aus Kaarst. Sein Vater, der Maler Walter Urbach, war in seiner Jugend Schüler von Josef Urbach.

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