Landtagswahl

Unabhängiger Kandidat – für 3000 Euro einmal Nervensäge sein

Ex-Pirat Gero Kühn tritt im Wahlkreis Mitte/West als unabhängiger Kandidat an.

Foto: Elena Boroda

Ex-Pirat Gero Kühn tritt im Wahlkreis Mitte/West als unabhängiger Kandidat an. Foto: Elena Boroda

Essen.   Im Wahlkreis Mitte/West tritt mit Gero Kühn ein sendungsbewusster Ex-Pirat an. Schlagwörter verallgemeinert er kurzerhand zur „kranken Politik“.

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Wer ist dieser Typ im roten Hemd? Die Arme verschränkt und einem „Ich sag euch, wo es langgeht“-Gesichtsausdruck. So präsentiert sich Gero Kühn auf wandfüllenden Wahlplakaten. Der 38-Jährige kandidiert für den Landtag als parteiloser Bewerber im Wahlkreis 67, der den Essener Westen, die Mitte und Teile des Südens umfasst. Herausfordernd klingt sein Slogan: „Kranke Politik“. Kühn weiß natürlich, wie gesunde Politik aussehen würde, ganz klar. Man müsse ihn halt nur mal lassen.

Zu jenen harmlosen Spaßvögeln, die eine Kandidatur als Satire betrachten oder als kindische Provokation betreiben, zählt der selbstständige IT-Unternehmer anscheinend nicht. Kühn nimmt die Kandidatur bitterernst, weshalb er immerhin aus eigener Tasche 3000 Euro in die Hand nimmt, etwa um Plakate zu bezahlen. In der Politik ist er kein Novize, wenn er bisher auch nur auf Stadtteil-Niveau agierte. Acht Jahre lang war er bei den „Piraten“ aktiv, auf deren Ticket wurde er in die Bezirksvertretung III gewählt. Seit es 2014 zum Bruch kam mit den alten Freunden, ist er dort als Parteiloser aktiv.

Mit den „Piraten“ kam es zum Bruch

Kühn nimmt für sich in Anspruch, dass er weiß, wie der Laden läuft. Vom Politikbetrieb, wie er ihn in der Bezirksvertretung kennen gelernt habe, hat der Haarzopfer keine gute Meinung. „Manchmal verzweifele ich daran“, erzählt er. Er sagt von sich selbst, er sei dort die Ein-Mann-Opposition. Ehemalige politische Weggefährten beschreiben ihn als konfrontativ mit ausgeprägtem Nerv-Faktor und Hang zur Besserwisserei. Wer es positiv formulieren wollte, würde ihn hartnäckig nennen. Im Kurznachrichtendienst Twitter rühmte er sich jüngst, zusammen mit dem ebenfalls unabhängigen Kandidaten Serge Menga die SPD-Landtagsabgeordnete Britta Altenkamp bei einer Veranstaltung „gegrillt“ zu haben.

Den Bürgern wolle er vor Augen führen, dass sie von der Politik an der Nase herumgeführt würden, formuliert er. Kühn spricht pauschal von „Kungelei“ und von „Lüge“, erinnert an den erfundenen Lebenslauf der ehemaligen SPD-Bundestagsabgeordneten Petra Hinz und an das Asyl-Geschäft zwischen der Stadt und dem Ratsherrn Arndt Gabriel. Dass die Bezirksvertretung zunächst nicht darüber informiert worden war, dass es sich bei dem Investor um den Kommunalpolitiker handelt, ist in Kühns Augen beispielhaft. „Details sollen die Bevölkerung verunsichern“, steht auf seinem Wahlplakat zu lesen, dazu diverse Schlagworte von „Euro-Krise“ bis „Silvesternacht“.

Kühn will sich Protestwählern als Alternative anbieten

Wer das liest, könnte meinen, es mit der AfD zu tun zu haben, die ähnlich vorgeht. Ausgerechnet die AfD sei aber indirekt der Auslöser für seine Kandidatur gewesen. Lange habe er mit sich gerungen, ob er sich so plakativ zeigen solle, erzählt Kühn. Dass Wähler, die mit ihrer Stimme ihren Protest ausdrücken wollten, keinen andere Wahl hätten, als ihr Kreuz bei der AfD zu machen – das dürfe nicht sein.

Protestwählern will er sich als Alternative anbieten. Wohin dieser Protest führen soll, bleibt in seinem Fall offen. Als Einzelbewerber ist Kühn chancenlos. Da macht er sich nichts vor. Dass er den Wahlkreis gewinnen könnte, sei ausgeschlossen, sagt er selbst.

Andere leisten sich für 3000 Euro einen schicken Urlaub, Kühn gönnt sich einen Wahlkampf. Auch das ist Demokratie.

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