Flüchtlingsunterkunft

Ukrainische ESC-Gewinnerin in Essen: Ein emotionaler Besuch

| Lesedauer: 5 Minuten
Die ukrainische ESC-Gewinnerin von 2004, Ruslana Lyschytschko, besucht am Pfingstsonntag ukrainische Flüchtlinge in Essen-Werden.

Die ukrainische ESC-Gewinnerin von 2004, Ruslana Lyschytschko, besucht am Pfingstsonntag ukrainische Flüchtlinge in Essen-Werden.

Foto: Socrates Tassos / FUNKE Foto Services

Essen.  Ruslana hat 2004 den ESC für die Ukraine gewonnen. Aktuell ist sie in Essen, wo sie eine Flüchtlingsunterkunft besuchte. Ein emotionaler Moment.

Als Ruslana Lyschytschko fragt, wer in diesem Raum aus Charkiw kommt, schnellen ein gutes Dutzend Arme nach oben. Aus Kiew sind es noch mehr, die am Pfingstsonntag von der ukrainischen ESC-Gewinnerin von 2004 im Kardinal-Hengsbach-Haus in Essen-Werden besucht werden. Als die 49-Jährige wissen will, wer aus Mariupol kommt, hebt eine Frau in gelbem Pullover die Hand. Ruslana bahnt sich den Weg zu ihr, nimmt die Frau in den Arm, spendet Trost. Mariupol, die Stadt am Ufer des Asowschen Meeres, ist zerstört. Die Bilder gehen seit Wochen um die Welt.

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In der Luft liegen an diesem Nachmittag viele Emotionen. Es wird geweint, aber auch gelacht in dem vorübergehend zur Flüchtlingsunterkunft umfunktionierten Haus im Essener Süden. Vor allem aber wird sich hier gegenseitig Mut zugesprochen. Die Menschen eint die Erfahrung, dass sich ihr Land seit mehr als 100 Tagen einem russischen Angriffskrieg ausgesetzt sieht. Bomben, Zerstörung und Angst haben sie aus ihrer Heimat vertrieben. Das Schicksal hat sie in Essen zusammengeführt, und hier treffen sie nun auf eine Frau, die in der Ukraine wohl jeder kennt. Gemeinsam singen sie die ukrainische Nationalhymne. Gänsehaut.

Ruslana sprach 2014 auf dem Maidan Menschen Mut zu

Damals, auf dem Maidan 2014 im Herzen Kiews, sprach Ruslana den Demonstrantinnen und Demonstranten ebenfalls Mut zu. Viele Nächte hat sie an ihrer Seite verbracht. Sehr oft sang sie auch damals die ukrainische Nationalhymne. Haltet durch, macht weiter, wir stehen zusammen, so die Botschaft. Acht Jahre später, so kann man sagen, wiederholt sich ihr Einsatz. Sie steht aber nicht mehr auf dem Maidan, sondern zwischen Kindern, Frauen und wenigen Männern im Vorraum des Kardinal-Hengsbach-Hauses – mehr als 1600 Kilometer von Kiew entfernt. „Mein Ziel ist es, die ukrainische Diaspora zu unterstützen“, sagt Ruslana.

Eigentlich ist die 49-Jährige nach Essen gereist, um am Dienstagabend (7.6.) auf dem Kennedyplatz mitten in der Innenstadt ein Konzert zu spielen. Zwei Tage vorher besucht sie ukrainische Flüchtlinge in Werden – wie den elfjährigen Elmir aus Kiew. „Mit gefällt es sehr, dass Ruslana uns besucht“, sagt er. Seine Worte übersetzt Nataliya Eremeeva, die für die Johanniter als Sprachmittlerin im Kardinal-Hengsbach-Haus arbeitet. Sie erzählt, wie traumatisiert viele, gerade Kinder, sind. Vor zwei Tagen hätte es einen Feueralarm im Haus gegeben, der viele an die heulenden Sirenen und damit Fliegeralarm erinnerte.

Ruslana erhält Rosen und selbstgebastelte Geschenke

Der Besuch von Ruslana, die am Sonntagnachmittag viele Rosen und selbstgebastelte Geschenke erhält, lenkt ab von der schweren Situation. „Es soll eine schöne Zeit für die Menschen werden“, sagt die Sängerin. Auf dem Kennedyplatz am Dienstag will sie indes nicht nur für die Ukrainerinnen und Ukrainer singen. Die Demonstration unter dem Motto „We stand with Ukraine“ sollen auch möglichst viele Essenerinnen und Essener besuchen. „Die Botschaft an meine deutschen Freunde: Dieser Krieg hat keine Grenzen, die Grenze ist Illusion. Der Krieg hält die ganze Welt im Stress.“ Nicht müde wird sie zu betonen, dass sie möchte, dass die Ukraine EU-Mitglied wird.

Aber warum ist sie gerade nach Essen gekommen? Kürzlich war Ruslana in Istanbul, dem Ort, an dem sie vor 18 Jahren mit ihrem Song „Wild Dances“ den Grand Prix mit der damals höchsten Punktzahl überhaupt gewann.

Ruslana - Wild Dances (Ukraine) - LIVE - 2004 Eurovision Song Contest

Vor wenigen Tagen war sie noch in Rotterdam, sprach vor Europa-Politikerinnen und -Politikern der Europäischen Volkspartei. Nach Essen brachte sie ihre Verbindung zu Irina Jastreb, Vorsitzende des Vereins „Ukrainisches Haus“ in Düsseldorf, wohnhaft in Krefeld. Bestens bekannt ist Irina Jastreb mit dem grünen Essener Bürgermeister Rolf Fliß, der Hilfstransporte in die Ukraine organisierte. „Nach dem Projekt ist vor dem Projekt“, sagt er.

Relativ spontan kam die Idee auf, ein Event in Essen zu organisieren. Nur 14 Tage hätte man für die Vorbereitung Zeit gehabt. „Für uns ist klar, dass wir die Initiatoren mit unserer Expertise und Manpower unterstützen. Das ist eine Ehrensache“, heißt es von Essen-Marketing-Geschäftsführer Richard Röhrhoff, der sich um das Drumherum wie Hotels, Bühne etc. kümmerte. Bürgermeister Rolf Fliß sagt: „Wir hoffen auf viele Menschen in der Innenstadt.“ Von der Sängerin Ruslana übrigens sagt, dass diese aussieht wie ihre Heimatstadt Lemberg im Westen der Ukraine.

>>> INFO: „Stand with Ukraine“ – Kundgebung auf Kennedyplatz

  • Die Kundgebung findet am Dienstag (7.6.) ab 18.30 Uhr statt. Die Veranstaltung startet mit einem Auftritt des ukrainischen Violinisten Vasyl Popadiuk. Es folgen einige Reden.
  • Der Auftritt von ESC-Gewinnerin Ruslana Lyschytschko ist ab 20 Uhr geplant und soll eine Stunde dauern.
  • Die Teilnahme ist gratis, es wird um Spenden gebeten, an:
  • Ukrainisches Haus e.V. Düsseldorf
  • Stadtsparkasse Düsseldorf
  • IBAN: DE53 3005 0110 1008 6922 69

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