Prozess

U-Bahn-Schubser zuerst mit dem Regenschirm attackiert

Prince A., hier im Gespräch mit seinem Verteidiger Thorsten Dercar, soll eine Frau ins Gleisbett der U-Bahn gestoßen haben.

Prince A., hier im Gespräch mit seinem Verteidiger Thorsten Dercar, soll eine Frau ins Gleisbett der U-Bahn gestoßen haben.

Foto: André Hirtz

Essen.   Der Fall galt als Zeichen brutaler Gewalt. Vor Gericht geht es jetzt um den Mann, der eine Frau auf die Gleise der U-Bahn gestoßen haben soll.

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Der Fall galt als Zeichen brutaler Gewalt in der Öffentlichkeit. Aus Verärgerung soll Prince A. (47) am 22. Oktober eine 58-Jährige im Altenessener U-Bahnhof Bamlerstraße ins Gleisbett gestoßen haben. Jetzt muss er sich wegen versuchten Totschlags vor dem Essener Schwurgericht verantworten. Doch der erste Verhandlungstag zeigt, dass der Fall nicht ganz so einfach liegt.

Laut Anklage von Staatsanwältin Birgit Jürgens soll er an jenem Sonntag gegen 14.30 Uhr den Bahnsteig betreten und „in unmittelbarer Nähe“ des späteren Opfers „mehrfach“ auf den Boden gespuckt haben. Es habe einen verbalen Streit gegeben, bis er sich ihr „bedrohlich näherte und aufbäumte“. Sie habe ihm „aus Angst“ mit dem Regenschirm vor die Brust geschlagen. Er habe sie letztlich ins Gleisbett gestoßen.

Fahrgäste zogen sie schnell aus dem Gleisbett

Sie selbst hat an den letzten Vorgang keine Erinnerung, lag damals bewusstlos auf dem Gleis. Andere Fahrgäste reagierten schnell und zogen sie heraus. Objektiv hatte keine Gefahr bestanden, weil die Leitstelle der Ruhrbahn den Vorfall über Kameras beobachtet und sofort die U-Bahnen gestoppt hatte. Nach eigenen Angaben leidet die 58-Jährige noch heute psychisch unter den Folgen, damals hatte sie sich eine Rippe gebrochen.

Doch wie kam es wirklich zum Sturz ins Gleisbett?Die Frau selbst sagt, er habe in einiger Entfernung von ihr einmal auf den Boden gespuckt. „Ich fand das eklig“, sagt sie. Laut habe sie dem aus Ghana stammenden Mann zugerufen: „Was soll das? Machst du das zu Hause auch?“ Er habe sich ihr genähert und sich vor ihr aufgebaut, sie außerdem als „Nazi-Hure“ beschimpft. Weil sie sich bedroht fühlte, habe sie mit dem Schirm auf seinen Arm geschlagen. Ob sie „mit Schmackes“ zugeschlagen habe, will Richter Jörg Schmitt wissen. Sie verneint. Ein eher leichter Schlag.

Angeklagter will beschimpft worden sein

In einer Erklärung seines Verteidigers Thorsten Dercar heißt es, die Frau habe ihn als „Negersau“ beschimpft. Als sie mit dem Schirm nach ihm schlug, habe er danach gegriffen. Im Gerangel sei sie wohl ins Gleisbett geflogen.

Ein 36-Jähriger hatte den Vorfall beobachtet. Vor seiner Zeugenaussage spricht er auf dem Gerichtsflur in die Kameras von RTL und SAT1. Der Schlag mit dem Schirm? „War ein leichter Schlag. Vermutlich Abwehrschlag, weil der so nah bei ihm stand.“ Nachher zeigt Richter Schmitt ihm das Überwachungsvideo. „Oh“, entfährt es dem Zeugen, „so kann ich mich nicht erinnern, dass das so heftig war mit dem Schlag“. Und eine weitere Korrektur nach Betrachten des Videos: „Der hat sich ja gar nicht vor ihr aufgebaut. Das hatte ich anders in Erinnerung. War ja ein Schritt Abstand.“

Zuschauer bekommen Video nicht zu sehen

Das Video bekommen die Zuschauer nicht zu sehen. Verteidiger Dercar sagt später zur WAZ, es zeige, dass der Angeklagte an ihr vorbei gegangen sei und unvermittelt von ihr angegriffen wurde.

Ob sie zum Angeklagten „Negersau“ gesagt habe, will Richter Jörg Schmitt von der 58-Jährigen wissen. Darauf antwortet die Zeugin mit einer Erklärung: „Das ist nicht mein Wortschatz. Meine Eltern haben mich erzogen, jeden Menschen als gleichwertig anzusehen.“

Einen Satz aus ihrer früheren Aussage bei der Polizei bezweifelt sie. Da wurde sie gefragt, was sie erwartet habe. Ihre Antwort: „Dass er mich schlägt. Ich weiß nicht, was die alles so machen.“ Wen sie mit „die“ meinte? „Ich weiß gar nicht, ob ich das so gesagt habe“, sagt sie vor Gericht. Am 23. April wird der Prozess fortgesetzt.

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