Schneiderei

Träume aus Stretch und Strass: Essenerin näht Tanzkleider

Die Schneiderin und ihre Werke: Regine Solibakke entwirft und näht Turniertanzkleider. 110 Arbeitsstunden hat sie für das strassgeschmückte Kleid im Farbton „Hot Magenta“ gebraucht.

Die Schneiderin und ihre Werke: Regine Solibakke entwirft und näht Turniertanzkleider. 110 Arbeitsstunden hat sie für das strassgeschmückte Kleid im Farbton „Hot Magenta“ gebraucht.

Foto: Vladimir Wegener / FUNKE Foto Services

Essen.  Regine Solibakke hat als Jugendliche gern genäht, doch beruflich schlug sie einen anderen Weg ein. Erst im Ruhestand verwirklicht sie ihren Traum.

Regine Solibakke ist Frührentnerin – und Jungunternehmerin: Ihr Leben lang hat sie als Kommunikationsfachfrau gearbeitet, zuletzt beinahe 20 Jahre als Pressereferentin der Krupp-Stiftung. Außerdem schneidert sie aufwendige Turniertanzkleider, will sich im Ruhestand ganz ihrer Firma „Modasol“ widmen. Bis ein Kleid fertig ist, können mehr als 100 Stunden vergehen: „Aber wenn ich sehe, wie in meinem Kleid getanzt wird, geht mir das Herz auf.“

Sie weiß dann, dass stundenlange Überlegungen und tagelange Handarbeit genau den erwünschten Effekt erzielen. Dass tausende Strass-Steine und schwingende Stoffe (sowie die Aussparungen an Rücken und Dekolleté) den Tanz unterstreichen und die Trägerin in Szene setzen. „Es ist ein Supergefühl, wenn das so geklappt hat.“

Nach zwei Hüft-Operationen konnte sie nicht mehr tanzen

Die 63-Jährige ist keine gelernte Schneiderin, dabei hat sie schon als Jugendliche gern genäht, Blusen und Röcke für sich geschneidert. Als Beruf war das keine Option, stattdessen studierte sie Germanistik, ging in den Kommunikationsbereich. Und nähte nur nebenbei für den Eigenbedarf.

Später entdeckte sie den Tanz für sich: Nach einigen Jahren im Breitensport, wechselte sie 2005 zum Turniersport, trainierte drei- bis viermal die Woche, war fünf Jahre lang aktiv. Bis ihr Körper dieser Leidenschaft ein jähes Ende setzte: 2010 und 2011 musste sie sich beide Hüftgelenke operieren lassen, danach war an Tanzen auf Wettkampfniveau nicht mehr zu denken. „Das war sehr bitter, mein Herz hing so am Tanz!“

„Egal wie elegant ein Tanzkleid ist, es bleibt ein Sportgewand“

Sie sei in ein tiefes Loch gefallen, habe sich eine Zeit lang nicht mal Turniere ansehen können, „weil es einfach zu weh tat“. Freunde ermunterten sie dann, doch Turnierkleider zu nähen. Daran hatte sie sich bis dahin zwar nie gewagt, „aber die wussten, dass ich meine Trainingskleidung immer selbst gemacht hatte“.

Es war wohl genau der Anstoß, den Regine Solibakke damals gebraucht hatte, denn bald widmete sie sich dem Nähen der Kleider mit gleicher Hingabe wie zuvor dem Tanz. Weil sie keine 08/15-Kleider nähen wollte, belegte sie Schnittkurse, entwarf eigene Schnitte. Sie perfektionierte den Umgang mit den elastischen Stoffen, die schwer zu verarbeiten sind: „Manchmal ist der Stoff Dein Feind“, sagt die Näherin. Aber die Tänzerin weiß, dass sich Stretch-Material eben am besten eignet, vor allem für den Body, der die Basis des Kleides bildet: „Egal wie elegant und schick das Kleid aussieht, es ist ein Sportgewand, in dem man sich gut bewegen können muss.“

Ein Sportgewand, an dem sie mitunter über 100 Stunden arbeitet, vier Röcke übereinander bauscht, die Säume mit Krinolinen besetzt, bis zu 9000 Strass-Steine aufklebt oder aufnäht – an der Puppe, damit alles perfekt sitzt. Sie legt sich das Design vorher auf einem Brett zurecht, simuliert mit einer Taschenlampe, wie die Steine in der Bewegung glitzern werden. „Wenn ich die Steine aufgeklebt habe, und es ist nicht gut, ist ganze Kleid versaut.“

Sie will weiternähen, bis sie 75 ist

Auch das schönste Kleid müsse natürlich zur Trägerin passen: „Dann schlüpfen Sie rein, nehmen direkt eine andere Haltung an und fühlen sich zehn Zentimeter größer. Das habe ich selbst auf Turnieren erlebt.“ Ihre Erfahrung als Tänzerin komme ihr bei ihrer Arbeit enorm zugute. Doch solange sie hauptberuflich noch als Pressereferentin tätig war, konnte sie ihr 2012 gegründetes Kleinunternehmen nur mit halber Kraft und in langen Nächten betreiben.

Seit Juni ist sie Rentnerin und freut sich, dass sie sich ihre Arbeitszeit als Schneiderin nun freier einteilen kann. Außerdem will sie sich nun noch intensiver darum kümmern, einen Kundenstamm aufzubauen. Ein Kleid, das allein einen Materialwert von 500 Euro habe und in Handarbeit gefertigt werde, kaufe ja niemand im Vorbeigehen wie ein T-Shirt. Sie wirbt daher bei Turnieren mit einem eigenen Stand für ihre Kleider, informiert sich dort über neue Trends.

Schließlich möchte sie ihr neues Metier noch betreiben, „bis ich 75 bin und steife Finger habe“.

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