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Tanz als Schulfach: So schwierig ist das Tanzabitur in Essen

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Hannes (links) und Francesco proben täglich mehrere Stunden, um in Essen-Werden ihr Tanzabitur zu absolvieren.

Hannes (links) und Francesco proben täglich mehrere Stunden, um in Essen-Werden ihr Tanzabitur zu absolvieren.

Foto: André Hirtz / FUNKE Foto Services

Essen-Werden.  Tanzen als Schulfach: In Essen ist das einzige Gymnasium in Deutschland, an dem Jugendliche ein Tanzabitur machen können. Zwei Schüler berichten.

Eine schnelle Drehung nach rechts, dann ein Sprung nach links, die Füße dabei bis in die Zehenspitzen angespannt, den Oberkörper bloß nicht überdrehen: Hannes und Francesco sind zufrieden mit ihrer Choreographie, die sie im hellen Saal des Alten Bahnhofs in Werden proben.

Hier absolvieren die beiden ihr Tanzabitur, das das Gymnasium Essen-Werden als einzige Schule in ganz Deutschland anbietet. Doch bis zum Abi ist es ein weiter Weg, nur zehn Prozent eines Jahrgangs schließen den Leistungskurs Tanz erfolgreich ab.

Leistungskurs Tanz an Essener Gymnasium

„Ab der fünften Klasse trainiert man anderthalb Stunden, vier Mal in der Woche. In der Oberstufe sind es dann täglich bis zu fünf Stunden“, sagt Hannes, der die Prüfungen schon erfolgreich hinter sich gebracht hat. 40 Minuten Klassisch, 40 Minuten Modern und eine selbst ausgedachte Combo musste er vor den Lehrkräften tanzen, Klausuren in Tanz-Theorie bestehen, dazu noch die Prüfungen in Deutsch, Mathe und Erdkunde.

Dass er sich während seiner Schulzeit aufs Tanzen fokussieren möchte, stand für den heute 18-Jährigen aus Rüttenscheid früh fest: „Ich wollte immer etwas mit Bewegung machen. Meine Schwester war auch hier auf der Schule, also habe ich mich beworben.“

Essener Tanzschüler: „Ich dachte, ich schaffe das niemals“

Der 17-jährige Francesco besucht das Werdener Gymnasium hingegen erst seit der achten Klasse. Über eine Reportage ist er auf die Schule aufmerksam geworden und hat sich für die Aufnahmeprüfung angemeldet.

„Ich war mega aufgeregt. Es waren viele da, die supergut waren. Die Lehrerin, eine Französin, hat die ganze Zeit zu mir gesagt: ‘Mon dieu. So schlimm.’ Ich hatte ja gerade erst mit Ballett angefangen und als Kind Rock’n’Roll getanzt“, erinnert sich Francesco. „Ich dachte, ich schaffe das niemals.“ Noch am selben Tag erhält er die Zusage.

13-Jähriger zieht für Tanz-Abitur nach Essen

Kurze Zeit später verlässt der damals 13-Jährige seine Heimat in der Eifel nahe der luxemburgischen Grenze, zieht in ein Internat in Essen. Einige seiner Mitschülerinnen und Mitschüler kommen sogar aus Italien, Österreich, Frankreich oder Südkorea nach Werden.

„Der Umstieg war heftig“, sagt Francesco im Rückblick. Anfangs sei es ihm schwergefallen, die Schule und das Training zu vereinen. Denn zum Leistungskurs Tanz – den nur ein Bruchteil der gesamten Schülerinnen und Schüler belegt – kommt noch der Unterricht in allen anderen regulären Schulfächern hinzu.

„Und dazu noch das Heimweh“, sagt Francesco. „Ich vermisse meine Familie schon noch. Vor allem meinen Bruder und meinen kleinen Kater.“ Ob er je überlegt habe, aufzuhören? „Mir wurde es manchmal zu viel. Da habe ich gedacht: Ich packe es einfach nicht. Aber es war nie so, dass ich keine Lust mehr aufs Tanzen hatte.“

Tänzer werden mit vielen Vorurteilen konfrontiert

Mittlerweile habe er eine gute Balance gefunden. „Es ist anstrengend. Natürlich“, bestätigt Hannes. „Unter der Woche kann man meist nichts anderes machen, aber dann halt am Wochenende.“ Er habe nicht das Gefühl, etwas verpasst zu haben, habe auch Freunde, die nicht tanzen.

In seinem Freundeskreis würden alle positiv auf sein Hobby reagieren, sagt Hannes. Generell sieht er sich aber mit vielen Vorurteilen konfrontiert. Ein Junge, der tanzt, dass passe für viele immer noch nicht ins Bild. So bewerben sich auch am Tanz-Gymnasium in Werden jährlich deutlich weniger Jungen als Mädchen.

Tanz-Karriere: „Die Konkurrenz ist sehr hoch“

Hannes absolvierte den Tanz-Leistungskurs lediglich mit einem weiteren männlichen Schüler, Francesco ist ganz allein unter seinen Mitschülerinnen. „Aber die Konkurrenz ist trotzdem sehr hoch. Bei den Companys ist das Verhältnis schließlich 50/50.“

Eines Tages Teil eines professionellen Tanzensembles zu sein, davon träumen die beiden Schüler. Hannes ist diesem Ziel bereits einen großen Schritt nähergekommen: Ab dem kommenden Semester wird er in Frankfurt einen Bachelor in Tanz absolvieren.

Während er sich nach dem gemeinsamen Training wieder umzieht, behält Francesco die Sportkleidung gleich an. Fünf Stunden Tanzunterricht stehen heute noch auf seinem Stundenplan.

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