Medizin

Super-Brille hilft fast blindem Dominic (25) wieder zu sehen

Mit der japanischen Projektionsbrille kann Dominic (25) gestochen scharf sehen. Nach einem Unfall als Teenager ist er ohne die Sehhilfe fast blind.

Mit der japanischen Projektionsbrille kann Dominic (25) gestochen scharf sehen. Nach einem Unfall als Teenager ist er ohne die Sehhilfe fast blind.

Foto: Julia Tillmann

Essen/Brilon.  Die Uniklinik testet eine Super-Brille: Dominic (25), der seit einem Unfall fast nichts sieht, hat mit ihr ein gestochen scharfes Bild der Welt.

Dominic Schmitz (Name geändert) ist 15 Jahre alt, als ein Unfall mit einem selbstgebastelten Böller sein bisheriges Leben zerstört. Er verliert seine Sehkraft fast völlig, kann auch zehn Jahre später weniger als fünf Prozent sehen. Nun hofft der heute 25-Jährige auf eine neue Super-Brille aus Japan, die gerade am Uniklinikum getestet wird.

Schmitz, der aus einem Dorf bei Brilon im Sauerland stammt, erinnert sich, dass er damals mit ein paar Freunden, „ein bisschen was zusammengemischt“ habe, um Feuerwerkskörper herzustellen. „Da ging einer in die Luft.“ Sein ganzes Gesicht wurde verätzt, er blutete, schlimm erwischte es vor allem seine Augen. Es war ein grausamer Schmerz und ein Schock für ihn und seine Familie, ein Schock, der bis heute nachwirkt.

Es bestand die Gefahr, dass er beide Augen verliert

Damals kam er erst ins nächstgelegene Krankenhaus, wurde dann in die Essener Uniklinik gebracht. „Er kam in meinem Nachtdienst“, erzählt Prof. Dr. Anja Eckstein, Oberärztin an der Klinik für Augenheilkunde des Uniklinikums. Ein Junge mit so schweren Verletzungen, das sei auch für sie nicht nur ärztliche Routine gewesen: „Wir haben beide einige Tränen verdrückt.“ Zumal die Heilungsaussichten für Dominic schlecht sind. „Lange bestand die Gefahr, dass ich beide Augen verlieren könnte – und das hat man mir auch so klar gesagt.“

Gleichzeitig versuchen die Ärzte alles, um das zu verhindern und die Sehkraft des Jungen zu verbessern. Er sei bis heute gut 50 Mal mit Vollnarkose operiert worden, schätzt er. Seine Augen wurden gerettet. Zweimal wurde ihm eine neue Hornhaut transplantiert, doch die erste wurde gleich abgestoßen, auch die zweite halte nicht, sagt er. „Es ist ein ständiges Auf und Ab. Manchmal geht es drei Schritte vor – und vier zurück.“

Die Brille projiziert das Bild direkt auf die Netzhaut

Anja Eckstein hofft, dass es für ihren Patienten jetzt einen gewaltigen Schritt nach vorn gehen könnte. Dank einer „einzigartigen Sehhilfe“, die seit August 2018 am Uniklinikum in einer Studie getestet wird. „Retissa“ umgeht die geschädigte Hornhaut und projiziert ein digitales Bild direkt auf die intakte Netzhaut des Nutzers. Das funktioniert so: Eine in die Brille integrierte Kamera nimmt das Bild auf und nach Datenverarbeitung wird ein Laser angesteuert. Der Laserstrahl kann auch die getrübte Hornhaut durchdringen und durch einen mikroelektromechanischen Spiegel wird das Bild der Umwelt direkt auf die Netzhaut gescannt. Gestochen scharf.

Dominic Schmitz, der die Welt bisher wie durch eine schlierige Scheibe sieht, erlebte tatsächlich ein optisches Wunder: „Papa, du bist aber alt geworden, ich kann die Falten auf deiner Stirn sehen.“ Da das digitale Bild in sein Blickfeld eingesetzt wird, kann er mit der Brille nicht nur Gesichter erkennen und Schilder oder Zeitungen lesen, sondern sich auch weiter im Raum orientieren. Ein Phänomen, das als „augmented reality“ (erweiterte Realität) bekannt ist.

Dem jungen Mann, der im Laufe der Jahre schon Spezialkontaktlinsen getestet und sich mit Handlupen, Bildschirmlesegeräten oder spezieller Software für den Computer beholfen hat, wäre die Hightech-Brille eine enorme Hilfe: „Gerade bei der Arbeit könnte ich die super einsetzen.“ Nach dem Abschluss an der Berufsschule für Sehbehinderte und Blinde hatte er eine Ausbildung zum Bürokaufmann angefangen, die er aber abbrechen musste. „Mit dieser Brille sieht man sofort! Das macht so viel aus.“ Und könnte ihm den Weg ins Berufsleben ebnen.

Auf den Fußballplatz wird Dominic allerdings wohl nicht so bald zurückkehren. Für Sport und rasche Bewegungen sei „Retissa“ eher nicht geeignet, räumt Anja Eckstein ein. „Wer die Brille trägt, muss immer durch die optische Mitte sehen und darf die Augen nicht bewegen, sondern nur den Kopf drehen.“ Sie hofft nun, dass nach erfolgreichem Abschluss der Studie die Brille bald in den Heilmittelkatalog aufgenommen wird, und – möglichst rasch – die Kostenübernahme durch die Kassen geklärt wird.

Darauf setzt auch Dominics Vater, der seinen Sohn seit dem Unfall durch alle Höhen und Tiefen begleitet. Die Projektionsbrille habe Dominic während der Testphase ein ganz neues Sehen ermöglicht. „Jetzt hoffe ich nur, dass er nicht Jahre warten müssen, bis die Kasse das bezahlt.“


>>> BRILLE IST NOCH NICHT ZUGELASSEN

Der 25-jährige Dominic Schmitz ist nach einem Unfall, bei dem die Hornhaut auf beiden Augen verätzt wurde, hochgradig sehbehindert. Er sieht weniger als 5 Prozent; als blind gilt, wer weniger als 2 Prozent sieht.

Eine Hornhaut-Transplantation ist bei ihm gescheitert. Die Projektionsbrille Retissa aus Japan, ist für ihn eine Chance, einen Teil seiner Sehfähigkeit zurückzugewinnen. Die Brille kann nur bei Patienten angewendet werden, bei denen Netzhaut und Sehnerven intakt sind.

Das Uniklinikum macht derzeit eine Zulassungs-Studie zu der Brille. Projektleiterin ist Prof. Dr. Anja Eckstein, Oberärztin an der Klinik für Augenheilkunde des Uniklinikums. Zu ihrem Team gehören die Mediziner Dr. Michael Oeverhaus und Mareile Stöhr. Weitere Infos: retissa-studie.de

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