Chorarbeit im Stadtteil

Wie eine Chorleiterin das Glas für den richtigen Ton sucht

Der Chor der Auferstehungskirche unter der Leitung von Stefanie Westerteicher probt für den Auftritt mit Gläsern. Foto: Stefan Arend

Der Chor der Auferstehungskirche unter der Leitung von Stefanie Westerteicher probt für den Auftritt mit Gläsern. Foto: Stefan Arend

Essen-Südostviertel.  Der Kammerchor der Auferstehungskirche singt bei der Chornacht am 1. Juni. Dabei kommen Instrumente zum Einsatz, die jeder Bürger im Schrank hat.

Für einen ganz besonderen Auftritt probt der Kammerchor der evangelischen Auferstehungskirche im Südostviertel. Unter der Leitung von Kantorin Stefanie Westerteicher (53) nehmen die 34 Mitglieder am 1. Juni an der vierten Essener Chornacht in der Philharmonie teil. Dafür haben sie mit „Stars“ des jungen lettischen Komponisten Eriks Eśenvals ein ungewöhnliches modernes Stück eingeübt, das sie vor ungeahnte Herausforderungen stellt – denn die Requisiten müssen erst einmal beschafft werden.

Die Sänger begleiten sich selbst mit Akkorden, die auf mit Wasser gefüllten Gläsern gespielt werden. Den Klang erzeuge man, indem man mit nassen Fingern über den Rand gehe. Die meisten Gläser stammen aus den Küchenschränken der Sänger. Aber eben nicht alle.

Die Chorleiterin sucht im Kaufhaus nach Gläsern

„Uns fehlte noch ein Glas mit einem bestimmten Ton“, berichtet Stefanie Westerteicher über die ungewöhnlichen und sehr aufwendigen Vorbereitungen für die Chornacht. Gemeinsam mit einem Chormitglied sei sie ins Kaufhaus gegangen, um das benötigte Instrument in Form eines normalen Trinkglases zu kaufen. „Das Problem ist, dass jedes Glas anders klingt und das Erzeugen der Töne zum Beispiel auf Gläsern mit dickem Rand nicht funktioniert“, so die Kantorin, die seit 24 Jahren an der evangelischen Kirche im Südostviertel für die musikalische Arbeit zuständig ist.

Sie seien mit der Stimmgabel in der Hand die Regalreihen abgelaufen, hätten auf der Suche nach dem Glas mit dem richtigen Ton zahlreiche Trinkgefäße angeklickt, bis eine Verkäuferin nachgefragt habe, wie sie helfen könne.

Ihr sei das Verhalten der potenziellen Kunden wahrscheinlich komisch vorgekommen, vermutet Stefanie Westerteicher. „Wir haben ihr das Projekt ausführlich erklärt. Sie war ganz begeistert und sehr hilfsbereit.“

Chormitglieder füllten Glas zur Probe im Kaufhaus

Als dann ein Glas gefunden war, das zu passen schien, hatten die beiden Kundinnen noch ein weiteres Anliegen. „Erst wenn das Glas mit einer gewissen Menge Wasser gefüllt ist, hat es ja den richten Klang. Deshalb mussten wir es auch noch mit Füllung testen“, sagt Stefanie Westerteicher. Und prompt habe die Verkäuferin eine Wasserkaraffe geholt, um die Gläser zu füllen.

Endlich war das richtige Exemplar, ein Sektglas, gefunden. „Wir haben dann vier Stück davon gekauft“, sagt Stefanie Westerteicher. Die Verkäuferin werde die ungewöhnliche Kundschaft wahrscheinlich nicht so schnell vergessen.

Jeder der Sänger hält ein Glas in der Hand

Jeder der sechs Töne werde bei der Aufführung von fünf Chormitgliedern erzeugt, die sich nicht nur ihren stimmlichen, sondern auch den instrumentalen Einsatz merken müssten. Jeder habe beim Singen ein Glas in der Hand. Natürlich könne auch mal das ein oder andere Exemplar zu Bruch gehen, doch es gebe nur einige Ersatzgläser. Die auf den Gläsern erzeugten Töne sorgten für geheimnisvolle, sphärische Klänge. „Allein das Stimmen der Gläser vor jeder Probe und Ausführung dauert eine Stunde.“

Der Kammerchor entstand aus der Jugendkantorei

Der Kammerchor der Auferstehungskirche, der sich aus der früheren Jugendkantorei entwickelt hat, hat sich von Anfang an der Essener Chornacht beteiligt. Der Arbeitsschwerpunkt liegt laut Stefanie Westerteicher auf A-Capella-Musik, besonders auf Werken moderner Komponisten. „Das Stück ,Stars’ von Eriks Eśenvals, bei dem es textlich um die Betrachtung des Sternenhimmels geht, habe ich auf einer Messe für Chormusik entdeckt und war sofort begeistert von der besonderen Atmosphäre. In unserer Kirche haben wir das Stück schon einmal aufgeführt, aber noch nie in so großem Rahmen wie bei der Chornacht“, so die Kantorin.

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