Heimatforschung

Stadthistoriker führt über Südwestfriedhof in Essen-Fulerum

Stadthistoriker Robert Welzel erklärt die Geschichte und Architektur des Südwestfriedhofs, hier der außergewöhnliche Arkadengang.

Stadthistoriker Robert Welzel erklärt die Geschichte und Architektur des Südwestfriedhofs, hier der außergewöhnliche Arkadengang.

Foto: Socrates Tassos

Essen-Fulerum.  Einblicke in 150 Jahre Architekturgeschichte bietet ein Rundgang über den Südwestfriedhof. Autor Robert Welzel informiert über Besonderheiten.

Ingenieur Franz Dinnendahl, Margarethenhöhen-Architekt Georg Metzendorf, die Essener Oberbürgermeister Wilhelm Holle, Wilhelm Nieswandt und Heinz Renner sowie die Verlegerfamilie Girardet haben eines gemeinsam: ihre letzte Ruhestätte auf dem Südwestfriedhof. Der ist ein idealer Ort für historische Spaziergänge. An heißen Sommertagen spenden die hohen Bäume dabei wohltuenden Schatten.

Vom Ersten Weltkrieg über die Goldenen 1920er in die NS-Zeit reicht die Reise in die Vergangenheit, die der Essener Buchautor, VHS-Mitarbeiter und Heimatforscher Robert Welzel für Geschichtsinteressierte anbietet.

Erkundungen auf eigene Faust wagen und Überraschendes entdecken

Ausgehend vom Bauhaus-Jubiläum in 2019 forschte der 50-Jährige ein gutes Jahr über den Südwestfriedhof. Wäre nicht Corona, würde er Spaziergänge für größere Gruppen organisieren. Vorerst rät er zur Erkundung auf eigene Faust. Besondere Plätze hat der Experte der Redaktion bei einem Exklusiv-Rundgang gezeigt.

Breite Alleen und schmale Wege wechseln sich auf dem Südwestfriedhof in Fulerum ab. Im Stil barocker Gärten präsentiert sich der Westteil, nach Osten hat der Friedhof Park- und Waldcharakter. Auf rund 40 Hektar liegen etwa 33.000 Gräber. Kaum zu glauben: Das sind zehnmal mehr als Fulerum an Einwohnern zählt. Allein 2.878 Opfer beider Weltkriege wurden auf diesem Essener Großfriedhof beerdigt.

Was vor 100 Jahren in Weimar mit einer Kunstschule begann, fand bald Ausdruck an der Ruhr. Viele Essener Architekten und Baukünstler waren im „Deutschen Werkbund“ organisiert. Allen voran pflegte das seit 1923 in Essen ansässige Museum Folkwang beste Kontakte nach Weimar und Dessau. So kam die „Neue Sachlichkeit“ nach Essen.

Tor zur Fulerumer Straße ist im Stil des Expressionismus gestaltet

Die Früchte seiner Forschungen hat Welzel auf 100 Seiten für den Historischen Verein zusammengefasst. Die Besichtigung startet am Tor zur Fulerumer Straße. Dessen Gitter sind im Stil des Expressionismus gefertigt. Von dort geht es in den Ehrenhof. „Aktuell diskutiert die Politik, den Vorplatz nach dem Bildhauer Will Lammert zu benennen“, sagt Welzel. Links liegt der schlichte Gebäudekomplex mit Einsegnungshalle, Läden und Verwaltung. Neues Bauen vom Feinsten. Die Pläne schuf der Beigeordnete Ernst Bode (1878–1944). Gebaut wurde von 1925 bis 1929 in zwei Abschnitten.

Das weitläufige, damals nur 28 Hektar große Gelände im Osten des heutigen Fulerums, war 1910 von der Stadt gekauft worden. Damals stieg die Bevölkerungszahl rasant an. Immer mehr Menschen ließen sich in Essen nieder und fanden Arbeit, vor allem in Bergbau und Stahlindustrie. Ein neuer, erster Zentralfriedhof sollte her. Das Grundstück gehörte Bauer Oberscheidt, an dessen Landwirtschaft bis 1967 ein Fachwerkhaus auf dem Gelände erinnerte.

Arkadengang führt zur denkmalgeschützten Einsegnungshalle

Den Wandelgang mit den parabelförmigen Arkaden entlang erreicht man die denkmalgeschützte Einsegnungshalle. Hier werden bis heute Trauerfeiern aller Konfessionen abgehalten. Durch Scheiben an der Decke fällt Tageslicht ein, was eine besondere Atmosphäre schafft. Beeindruckend ist der „Segnende Christus”. Die Plastik des deutschen Bildhauers Will Lammert (1892-1957) ist zwölf Meter hoch. An der Kopfseite in 3-D-Technik fest mit dem Mauerwerk verbunden, entging sie der Zerstörungswut der Nazis. „Weil sie den Anblick nicht ertragen konnten, hängten sie eine Hakenkreuzfahne über den Christus“, so Welzel.

Andere Werke Lammerts, der in der Künstlerkolonie Margarethenhöhe wirkte und in die KPD eintrat, wurden als „entartet“ zerstört, wie die Keramik „Mutter Erde“ von 1928. Sie hing am Außenportal der Trauerhalle.

Grabkreuze erinnern an die Gefallenen der Weltkriege

Wer sich im hinteren Teil des Friedhofes umschaut, entdeckt weitere Spuren der NS-Zeit. „In Fulerum sollte der Hauptfriedhof des Gau-Bezirkes entstehen. 1938/39 wurde das NSDAP-Ehrenmal nach Plänen von Emil Fahrenkamp gebaut.“ Mauerreste erinnern daran.

An beide Weltkriege ermahnen etliche Wiesenreihen voll schlichter Betonkreuze. „Die Grabmale wurden vor einigen Jahren ersetzt. Zuvor waren darauf nicht nur die Namen der Soldaten, Geburts- und Todesjahre, sondern auch ihre Dienstgrade und Divisionen vermerkt“, erklärt Welzel.

Unvergessen hingegen sind einige Essener Promis: Nur ein paar Schritte von der Halle liegt das Ehrengrab des Ingenieurs Franz Dinnendahl (1775-1826), an der Ruhr ein Pionier der Industrialisierung. Andere Promi-Gräber wie das der Girardets sind hinter dichten Büschen versteckt. Hinweistafeln fehlen. „Auch das hat seinen Reiz“, meint der Stadthistoriker. Eines ist sicher: Wer hier wandelt, tut dies in Ruhe. Ganz wie es die Inschrift im romantischen Urnenhain verheißt: „Geselle, hier find’st du deine Ruh.“

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