Strassenserie

Kampf der Rellinghauser um die Frankenstraße in Essen

Die Frankenstraße anno 1926 (re.) verlief einst schnurgerade. Erst als die Straßenbahn von Stadtwaldplatz bis Rellinghausen verkehrte, sorgte eine Kurve für eine notwendige Steigung. Vorne links: die Eyhof-Siedlung.   

Foto: Sammlung Gerhard Schule

Die Frankenstraße anno 1926 (re.) verlief einst schnurgerade. Erst als die Straßenbahn von Stadtwaldplatz bis Rellinghausen verkehrte, sorgte eine Kurve für eine notwendige Steigung. Vorne links: die Eyhof-Siedlung.    Foto: Sammlung Gerhard Schule

Essen-Rellinghausen.   Die Frankenstraße verbindet Rellinghausen, Stadtwald und Bredeney. In den 1960ern wurde sie umbenannt, unter großem Protest der Anwohner.

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Sie verbindet die Stadtteile Rellinghausen, Stadtwald und Bredeney, gilt als wichtige Ost-West-Verbindung, aber auch als ein Ort, wo Essener Geschichte noch erkennbar und erlebbar ist – die Frankenstraße. „Diese Straße hat viele Facetten“, bestätigt Johannes Stoll. Der Vorsitzende der Bürgerschaft Rellinghausen-Stadtwald kennt so manche Anekdote über die fünf Kilometer lange Landesstraße, für die die Rellinghauser sogar einmal auf die Barrikaden gingen.

Wir treffen Stoll vor dem alten Rathaus und sind sofort mittendrin in der Historie des Stadtteils: „Die Renovierung des Rathauses wurde erst Ende 2016 abgeschlossen.“ Zwischenzeitlich drohte dem roten Klinkerbau aus dem Jahr 1877 der Abriss, doch nach zehn Jahren zähen Ringens wurde das Haus gerettet. „Die Gesellschaft für soziale Dienstleistungen Essen kaufte das Domizil für 200 000 Euro, betreibt dort eine Tagespflege für Senioren“, weiß Stoll.

Was ihn besonders freut: „Dank der strengen Auflagen des Denkmalschutzes, sieht das Rathaus heute praktisch aus wie früher.“ Steinmetze rekonstruierten Wappen und Zierelemente, und auch die große Rathausuhr zeigt wieder die richtige Zeit an.

Bürgerschaft sitzt im Blücherturm

Weiter geht’s zum Blücherturm, dem Sitz der Bürgerschaft. „Den Turm haben wir schon vor über 20 Jahren erworben und Dank der Hilfe der NRW-Stiftung saniert und überhaupt erst wieder nutzbar gemacht“, erklärt Stoll. „Für das Grundstück bezahlen wir allerdings eine Pacht.“ Oben im Turm sitzen Annemarie Zimmermann-Voß und Gerhard Schulte und sortieren alte Bilder für das hauseigene Archiv.

Viele davon stammen aus Schultes privater Sammlung: „Ich bin hier geboren. In diesem Jahr werde ich 70.“ Die Frankenstraße, so sagt er, habe schon viele Namen getragen: Chaussee, Hauptstraße, später in Teilen Steeler Straße und auch Rellinghauser Straße. „Seit dem Jahr 1915 heißt sie jedoch über ihre komplette Länge Frankenstraße.“

Straßenname verwies auf alte Grenze

Dass dies bis heute so blieb, dafür sorgte allerdings die Bürgerschaft erst nach hartem Kampf. Im Jahr 1969 wollte die Stadt den beiden bedeutenden Politikern der ersten Nachkriegsjahre ein Denkmal setzen und benannte den unteren Teil durch Rellinghausen in Kurt-Schumacher- und den Teil von Stadtwald nach Bredeney in Konrad-Adenauer-Straße um. „Es hagelte Proteste“, sagt Schulte. „Immerhin verwies der Straßenname doch auf die alte Stammesgrenze zwischen Franken und Sachsen.“

Eine Unterschriftensammlung folgte, doch als die keine Wirkung zeigte, nahm die Bürgerschaft die Sache selbst in die Hand. „Erst wurden die neuen Straßenschilder nachts überklebt, später sogar abgeschraubt und mitgenommen“, sagt Schulte mit einem Schmunzeln. „Ein einzigartiger Vorgang in Essen.“ Wochen später lenkte die Stadt – sichtlich entnervt – ein. Die Rellinghauser triumphierten und bekamen ihre Frankenstraße wieder zurück.

Stiftsbezirk ist ein geschichtsträchtiger Ort

Will man die Frankenstraße heute charakterisieren, kann man sie in fünf gänzlich unterschiedliche Bereiche unterteilen: der erste Teil, südlich der Bergbaukolonie Gottfried-Wilhelm, gefolgt von einem Teil mit zahlreichen Geschäften samt alten Rathaus. Erfreulicherweise finden sich dort praktisch keine Lücken. Leerstände gibt es kaum – weder in den Läden noch in den Wohnungen. „Wir haben hier praktisch alles, was wir brauchen“, schwärmt Annemarie Zimmermann-Voß.

Weiter geht es mit dem ehemaligen Stiftsbezirk. Ein wahrhaft geschichtsträchtiger Ort. „Am Stiftplatz mit dem Kaiser-Wilhelm-Denkmal finden sich noch sechs oder sieben historische Gebäude, darunter auch das alte Stiftshaus und das Brauhaus“, erklärt Stoll. „Der Blücherturm bildet praktisch die süd-östliche Ecke des Stiftsgeländes.“

Tor der Zeche ist Teil des Denkmalpfads

Später folgt ein Abschnitt mit Wohnbebauung ab 1910, die bis zum Stadtwaldplatz reicht. „Der letzte Teil der Frankenstraße dient heute als Verbindung zwischen Stadtwald und Kruppwald“, sagt Stoll. „Das ist praktisch unser Erholungsgebiet mit der ehemaligen Waldbühne und Vogelwarte.“ Von dort aus gibt es eine Zufahrt zur Villa Hügel und Essens teurer Villengegend hinter der Kirche St. Markus.

Auf dem Rückweg schauen wir am alten Tor der Zeche Gottfried Wilhelm vorbei. „Die hatte zwei Tore“, sagt Stoll. „Das erste wurde uns versprochen, doch dabei blieb es. Das zweite Tor nutzten wir als ersten Teil unseres Denkmalpfades. „Heute zählt er über 30 Stationen“, sagt Stoll nicht ohne Stolz.

>> Zur Serie„Essener Straßen“

Die Serie beschreibt historische, große, kleine, schöne und skurrile Straßen unserer Stadt. Viele Geschichten ranken sich um sie, die von Menschen aus den Stadtteilen erzählt werden.

Wenn Sie ihre Straße vorstellen möchten, nehmen wir Anregungen gerne auf. Schreiben Sie per E-Mail an redaktion.stadtteile-essen@waz.de

Eine Übersicht aller bislang erschienenen Folgen der Serie findet sich hier.

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