Weihnachten

In der Kerzenfabrik denkt man Weihnachten schon an Ostern

Geschäftsführer Christian Kaufhold überpüft die vorproduzierten Kerzen.

Geschäftsführer Christian Kaufhold überpüft die vorproduzierten Kerzen.

Foto: WAZ FotoPool

Essen.  Peter und Christian Kaufhold führen die traditionsreiche Rüttenscheider Kerzenfabrik Heuschmid in vierter Generation. Die Kirchen im Bistum Essen sind Hauptabnehmer des Familienbetriebs, der noch „frei Schrank“ liefert.

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Wer in diesen Tagen Kerzen in der Wohnung anzündet oder eine festlich geschmückte Kirche in Essen besucht, sieht mit ziemlicher Sicherheit Produkte der Firma Heuschmid leuchten. Denn das Traditionsunternehmen, das von den Geschäftsführern Peter und Christian Kaufhold in vierter Generation an der Reginenstraße in Rüttenscheid geführt wird, beliefert fast alle Kirchen im Bistum Essen.

Seltsamerweise ist es nicht allzu schwierig, wenige Tage vor dem Weihnachtsfest, dem gefühlten Lichter-Höhepunkt des Jahres, einen Termin bei Christian Kaufhold (34) zu bekommen. „Weihnachten denken wir eigentlich schon an Ostern, denn das ist für uns die Hochsaison“, sagt Christian Kaufhold und zeigt auf die zahlreichen Osterkerzen, die jetzt schon im Regal stehen und neben denen sich die kleine Gruppe von Weihnachtskerzen mit Tannenbäumen, Engelsfiguren und Krippen fast unscheinbar ausnimmt. Früher sei Maria Lichtmess am 2. Februar das wichtigste Kerzenfest gewesen, weiß Kaufhold aus Erzählungen.

Kerzen werden in den Kirchen immer gebraucht

Christian Kaufholds Urgroßvater Adolf Heuschmid gründete die Kerzenfabrik - „heute klingt Manufaktur besser“ - 1927 und verlegte 1935 den Firmensitz von der Billrothstraße in Holsterhausen nach Rüttenscheid. Dort produzieren noch heute neun Mitarbeiter die Kerzen, mit denen das Unternehmen 2010 einen Jahresumsatz von knapp zwei Millionen Euro erwirtschaftete.

Ein lukratives, krisenfestes Geschäft also? Die Auftragslage sei relativ stabil, denn Altar-, Opfer-, Oster-, Weihnachts-, Tauf- und Brautkerzen würden in den Kirchen - und die sind Hauptabnehmer der Firma Heuschmid - immer gebraucht. Allerdings hat auch diese Branche schon bessere Zeiten gesehen. „Wir merken schon, dass inzwischen viele Kirchen geschlossen und Sparmaßnahmen verordnet sind“, sagt Kaufhold. „Trotzdem gibt es natürlich im Ruhrbistum immer noch sehr viele Kirchen auf engstem Raum.“

Kaufhold bedauert, dass im Zuge der Sparmaßnahmen und Zusammenlegungen von Gemeinden oft auch Küsterstellen eingespart würden. „Die Küster sind unsere wichtigsten Ansprechpartner, wissen genau, was wann benötigt wird und wie lange im Voraus es bestellt werden muss. Dieses Wissen geht leider verloren, wenn die Tätigkeiten zunehmend von Ehrenamtlichen übernommen werden.“

„Die Betreuung vor Ort gehört zum Service"

Pfarrbüros hätten oft nur noch ein, zwei Tage in der Woche geöffnet. „Wenn das in einer Pfarre der Montag, in der nächsten der Dienstag und bei wieder anderen der Mittwoch ist, wird es für uns schwierig, die Auslieferung der Kerzen so zu organisieren, dass man Kirchen, die auf einer Route liegen, nacheinander abfahren kann“, erklärt der Geschäftsführer. Dass die Auslieferung „frei Schrank“ persönlich erfolge, sei Ehrensache: „Die Betreuung vor Ort gehört zum Service. Wenn etwas nicht passt, nehmen wir es wieder mit und tauschen es aus.“

Christian Kaufhold und sein Team müssen nicht nur mit Zusatzstoffen und Schmelzpunkten vertraut sein, sondern auch über ziemlich spezielles liturgisches Wissen verfügen. „Mit der christlichen Symbolik sollte man schon vertraut sein“, sagt Kaufhold. Kreuz, Taube und Weinstock seien ja gängige Symbole. Aber einmal habe ein Pfarrer eine Kerze mit einem „sich selbst zerfleischenden Pelikan“ (als Sinnbild der Opferbereitschaft) bestellt. Gut, dass es zur Not das Internet gibt.

Was die Rohstoffe angeht, wirkt sich die Situation auf dem Weltmarkt durchaus bis auf den Rüttenscheider Hinterhof aus. Hauptbestandteil der Kerzen ist Paraffin, ein Nebenprodukt der Schmierölherstellung, das an den Rohölpreis gekoppelt ist. Die Lage auf dem Ölmarkt beeinflusst so den Preis der Rohstoffe und damit der Kerze. Ähnliches gilt für den Preis der Baumwolle - das Material, aus dem die Dochte sind.

Nur noch selten wird reines Bienenwachs verwendet - weil es fünfmal so teuer wie Paraffin und aufgrund der klebrigen Konsistenz nur per Hand oder halbmechanisch zu verarbeiten ist. „Natürlich ist es auch ein Problem, dass heute immer alles billig sein muss und wir mit unseren hochwertigen, teilweise aufwendig in Handarbeit produzierten Kerzen preislich nicht mit der Billigware konkurrieren können“, so Kaufhold. Entscheidend sei die Brenndauer. „Wir stellen keine Struktur-, Mehrdocht- oder eckigen Kerzen her, die brennen einfach aufgrund der Physik nicht sauber ab“, setzt Kaufhold auf die klassische runde Form.

„Da sieht man schon mal im Urlaub in Bayern die eigene Kerze in der Kirche brennen"

Auch privat schätzt Christian Kaufhold Kerzenlicht, auch wenn er den professionellen Blick dabei nicht einfach ausknipsen kann: „Brennt die Kerze schön gleichmäßig ab, flackert sie, wird der Brennteller komplett flüssig, tropft sie?“ Die eigenen Produkte, teils auch die der Konkurrenz, erkennt Kaufhold sehr sicher. „Da sieht man schon mal im Urlaub in Bayern die eigene Kerze in der Kirche brennen, auch wenn wir ja vorwiegend in Essen und im Umkreis von etwa 60 Kilometern liefern“, schmunzelt Kaufhold. Er arbeitet nicht mit Saisonkräften, sondern produziert mit dem Stammpersonal in der auftragsärmeren Zeit ab Mai schon für die kommenden kirchlichen Feste vor.

Länge und Durchmesser der Kerzen sind natürliche Grenzen gesetzt durch die Tatsache, dass die Kerzen im Verlauf der Fertigung zeitweise aufgehängt werden. „Wenn sie zu schwer wird, hält der Docht das Gewicht nicht mehr.“ Kaufhold selbst kommt übrigens aus dem kaufmännischen Bereich, aber das Wissen über Kerzen liegt bei ihm ja sozusagen in der Familie.

Die Geschichte der Kerze geht bis in die Antike zurück. Noch immer befassen sich zwei Handwerke mit der Herstellung: der Wachszieher, ein Beruf, den derzeit rund 30 Auszubildende bundesweit erlernen, und der Wachsbildner, der sich mit der Veredelung und Verzierung von Kerzen beschäftigt. Auch wenn nur noch wenige diese traditionsreichen Berufe erlernen und ausüben, werden sie wohl trotzdem überleben. Denn dass irgendwann LED-Lichter statt des stimmungsvollen Kerzenscheins die Christmette erhellen, mag man sich lieber nicht vorstellen.

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