Haarzopfer Erinnerungen

Ex-Pfarrer aus Essen-Haarzopf erzählt Stadtteil-Geschichten

Der ehemalige Haarzopfer Pfarrer Joachim Siemer hat seine Erinnerungen auf 60 Seiten zusammengefasst.

Der ehemalige Haarzopfer Pfarrer Joachim Siemer hat seine Erinnerungen auf 60 Seiten zusammengefasst.

Foto: Christof Köpsel / FUNKE Foto Services

Essen-Haarzopf.  Joachim Siemer hat 30 Jahre in der ev. Gemeinde Haarzopf als Pfarrer gearbeitet. Der 83-Jährige hat er seine Erinnerungen jetzt aufgeschrieben.

Geboren wurde Joachim Siemer auf den Palau-Inseln im Westpazifik, viele Jahre seines Lebens hat er aber als evangelischer Pfarrer in Haarzopf und Fulerum verbracht. Jetzt hat der 83-Jährige ein Heft über seine Zeit in der Haarzopfer Gemeinde verfasst. Der bezeichnende Titel: „Erinnerungen eines Essener Stadtrandpfarrers“.

Auf 60 Seiten mit etlichen Fotos berichtet Siemer über seine 30 Berufsjahre in der evangelischen Gemeinde Haarzopf. Geprägt sei die Zeit von der umfangreichen Modernisierung der Kirche an der Raadter Straße gewesen, die eine Million Mark gekostet habe und 1983 abgeschlossen worden sei. Nicht bei allen Gemeindegliedern fand der Umbau Zustimmung. „Ich bin bis heute von einer Traurigkeit erfüllt, dass es damals so schwer war, vor allem die alteingesessenen Haarzopfer von dem Vorhaben zu überzeugen.“

Ehemaliger Pfarrer blickt auf 30 Jahre in der Gemeinde Essen-Haarzopf zurück

„Einige haben sogar damit gedroht, die Kirche nie wieder zu betreten. Gerettet haben die Kirche damals die Neu-Haarzopfer, die dem Ganzen aufgeschlossener gegenüber standen“, erinnert sich Siemer, der als Ruheständler nun seit vier Jahren wieder in Haarzopf wohnt. Wenn er heute einen der früheren Skeptiker treffe, sei die Begrüßung eher freundschaftlich-herzlich. „Aber viele von damals sind bereits gestorben oder weggezogen.“

Als Pfarrer sei ihm nicht nur die Modernisierung der Kirche mit besonderem Farbkonzept wichtig gewesen, sondern vor allem auch die Jugendarbeit. „Die glücklichste Zeit meines Lebens waren 20 Jahre lang die Sommerfreizeiten der Gemeinde auf Texel, bei denen ich unglaublich viele talentierte junge Leute kennengelernt habe“, blickt der passionierte Radfahrer zurück. Erinnerungen an die Sommerfreizeiten inklusive Fotos finden sich auch in seiner Schrift wieder.

Die Idee zu seiner Broschüre kam Joachim Siemer Anfang des Jahres, rund 20 Jahre nach dem Ausscheiden aus dem Dienst. Bis März hatte er sein – handschriftliches – Manuskript fertig, das er dann abtippen und als Büchlein herausgeben ließ. Obwohl es erst im August erschienen ist, seien die ersten 80 Exemplare, die über ihn selbst oder die Haarzopfer Buchhandlung Leselust in Umlauf gebracht werden, bereits vergeben. Weitere Exemplare seien verfügbar, auch eine Lesung in der Buchhandlung sei für das kommende Jahr geplant.

Als Ruheständler besuchte er mit seiner Frau seinen Geburtsort

Auch wenn Haarzopf seine Heimat ist, hat Joachim Siemer seinen Geburtsort auf den Palau-Inseln in der Nähe der Philippinen vor einigen Jahren gemeinsam mit seiner Frau besucht. „Mein Vater war damals als Missionar dort, wir konnten dann aber nach einem Heimaturlaub 1938 in Deutschland wegen des Krieges nicht wieder zurück. Damals war ich zwei Jahre alt“, erzählt Siemer, der vier Geschwister hat.

Die Familie sei dann in Hessen geblieben, weil der Vater dort eine Pfarrstelle bekommen habe. In Hessen verbrachte Siemer auch viele Jahres seines Ruhestands, bis ihn seine drei Kinder überzeugten, doch nach Essen in ihre Nähe zurückzukommen. Und so wohnt Siemer jetzt wieder nahe seiner alten Wirkungsstätte, ist weiterhin der evangelischen Gemeinde Haarzopf und deren Kirche eng verbunden.

Seit dem Vikariat – Siemer studierte wie sein Vater evangelische Theologie – arbeitete er in Haarzopf. „Ich erinnere mich, dass ich damals mit dem Roller von Wuppertal, wo ich studiert hatte, nach Haarzopf fuhr, die grüne Landschaft sah und dachte: Das ist doch nicht das Ruhrgebiet“, sagt Siemer. Er habe viel von dem bekannten Haarzopfer Pfarrer Helmut Neuse gelernt, dessen Vater der erste Haarzopfer Pfarrer gewesen sei.

Erster Pfarrer der neu gegründeten zweiten Pfarrstelle in Fulerum wurde er dann 1966 selbst – damals noch ohne Räume, denn das heutige Gemeindezentrum entstand erst später. „Die Gemeindearbeit, auch der Konfirmanden-Gottesdienst, fand bei den Familien im Wohnzimmer statt“, blickt Siemer zurück. Es folgten einige Jahre als Pfarrer in Gießen – bis in Haarzopf Pfarrer Neuse dringend einen Nachfolger suchte. „Da es mir ja hier gut gefallen hatte, bin ich zurückgekommen.“ 20 Jahre bis zur Pensionierung 1998 blieb Siemer in Haarzopf.

Joachim Siemer initiierte die Anschaffung der Orgel

Dort initiierte er die Anschaffung der Orgel, an der später der bekannte Organist Detlef Steffenhagen wirkte, der die Gemeinde noch heute jedes Jahr für ein Konzert besucht.

Auch aus der Zeit vor der Gemeindegründung kennt Siemer Geschichten, die allerdings den zeitlichen Rahmen seines Büchleins gesprengt hätten. Als Haarzopf noch keine eigene Kirche hatte, sei eine Taufgesellschaft auf dem Weg zur nächstgelegenen Kirche in Kettwig gewesen. Unterwegs sei man das ein oder andere Mal eingekehrt und habe dabei tief ins Glas geschaut. In Kettwig angekommen, wollte der dortige Pfarrer wissen, was er für die Leute tun könne. Man wolle die kleine Wanda taufen lassen, hörte er und wollte wissen: Welche Wanda? Denn von einem Täufling war keine Spur: Man hatte das Kind schlichtweg in der letzten Kneipe vergessen . . .

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