Fotoausstellung

Ein Fotograf mit dem Gespür für den richtigen Moment

Der Fotograf Manfred Vollmer aus Stadtwald zeigt ausgewählte Arbeiten in der Galerie von Dieter Kunst an der Bochumer Landstraße 216 in Essen-Steele.

Der Fotograf Manfred Vollmer aus Stadtwald zeigt ausgewählte Arbeiten in der Galerie von Dieter Kunst an der Bochumer Landstraße 216 in Essen-Steele.

Foto: Foto: Dieter Kunst

Essen-Stadtwald/Steele.  Über 45 Jahre lang hat Manfred Vollmer von Berufs wegen fotografiert. Einige Arbeiten zeigt die Galerie „Die.Kunst“ ab dem 13. Juni in Steele.

Als Helmut Schmidt im Jahr 1978 Essen besucht, herrscht Aufregung. Man schreibt den 1. Mai und die zentrale Mai-Kundgebung auf dem Burgplatz steht noch ganz unter dem Eindruck der jüngsten terroristischen Anschläge der RAF. Der „Deutsche Herbst“ hat seine Spuren hinterlassen und so genießt die Sicherheit des damaligen Bundeskanzlers höchste Priorität. Polizisten mit angespanntem Blick und gezückter Maschinenpistole eskortieren den Staatsmann bei seiner Abfahrt. Der Fotograf Manfred Vollmer hat diesen Moment im Bild festgehalten. Eine Auswahl seiner Arbeiten aus mehr als 45 Jahren zeigt der Wahl-Essener nun in der Galerie „Die.Kunst“ in Steele.

„Ich hatte damals nur wenige Sekunden Zeit, die Situation zu erfassen, den kurz danach war Schmidt bereits in seiner streng bewachten Limousine verschwunden“, erinnert sich Vollmer. Dennoch gelang ihm – in Zeiten analoger Fotografie – ein Foto, das auch Jahrzehnte später nichts von seiner inneren Spannung und Aussagekraft verloren hat. „Ich war und bin stets um eine pointierte Darstellung der Situation bemüht“, erklärt der 75-Jährige. „Um eine Aufnahme mit symbolischen und über die Szene hinausweisenden Charakter.“ Dies ist ihm damals zweifelsohne gelungen, „sonst hätte die Helmut-Schmidt-Stiftung Jahre später sicher nicht so großen Wert darauf gelegt, dass meine Aufnahme im Fotoband ,100 Bilder seines Lebens’ erscheinen sollte. Für mich war das auch eine Art von Ritterschlag.“

Für die Schülerzeitung fotografiert

Seine Leidenschaft für die Fotografie entdeckte Manfred Vollmer schon früh. In Torgau an der Elbe geboren, verbrachte er seine Jugend im badischen Emmendingen. Schon im Gymnasium arbeitete er für die Schülerzeitung. „Ich gründete eine Foto-AG und das Geld, das ich mit Nebenjobs verdiente, investierte ich in eine eigene Dunkelkammer.“ Im Jahr 1965, da war Vollmer 21 Jahre jung, beginnt er sein Studium der Fotografie an der Folkwang Hochschule in Essen, legt bei Prof. Otto Steinert, einem der einflussreichsten Fotografen der Nachkriegszeit, sein Examen ab. Für sein Abschlussprojekt „Kirchenfeste in Süd- und Mittelitalien“ erhält er 1970 den Folkwang-Preis. Fortan arbeitet er freiberuflich als Fotojournalist.

Manfred Vollmer tourt durch die Welt. Im Jahr 1978 erstellt er eine sehr beachtete Fotoserie über die Havarie des Tankschiffes „Amoco Cadiz" und die damit verbundene verheerende Ölpest an der Bretagneküste. Beim World- Press-Fotowettbewerb erhält er dafür in der Kategorie „News Picture Stories“ den ersten Preis.

Viele Prominente vor der Linse gehabt

Die Kunstlegende Josef Beuys, die Politiker Ludwig Erhardt und Helmut Kohl, der Unternehmer Berthold Beitz und sogar der Papst: Viele wichtige und prominente Menschen hatte Vollmer seitdem vor seiner Linse. Aber auch den rebellierenden Punker, Krupp-Lehrlinge auf der harten Schulbank, türkische Gastarbeiter und wütende, streikende Industriearbeiter ebenso. In den 80er Jahren begleitet Vollmer im Auftrag der IG Metall zahlreiche Arbeitskämpfe; davon zeugen seine berühmt gewordenen Aufnahmen von den Demonstrationen gegen die Schließung des Krupp-Hüttenwerks Rheinhausen. „Fotos mit einer langen Halbwertszeit schaffen“, das war immer schon sein Ziel und Anspruch, sagt er heute.

Das Ruhrgebiet blieb Schwerpunkt seiner Arbeit. Nicht umsonst trägt die Ausstellung den Titel „Mein Revier ist das Revier“. „Manfred war mit seiner Kamera immer genau da, wo es rumort und sozial brennt“, beschreibt es Galerist Dieter Kunst, den eine lange Freundschaft und gemeinsame Arbeit bei einer Presseagentur mit Vollmer verbindet. Im „Ruhrpott“ hielt Vollmer den Alltag der Menschen in Arbeit und Freizeit im Bild fest und „dokumentierte den Strukturwandel bereits, als es diesen Begriff eigentlich noch gar nicht gab“, lobt Dieter Kunst seinen Kollegen.

itale Technik ist Segen und Fluch zugleich

Lange arbeitete Manfred Vollmer analog. Anfang des Millenniums folgte sein persönlicher „Kulturschock“ mit dem Wechsel in die digitale Fotografie. „Im Juni 2002 investierte ich 25 000 Euro in meine neue Ausrüstung. Da war ich schon Mitte 50“, erinnert er sich. Die neue Technik war für ihn Segen und Fluch zugleich: „Die analoge Fotografie besitzt einen komplett anderen Rhythmus. Das war ein Arbeiten unter schweren Bedingungen, weil die heutige Technik doch vieles nivelliert.“ Der Weißabgleich sei heute kein Problem mehr, die Ressourcen seien nahezu unerschöpflich und „du kannst sofort sehen, was du gerade fotografiert hast“. Allerdings: „Das richtige Gespür für die Situation, für das richtige Szenario, das kann man nur bedingt lernen“, sagt er. „Darin steckt zum Großteil die Begabung des Fotografen.“

Doch der technische Fortschritt birgt auch Schattenseiten: „Aus der Bilderflut wurde im Laufe der Zeit eine regelrechte Bilderwut“, sagt Vollmer. Ob mit Kamera, Smartphone oder Tablet, heute wird alles auf Bild oder im Video festgehalten. Manchmal beschädigt dies den Moment, die vielleicht einzigartige Situation. „Da wird der Fotograf mitunter zum Störenfried.“

Auch wenn Manfred Vollmer sein umfangreiches Archiv mittlerweile dem Ruhrmuseum übergab, so zeigt er seine Arbeiten weiterhin. In Steele sind es mehr als 30 Aufnahmen – allesamt schwarz-weiß und analog – versehen mit seiner ganz persönlichen Handschrift.

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