Tag der Architektur

Der lange Weg von der Wurstfabrik zu den Loftbüros

Architekt Thomas Hannemann erläutert die Veränderungen am Gebäude, das die Besucher beim Tag der Architektur besichtigen können.

Architekt Thomas Hannemann erläutert die Veränderungen am Gebäude, das die Besucher beim Tag der Architektur besichtigen können.

Foto: Kerstin Kokoska

Essen-Rüttenscheid.   Der Mathildenhof beherbergt heute kreative Mieter. Beim Tag der Architektur am 24. Juni erfahren Besucher einiges über den Wandel des Gebäudes.

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Von der Wurstfabrik zu Loftbüros – welche Verwandlung der Mathildenhof in Rüttenscheid in den vergangenen Jahren durchgemacht hat, werden die Besucher beim Tag der Architektur am Samstag, 24. Juni, 10 bis 13 Uhr, erleben können. So hell und modern die Büros an der Mathildenstraße heute wirken, so düster haben die Räume früher ausgesehen. Kein Wunder, denn für die Wurstproduktion war Tageslicht wahrscheinlich nicht zwingend erforderlich, vermutet Architekt Thomas Hannemann. Er hat den Umbau nicht nur angestoßen und geplant, sondern dort auch seine Büroräume eingerichtet.

Der Architekt ist seit vielen Jahren mit Arno Sousa, dem Besitzer des Hauses und Bauherrn, befreundet, hat mit ihm Fußball gespielt und mehrere Projekte realisiert. „Ich habe lange nach einem passenden Objekt gesucht und Arno Sousa 2012 quasi überredet, das hier in Angriff zu nehmen“, sagt Hannemann. „Das war ganz schön mutig“, weiß er heute. Erst habe man den Gebäudeteil aus dem Gesamtkomplex lösen müssen, der einer Eigentümer-Gemeinschaft gehöre. Dann sei es schwierig gewesen, die planungs- und baurechtlichen Voraussetzungen zu schaffen.

Wannen für Schweinehälften und Fleischhaken

In der 16-monatigen Umbauphase stießen Bauherr und Architekt auf Räucherkammer, Wannen für Schweinehälften, Fleischhaken und eine undefinierbare Rutsche. „Die haben wir Blutrutsche getauft, weil sie aussah, als habe man dort Fleischteile heruntergelassen“, erinnert sich Hannemann.

Die genaue Geschichte der Wurstfabrik liegt auch für ihn im Dunkeln. „Die ältesten Pläne, die wir gefunden haben, stammen aus den 1950er Jahren vom Wiederaufbau nach dem Krieg“, sagt der Architekt. Vermutlich habe es die Wurstfabrik Lind, in der bis zu 80 Leute gearbeitet haben sollen, von den 1920er Jahren bis 1994 gegeben. Sie habe wohl große Mengen an Wurst hergestellt.

Einmal habe ein ehemaliger Metzger aus der Wurstfabrik im Mathildenhof vorbeigeschaut. „Ich war selbst nicht da und der Mitarbeiter hat keine Kontaktdaten aufgenommen. Der Mann ist leider nie wieder da gewesen“, sagt Hannemann. Rund 20 Jahre hätten die Gebäude leergestanden, verschiedene Nutzungsansätze seien gescheitert.

Immer wieder neue Überraschungen beim Umbau

Für Thomas Hannemann war der Umbau der Wurstfabrik mit ihren Produktions- und Waschräumen eine echte Herausforderung. Vieles konnte nur Stein für Stein abgetragen werden. Das Gebäude liegt mitten im Wohngebiet und die Nachbarn hätten unter dem Umbau schon genug zu leiden gehabt.

Bei den Arbeiten, die im Frühjahr 2016 abgeschlossen wurden, seien immer wieder Räume aufgetaucht, von denen niemand etwas gewusst habe – einige davon ohne Tageslicht und Zugang nach außen. Schwierig zu überbrücken seien die teils starken Höhenunterschiede innerhalb des Gebäudes gewesen. Viele Wände habe man abstützen müssen. „Zentrale Themen beim Umbau waren Licht, Luft und Kommunikation. Die acht Mietparteien hier sollen ganz bewusst eine kreative Gemeinschaft bilden, Synergieeffekte sind durchaus gewünscht“, erläutert Thomas Hannemann.

Der Abriss des Gebäudes war keine Option

Auch wenn das Gebäude des Mathildenhofs auf alten Fotos so aussah, als wäre nur der Abriss sinnvoll, wäre das keine Option gewesen, erklärt Architekt Thomas Hannemann. „Das Gebäude hat sozusagen Bestandsschutz, aber man hätte hier nicht neu bauen dürfen.“ Jedes Büro habe Verbindung mit der großen Eingangshalle, die auch gelegentlich für Konzerte oder Ausstellungen genutzt werde. Die große Küche und der Konferenzraum sind allen zugänglich. Alte Lüftungsluken in der Decke seien zu Oberlichtern ausgebaut worden. Wegen der schwierigen statischen Bedingungen des Gebäudes habe man sich an der früheren Lage und Größe orientiert. Der Parkettboden sei als verbindendes Element überall vorhanden. Jede Bürogemeinschaft hat eine eigene kleine Terrasse mit Pflanzen und Raucherecke.

Rund 1,6 Millionen Euro habe der Bauherr inklusive Erwerb und Umbau in das Objekt mit 815 Quadratmetern Bürofläche und einer Tiefgarage für 15 Pkw investiert. „Das ist ganz bewusst keine Luxussanierung, die ursprüngliche Nutzung des Gebäudes sollte sichtbar bleiben“, sagt der Architekt. So sind in der Zufahrt zum Hinterhof noch die alten Fliesen aus den Zeiten der Wurstfabrik zu erkennen und bei einigen Wandteilen wurden bewusst die alten Backsteine erhalten.

In Essen sind insgesamt 17 Gebäude zu besichtigen

Der Tag der Architektur wird von der Architektenkammer NRW ausgerichtet. In Essen sind 17 Objekte am Samstag und/oder Sonntag, 24. und 25. Juni, zu besichtigen, darunter Wohn- und Bürogebäude, aber auch Kirchen und Parkhäuser. Der Mathildenhof, Mathildenstraße 15a, ist am 24. Juni von 10 bis 13 Uhr zu sehen.

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