Stillen in der Öffentlichkeit

Streit ums Stillen in Essen: „Bin keine mitgebrachte Speise“

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Stiller Protest in Essen: Ayana Kipermann steht mit ihrem fast zwei Jahre alten Sohn Gabriel vor dem Eingang des Nord-Ost-Bades. Nach dem Streit ums Stillen hat sie vorwurfsvoll die Worte „Mitgebrachte Speise“ auf ihr Dekolleté geschrieben.

Stiller Protest in Essen: Ayana Kipermann steht mit ihrem fast zwei Jahre alten Sohn Gabriel vor dem Eingang des Nord-Ost-Bades. Nach dem Streit ums Stillen hat sie vorwurfsvoll die Worte „Mitgebrachte Speise“ auf ihr Dekolleté geschrieben.

Foto: Kerstin Kokoska / FUNKE Foto Services

Essen.  Eine Essener Mutter stillt im Hallenbad ihren Sohn. Ein Badgast stört sich daran. Es kommt zum Streit – die Mutter fühlt sich diskriminiert.

Es ist das Natürlichste der Welt, wenn eine Mutter ihr Kind stillt. Tut sie es hingegen in aller Öffentlichkeit – beispielsweise in einem Café oder im Zug –, gibt’s schon mal schiefe Blicke und Kopfschütteln. Ayana Kipermann aus Essen-Bergerhausen, Mutter eines fast zwei Jahre alten Sohnes, fühlt sich nach dem Besuch des Essener Nord-Ost-Bades ebenfalls diskriminiert: als Frau und als Mutter. Ein Schwimmmeister habe sie aufgefordert, das Stillen zu unterlassen. Aber der verantwortliche Essener Sportbund (Espo) weist ihre Vorwürfe weitgehend zurück. Der Deutsche Hebammenverband hingegen findet das Vorgehen des Essener Badpersonals überzogen.

„Als Gabriel quengelte, gab ich ihm, halb im Wasser sitzend, die Brust“

Es ist Freitag, der 6. Mai, und Warmwassertag. Die 39 Jahre alte Mutter nimmt am Vormittag zusammen mit Gabriel, ihrem Jüngsten, am Kurs Wassergewöhnung für Babys und Kleinkinder teil. Meistens sind Mütter hier mit ihren Kindern unter sich und Väter eher die Ausnahme. An diesem Freitag bleibt sie etwas länger, die anderen Mütter sind schon weg. „Als Gabriel quengelte, gab ich ihm an der Treppe zum Becken, halb im Wasser sitzend, die Brust.“

Ayana Kipermann berichtet, dass sie sich – wie schon an den Freitagen zuvor – beim Stillen diskret von anderen Badegästen abwende. Außerdem verdecke Gabriels Kopf weitgehend ihre Brust. Diese demonstrativ zur Schau zu stellen, komme ihr überhaupt nicht in den Sinn. Erst recht gehe es nicht um Erotik, sondern darum den hungrigen Jungen zu sättigen. Einwände der Kursleiterin gegen das Stillen habe es bislang ebenfalls nicht gegeben.

Doch dieses Mal scheint offenbar ein älterer Mann, der mit seinem Enkel im Kleinkinderbecken ist, Anstoß am Anblick der stillenden Mutter zu nehmen. „Er meldete es dem Schwimmmeister, worauf dieser mich in barschem Ton aufforderte, das Stillen zu beenden.“ Mit dem Hinweis, es seien auch Männer im Bad, die sie sehen könnten, habe er ihr empfohlen, sich in den hinteren Bereich zurückzuziehen, etwa in die Umkleide. Außerdem sei es grundsätzlich untersagt, im Wasser zu stillen. Ayana Kipermann ist empört und fragt vorwurfsvoll, warum er über ihren Körper und ihre Körperteile bestimme.

Espo stellt klar: „Wir haben keine Einwände gegen stillende Mütter im Hallenbad“

Weil das Nord-Ost-Bad unter der Regie des Essener Sportbund (Espo) betrieben wird, nimmt Geschäftsführer Thorsten Flügel zu dem Vorfall Stellung. Er betont: „Wir haben überhaupt nichts dagegen, dass Mütter im Hallenbad ihre Kinder stillen.“ Dafür eigneten sich ruhige Ecken in der Schwimmhalle. Mütter würden ihre Kinder auf einer Bank in der Halle stillen oder zurückgezogen im Umkleideraum. „Es hat bei uns noch nie Ärger wegen stillender Mütter gegeben“, fügt Flügel hinzu. Das Stillen im Wasser sei hingegen nicht erlaubt.

Im Streit mit Ayana Kipermann ums Stillen hat das Personal des Nord-Ost-Bades auch auf eine Vorschrift verwiesen, die in den meisten Hausordnungen deutscher Bäder gilt. Sie besagt, dass der Verzehr mitgebrachter Speisen und Getränke im Wasser und am Beckenrand zu unterlassen sei. Doch Ayana Kipermann hält wieder dagegen: „Ich bin keine mitgebrachte Speise, sondern eine Mutter.“

Den Einwand des Badpersonals, es sei unhygienisch, wenn Muttermilch ins Wasser gelange, lässt sie ebenfalls nicht gelten. „Ein bisschen Milch kann ich im Wasser selbst dann verlieren, wenn ich nicht stille.“ Außerdem: Durch die Schwimmwindel eines Säuglings könne sogar Urin ins Wasser kommen.

Bundes-Stillbeaufragte: „Niemand stört sich an nackten Brüsten in der Werbung“

Hebammen empfehlen Müttern sechs Monate voll zu stillen. Doch diese erleben es als Dilemma, wenn sie in der Öffentlichkeit böse Blick ernten und keinen Raum zum Stillen finden. Aleyd von Gartzen, Bundes-Stillbeauftragte beim Deutschen Hebammenverband, empfindet es als diskriminierend, wenn Müttern verwehrt werde in der Öffentlichkeit zu stillen. Sie weist außerdem auf die weit verbreitete Doppelmoral hin. „Anscheinend war der männliche Gast Auslöser des Vorfalls, weil er sich durch den Anblick der stillenden Mutter gestört fühlte und sich beschwerte. Aber niemand stört sich hierzulande daran, wenn in der Werbung oder auf den Titelseiten von Illustrierten nackte Brüste von Frauen gezeigt werden.“

Auch das vom Nord-Ost-Bad vorgebrachte Hygiene-Argument will die Stillbeauftragte nicht gelten lassen. Die Mutter habe auf der Treppe gesessen, ihre Brust sei also nicht im Wasser gewesen. Dass beim Stillen „ein oder zwei Tropfen Muttermilch“ ins Wasser gelangen können, sei aus ihrer Sicht völlig unproblematisch.

Essener Mutter schreibt aus Protest auf ihr Dekolleté: „Mitgebrachte Speise“

Wie Espo-Geschäftsführer Thorsten Flügel weiter mitteilt, habe man aufs Bad-Personal eingewirkt, in vergleichbaren Konfliktsituationen künftig de-eskalierend zu sein und einvernehmliche Lösungen zu finden. An Ayana Kipermann gerichtet sagt er: „Wir würden uns freuen, wenn die Mutter mit ihrem Kind weiter unser Bad besucht.“ Dem Espo, so betont er, gehe es um ein harmonisches und störungsfreies Miteinander.

Ayana Kipermann ist fest entschlossen, den einmal begonnenen Wassergewöhnungskurs mit Gabriel fortzusetzen. Um allerdings ein Zeichen des Protestes zu setzen, hat die Essenerin am Freitagmorgen (13. Mai) zu einem wasserfesten Stift gegriffen. Als sie dieses Mal mit Gabriel ins Wasser des Nord-Ost-Bades steigt, sind auf ihrem Dekolleté deutlich die vorwurfsvollen Worte zu lesen: „Mitgebrachte Speise“.

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