Konzertkritik

Standing Ovations für Rotterdamer Philharmoniker in Essen

Yannick Nézet-Séguin gastierte mit dem Rotterdam Philharmonic Orchestra in der Essener Philharmonie.

Yannick Nézet-Séguin gastierte mit dem Rotterdam Philharmonic Orchestra in der Essener Philharmonie.

Foto: Kerstin Kokoska / FUNKE Foto Services

Essen.  Yannick Nézet-Séguin gastierte mit dem Rotterdam Philharmonic Orchestra in der Essener Philharmonie – Gustav Mahlers Fünfte ist abendfüllend.

Wenn er am Schluss durchs Orchester eilt, um sich bei jedem einzelnen Musiker zu bedanken, und dem Solotrompeter gar seinen Blumenstrauß überlässt, wirkt das nicht wie eine inszenierte Show. Nein, Yannick Nézet-Séguin und das Rotterdam Philharmonic Orchestra, dem er zehn Jahre als Chefdirigent vorstand, sind zu einer glücklichen künstlerischen Einheit zusammengewachsen.

So spürte man es, so hörte man es jetzt bei ihrem Gastspiel in der Philharmonie. Gerade erst mit der „Frau ohne Schatten“ konzertant in Dortmund, gaben sie in Essen „nur“ eine Sinfonie. Aber Mahlers Fünfte ist schon ein gewaltiger Koloss, nicht nur wegen ihrer abendfüllenden Länge (zwei der fünf Sätze messen allein je 800 Takte).

Der Komponist selbst bezeichnete sie als „sehr, sehr schwer“: ein Neuanfang nach den textgebundenen Wunderhorn-Sinfonien. Und dabei eigentlich trotz des eröffnenden Trauermarsches in bester seelischer Verfassung geschrieben, hatte er sich doch frisch in Alma Schindler verliebt, wovon besonders das bekannte Adagietto in betörender Streicherschönheit und Weltentrückung kündete.

Ensemble mit einem herausragenden Blechbläserapparat

Nézet-Séguin setzte sich bei seiner intensiven Ausgestaltung nicht unter Zeitdruck, formte jede Phrase mit vollem Leben und gewann den Rotterdamern, virtuos bis in die Fugen-Passagen, ein warm-gerundetes Klangbild ab, das einerseits druckvolle Urkraft mobilisierte und andererseits das Pianissimo bis an die Hörgrenze trieb.

Über welch herausragenden Blechbläserapparat verfügt dieses Orchester, samtweich in den Chorälen, punktgenau in den Trompeten! Dazu die Mahler-typisch hochgereckten Holzbläser, die dem Scherzo ein delikates Sahnehäubchen aufsetzte.

Nézet-Séguin wusste dank der inneren Dynamik seiner Interpretation den Zuhörer in Strudel und Abgründe einzubinden und das Nebeneinander von Erhabenem und Banalen, von Ländler und Militärmusik plastisch herauszuarbeiten. Standing Ovations nach dem Freudentaumel des Rondo-Finale. Eine beispielhafte Wiedergabe!

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