Historie

Stadtteilrundgang zeigt Bergbauromantik in Essen-Katernberg

Der Stadtteilspaziergang führt unter anderem zur ehemaligen Verwaltung der Zeche Zollverein. Das schmucke Verwaltungsgebäude an Schacht I/II zeugt von gut 100 Jahren Essener Bergbaugeschichte.

Der Stadtteilspaziergang führt unter anderem zur ehemaligen Verwaltung der Zeche Zollverein. Das schmucke Verwaltungsgebäude an Schacht I/II zeugt von gut 100 Jahren Essener Bergbaugeschichte.

Foto: Socrates Tassos

Essen-Katernberg.  Der Stadtteil Katernberg im Essener Norden hat viele beschauliche Seiten. Diese zeigt Werner Krisp bei einem Rundgang durchs „Bergmannsglück“.

„Kreuzbrave Leut’“, wie die aus dem Steigerlied, siedelten sich einst um die 1986 stillgelegte Weltkulturerbe-Zeche Zollverein an. Noch heute erinnern daran einige Straßen im Katernberger Westen. Das macht der Stadtteilspaziergang deutlich, zu dem der Geschichtskreis Stoppenberg über die Volkshochschule eingeladen hatte.

Als Katernberger Urgestein ist Werner Krisp der richtige Mann für die lockere Runde. Er kennt jede Ecke und zeigt Interessierten gern die eher unbekannten Seiten des Quartiers. Am S-Bahnhof Zollverein-Nord am Meybuschhof beginnt die etwa zweieinhalbstündige Runde, die Krisp (82) vorbereitet hat.

Ein Gotteshaus in Zeltbauweise erregt Aufmerksamkeit

Der Hobby-Historiker startet mit der Köln-Mindener Eisenbahn, eingeweiht am 15. Mai 1847. Die erste

Fernbahn im Ruhrgebiet verlief zwischen Rhein und Ruhr. Von Deutz ging es über Mülheim, Düsseldorf, Duisburg, Oberhausen, Altenessen, Gelsenkirchen, Wanne, Herne, Rauxel, Dortmund, Hamm, Oelde, Rheda, Bielefeld und Herford bis nach Minden. Die Strecke brachte vor allem dem Güterverkehr großen Aufschwung. „Kohlen und Koks machten schon 1850 die Hälfte der auf der per Eisenbahn beförderten Güter aus“, weiß Krisp.

Vorbei an den leuchtend gelben Kanarienvogel-Skulpturen auf der Bullmannaue geht es zur Heilig-Geist-Kirche. Seit Februar 2019 steht sie unter Denkmalschutz und wird nicht mehr genutzt, wie viele Gotteshäuser im Bistum Essen.

Der Grundstein für das 400 Gläubigen Platz bietende Gotteshaus wurde im Februar 1956 gelegt. „Besonders ist die Zeltbauweise“, erklärt der Stadtteilhistoriker. Der Kölner Architekt Gottfried Böhm, der auch die Wallfahrtskirche Maria Königin des Friedens in Velbert-Neviges entwarf, schuf hier Einzigartiges. Die Katernberger Vorgänger-Kirche auf der anderen Straßenseite hatte starke Schäden durch den Krieg und Bergbau erlitten. Am Ende musste sie abgerissen werden. Böhm konzipierte einen Zeltbau mit beweglicher Decke. „Genial“, lobt Krisp.

Schlägel und Eisen, Lot und Zirkel im Dekor der Ziegelei verbaut

Weiter geht’s in Richtung Zollverein. Hier zeugt das schmucke Verwaltungsgebäude an Schacht I/II von gut 100 Jahren Essener Bergbau. „Das Zechen- und Kokereigelände war früher eine eigene Welt und Außenstehenden nicht zugänglich“, sagt Krisp. Wie ein Katalog wirkt gleich um die Ecke die Fassade der alten Dampfziegelei Büscher an der Haldenstraße. Sie ist aus Steinen in verschiedenen Farbtönen und Formen gestaltet. Auch Dekor ist verbaut, etwa alte Embleme: Schlägel und Eisen, Lot und Zirkel. Exklusiv für Zollvereins fertigte man hier bis 1909 halbrunde Ziegel für Schornsteine.

Die drei dunkelroten Gebäude – zwei Steigerhäuser und ein Verwaltungstrakt von 1895 – sind bis heute gut erhalten. „Die Bergleute wollten eine gute Bildung für ihre Kinder. Ein Real-Gymnasium für Jungen gab es schon, aber keine Einrichtung für Töchter.“ Das aber habe sich ab 1909 geändert: In die Ziegelei zog die private höhere Mädchenschule Katernbergs ein. Bis 1923 wurde dort unterrichtet, seitdem dient sie als Wohnhaus.

Siedlung wurde ab 1912 für die Bergleute errichtet

In Sichtweite liegt die Folkwang Design-Universität. Fotografie, Industrie- und Kommunikationsdesign kann auf dem Campus auf Zollverein-Nord seit 2017 studiert werden. Ein schmaler Weg führt die Gruppe durch einen Fußgängertunnel zur nächsten Station an der Theobaldstraße. Seinen Vornamen lieh Theobald Haniel (1824–1889) auch der dortigen Siedlung.

Sie wurde ab 1912 für die Bergleute errichtet. Die schlichten Häuser boten innen 62,5 Quadratmeter Familienglück. Außen gab es 600 qm Nutzgarten inklusive Stall für Hühner, Ziegen, Schweine oder Kaninchen. Das Quartier lag nah zur Arbeit und war modern gestaltet. Heller Putz statt Backstein wie bei älteren Zechenhäusern, breite Straßenfluchten, abwechslungsreiche Dächer und Giebelformen und nicht zuletzt der Gartenstadt-Charme gefielen. Bis heute.

Industriebarone schufen Schulen und Werksfürsorgestellen

Die Haniels und andere Industriebarone unterstützten nicht nur den Wohnungsbau. Sie gaben auch Geld zur Errichtung von Kirchen und Schulen und schufen Werksfürsorgestellen.

Katernberger Bergbauromantik auf der Route der Industriekultur gibt es am Heinrich-Lersch-Platz zu entdecken. Kesselschmied Lersch war ein Arbeiterdichter. „Nach dem Ersten Weltkrieg herrschte eine enorme Wohnungsnot. Zollverein verfügte über 4000 Wohnungen in 700 Häusern, aber das reichte nicht.“ Eine 1920 gegründete Treuhandstelle überließ weiteres Bauland. Hier planten Peter Horrix und Fritz Schupp.

Stufengiebel und Torbogen wie an der Essener Margarethenhöhe

Stufengiebel und ein Torbogen wie an der Essener Margarethenhöhe lassen die Rundgangsteilnehmer staunen. Nach der Schicht bauten viele Kumpel auch am Kempersweg und am Windweier in Eigenregie ihre Häuser, um Geld zu sparen. Sehenswert ist der historische Glas-Hühnerstall in der Straße Bergmannsglück. „Der gehört eigentlich unter Denkmalschutz“, findet Jürgen Nolte. Der 72-Jährige leitet den Geschichtskreis der ehemaligen Bürgermeisterei Stoppenberg. Wer noch mehr wissen möchte über Lokalhistorie im Norden der Stadt, ist dort goldrichtig.

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