Essener Stadtteile (40)

Überruhr, das einstige Doppel-Dorf der Bauern und Bergleute

Blick auf Hinsel. Überruhr hat eine durchaus spektakuläre Lage über der Ruhr. Das breite Flusstal dient hier überwiegend der Wassergewinnung.

Foto: Michael Gohl/FUNKE Foto Services

Blick auf Hinsel. Überruhr hat eine durchaus spektakuläre Lage über der Ruhr. Das breite Flusstal dient hier überwiegend der Wassergewinnung. Foto: Michael Gohl/FUNKE Foto Services

Essen.  In Überruhr geht das Leben meist einen ruhigen Gang. Die spektakuläre Lage gefiel schon den Germanen. Folge 40 der Stadtteil-Serie "60 Minuten in...".

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Es gibt Stadtteilzentren, mit denen man zwar keinen städtebaulichen Schönheitspreis gewinnt, aber die offenbar doch ganz gut funktionieren. Überruhr ist so eines, findet Norbert Mering. An dem Freitagmorgen, als wir den CDU-Ratsherrn dort treffen, sind auffallend viele Bürger unterwegs, um in der schlichten eingeschossigen Backstein-Ladenzeile ihre Besorgungen zu erledigen. Mering ist der Typ des allzeit präsenten Stadtteilpolitikers, den Tausende Bürger zu kennen scheinen und den es leider nicht mehr allzu oft gibt. Hier ein Hallo, dort ein kleines Schwätzchen – der Überruhrer Ortskern wirkt wie ein Dorf, in dem jeder jeden kennt. Dieser Eindruck, sagt Mering, trifft wirklich zu, wobei das Miteinander bei den Jüngeren und den Zugewanderten deutlich weniger ausgeprägt ist. Das allerdings ist keine Überruhrer Spezialität.


Eine Laune der Geschichte hat aus Überruhr (zur Bildergalerie) amtlicherseits zwei Stadtteile gemacht: Hinsel und Holthausen, beide getrennt durch ein Tal, in dem die Maria-Juchacz-Straße verläuft. Beide Ortsteile sind historisch uralte Dörfer mit jeweils einem großen Hof als Mittelpunkt. Selbst der vor- und frühindustrielle Bergbau, der zunächst unten im Ruhrtal und im Wichteltal blieb, änderte daran kaum etwas. „Da, wo heute das Einkaufszentrum ist, stand bis 1960 der Hof Schulte-Hinsel“, erklärt Mering. Ein Schulte war so etwas wie der Vorsteher einer Bauernschaft, der die Abgaben für den Grundherrn einzutreiben hatte – in diesem Fall das Stift Rellinghausen, zu dem Hinsel und Holthausen über Jahrhunderte gehörten.

Großer Veränderungsschub in den 1960er Jahren

Diese Historie erklärt, warum in Überruhr heute alles ein wenig wie aus der Retorte wirkt. Es gab nie ein gewachsenes Stadtteilzentrum. Als der Bergbau sich ab etwa 1860 auf der Überruhrer Halbinsel stärker ausbreitete, gesellten sich zu den alten Höfen kleinere Bergarbeitersiedlungen und verstreute Kötterhäuser von Bergleuten, die eine zusätzliche Klein-Landwirtschaft zum Überleben brauchten.



Und auch das ist charakteristisch für viele Vororte im Ruhrgebiet: Erst in den 1960er Jahren kam der große Veränderungsschub, als auch Überruhr dazu auserkoren war, künftiger Wohnort für die wachsende Stadtbevölkerung zu sein. In Holthausen noch mehr als in Hinsel entstanden auf freiem Feld jene zeittypischen Großsiedlungen, die ohne echte städtebauliche Anbindung blieben und deshalb rasch zu mehr oder weniger reinen Schlafstätten mutierten. Mering deutet soziale Probleme an, wobei ein auffallendes Nebeneinander zu beobachten ist: Es gibt in Überruhr sozialen Wohnungsbau, der in die Jahre gekommen ist. und gleich daneben gepflegte Einfamilienhaus-Straßen. Das alles ist umgeben von Resten der alten Agrar-Landschaft und vor allem dem breiten Ruhrtal, das wie ein Bogen Überruhr umschließt. Potenziell ist die Lage auf zwei Höhen über dem Fluss reizvoll, aber man würde heute doch manches anders planen.

Reste einer germanischen Siedlung

Die überlegene Stellung gefiel übrigens schon den Germanen. Bei der Erschließung des Wohngebiets Sonderfeld fanden sich Reste einer bedeutenden Siedlung aus der römischen Kaiserzeit. Überruhr ist generell sehr geschichtsbewusst. Die Überruhrer Bürgerschaft e.V. – Vorsitzender ist Norbert Mering – hat einen interessanten Geschichtspfad mit Dutzenden von Hinweistafeln konzipiert, der ständig wächst. In Essen gibt es das in dieser Qualität nicht oft. Geschichte kann ein Mittel sein, um nach innen Identität zu stiften und nach außen bekannter zu werden, und von beidem kann Überruhr ruhig noch mehr gebrauchen, findet Mering. „Den meisten Essenern fällt zu unserem Stadtteil kaum etwas ein.“ Stimmt wohl: Viele größere Essener Stadtteile haben ein bestimmtes Image. Überruhr taucht auf dem Radar nicht so recht auf, was vielleicht auch daran liegt, dass es allgemein bekannte Highlights nicht gibt. Selbst die Kirche St. Suitbert, unter den vielen modernen Kirchenbauten des Bistums eines der spektakulärsten, ist nur Architekturkennern ein Begriff.


In Überruhr wird einfach nur gelebt, ruhig und meist gar nicht schlecht. Und wenn nicht alles täuscht, finden die meisten Überruhrer das auch ganz gut so.

Wappen symbolisiert die geografische Lage

In historischen Urkunden des Stiftes Rellinghausen wurden die Bauernschaften Hinsel und Holthausen früher „Over Rore“ genannt, was so viel bedeutet wie „auf der anderen Seite der Ruhr“. Das Wappen zeigt symbolhaft in weiß den Ruhrbogen und in rot die Überruhrer Halbinsel. Auf ihr ist ein so genannter Kreuzschargen abgebildet, ein glücksbringendes, germanisches Zeichen, das auf die zahlreichen germanischen Bodenfunde hindeutet. Seit 1808 gehörte Überruhr zur Bürgermeisterei Steele, 1894 entstand die eigenständige Bürgermeisterei Überruhr. Die Eingemeindung folgte 1929.

Der dichtende Bergmann Ludwig Kessing

Ludwig Kessing war 14, als er nach dem Tod seines Vaters in den Schacht musste, obwohl ihm Neigung und Begabung zu anderem befähigte. Für ein Kind aus einfachem Haus spielte das damals keine Rolle. Geboren 1869 in einer kleinen Kate im Wichteltal, blieb Kessing 42 Jahre Bergmann, verfasste nach der Arbeit Gedichte, Liedtexte und Theaterstücke. Nach ihm benannte Überruhr den Stadtteilpark, der schöne Blicke ins Ruhrtal gewährt. Noch mehr Sicht hat man allerdings vom Wanderweg direkt an der Ruhrkante, wo sich auch die sehenswerte Friedenskapelle befindet.

Typisch Überruhr: Wichteltal und Friedenskapelle

Unter den vielen sehenswerten Ausflugsorten in Essen ist das Wichteltal noch so etwas wie ein Geheimtipp. Auf halber Strecke zwischen Steele und Horst zweigt es am Holteyer Hafen vom Rad- und Fußweg an der Ruhr ab und erschließt Kleinbauern-Idylle ebenso wie die frühe Kohleförderung. Oberhalb des Tals liegt an einem schönen Aussichtsplatz die Friedenskapelle der Heiligen Eucharistie, die 1961 entstand und jeweils am 1. Mai Ziel einer sternförmigen Prozession aus der Umgebung ist.