Umwelt

Stadt Essen verbannt Mikroplastik von Kunstrasenplätzen

Der Platz auf der Helmut-Rahn-Sportanlage an der Raumerstraße in Frohnhausen ist einer von stadtweit 44 Kunstrasenplätzen.

Der Platz auf der Helmut-Rahn-Sportanlage an der Raumerstraße in Frohnhausen ist einer von stadtweit 44 Kunstrasenplätzen.

Foto: Foto: VON BORN

Essen.  Die Stadt Essen greift einem Verbot von Gummigranulat durch die EU vor und verwendet beim Bau von Kunstrasenplätzen nur noch Kork.

Mikroplastik ist in aller Munde. Weil es über die Gewässer in den Nahrungskreislauf gelangt, will die Europäische Union (EU) nun Plastikgranulat auf Kunstrasenplätzen verbieten. Die Sport- und Bäderbetriebe Essen haben bereits reagiert – und haben auch schon einmal nachgerechnet für den Fall, dass das Verbot auch für ältere Kunstrasenplätze gelten sollte. Dann wird es teuer für die Stadt.

Noch weiß niemand ganz genau, was auf die Städte und Gemeinden zukommt, sollte die EU die Mitgliedsstaaten auffordern, Plastikgranulat beim Bau von Kunstrasenplätzen nicht mehr zuzulassen. 2022 soll es soweit sein. „Wir warten erst einmal ab, was die EU zu Bestandsanlagen sagt“, erklärt dazu Simone Raskob, Essens Dezernentin für Bauen, Sport und Umwelt.

Immerhin 44 Kunstrasenplätze hat die Stadt Essen in den vergangenen Jahren gebaut, den ersten davon im Jahr 2001 auf der Bezirkssportanlage Ardelhütte in Schönebeck. Vor zwei Jahren wurde das Spielfeld erneuert – abermals mit Plastikgranulat. Noch in diesem Jahr sollen zwei weitere Plätze hinzukommen. Auch das soll es nicht gewesen sein, denn die Erfahrung zeigt, dass Fußballvereine nur dann genügend Nachwuchs finden, wenn Kinder und Jugendliche auf Kunstrasen spielen. Aschenplätze, auf denen sich die Kicker die Knie aufschlagen, sind Auslaufmodelle. In der Politik halten sie deshalb große Stücke auf die sogenannte 2:1-Lösung: Teilen sich zwei Vereine eine Sportanlage, wird dort der Aschen- zum Kunstrasenplatz umgebaut.

Für die neuen Plätze auf der Sportanlage Am Wasserturm war das Gummigranulat schon bestellt

In Erwartung, dass die EU ernst macht mit einem Verbot, wird die Stadt beim Bau neuer Kunstrasenplätze vorsorglich auf den Einbau von Gummigranulaten verzichten. Stattdessen soll eine für die Umwelt unbedenkliche Mischung aus Sand und Kork aufgebracht werden. Auf der

ist dies bereits geschehen. Erst vor wenigen Wochen wurden dort ein Fußballplatz und kleineres Spielfeld, jeweils mit Kunstrasen versehen, eingeweiht. Die Sport- und Bäderbetriebe konnten die Bestellung gerade noch rechtzeitig ändern, heißt es.

Sollte die EU für bereits gebaute Kunstrasenplätze keinen Bestandsschutz zulassen, wovon die Stadtverwaltung derzeit allerdings nicht ausgeht, kämen auf die Stadt erhebliche Kosten zu. Das Plastikgranulat müsste in diesem Fall von den Plätzen abgebürstet, entsorgt und durch Kork ersetzt werden. Pro Kunstrasenplatz kalkulieren die Sport- und Bäderbetriebe mit 50.000 bis 60.000 Euro. Die Sanierung sämtlicher Plätze schlüge mit rund drei Millionen Euro zu Buche. Als städtische Beigeordnete für Sport- und Umwelt schlagen da zwei Herzen in der Brust von Simone Raskob: Der Etat der Sport- und Bäderbetriebe gäbe eine solche Investition nicht her. Als Umweltdezernentin tritt Raskob dafür ein, dass gesundheitsschädliche Stoffe nicht in die Gewässer gelangen.

Kunstrasenplätze gelten als eine Hauptquelle für Mikroplastik in der Umwelt

Nach einer Studie des Fraunhofer Instituts sind Kunstrasenplätze eine der Hauptquellen für Mikroplastik in der Umwelt. Das Granulat wird – mit Sand vermischt – zum Schutz der künstlichen Grashalme aufgebracht. Wind weht das Plastik von den Plätzen, Regen wäscht es in die Kanalisation. Raskob betont, dass in Essen immerhin kein Gummigranulat verwendet worden sei, dass aus geschredderten Autoreifen hergestellt wurde wie beispielsweise in den Niederlanden. In Autoreifen sind sogenannte PAK – Polyzyklische Aromatische Kohlenwasserstoffe – enthalten. Sie gelten als krebserregend.

Gummigranulat hat nun ausgedient. Ab sofort setzt die Stadt auf Kork. Die Spieleigenschaften seien vergleichbar, sagt Lennart Kern, Sportplatzbauer von der Firma Heiler aus Bielefeld. Weil Kork über eine geringere Dichte verfügt als Gummigranulat, müsse weniger Material aufgebracht werden – ein bis eineinhalb Kilogramm pro Quadratmeter statt vier bis fünf Kilogramm.

Kork sei ebenfalls sehr widerstandsfähig, wenn auch nicht ganz so widerstandsfähig wie Gummi. Und: „Es besteht die Gefahr, dass Kork in der Anfangszeit aufschwemmen kann, wenn es ganz stark regnet“, berichtet Kern, dessen Firma seit acht Jahren Kunstrasenplätze mit Korkgranulat baut. „In dieser Zeit ist das ein oder zwei Mal passiert.“

Auch ließe sich das Kunststoffmaterial leicht gegen Kork austauschen. Wobei sich allerdings die Frage stelle: Ist das ökologisch sinnvoll? Muss das Gummigranulat doch entsorgt werden.

Die Kosten für einen Kunstrasenplatz mit Kork lägen geringfügig über denen für einen Platz mit Gummigranulat. „Das ist es wert“, findet Kern. Die Preise für Kork seien stabil. Allerdings steigt die Nachfrage und dürfte weiter anziehen, wenn die EU ein Verbot ausspricht. Seine Firma habe schon jetzt, Ende Juli, so viele Kunstrasenplätze mit Kork gebaut wie sonst in einem ganzen Jahr.

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