OB-Bewerbung

SPD-Kandidat Kern versichert: „Ich bin kein Rohrkrepierer“

Das sozialdemokratische Dreigestirn für die Kommunalwahl 2020 setzt erklärtermaßen auf Sieg statt auf Platz (von links): der frischgewählte Fraktionschef der SPD im Rat, Ingo Vogel, OB-Kandidat Oliver Kern und Parteichef Thomas Kutschaty.

Das sozialdemokratische Dreigestirn für die Kommunalwahl 2020 setzt erklärtermaßen auf Sieg statt auf Platz (von links): der frischgewählte Fraktionschef der SPD im Rat, Ingo Vogel, OB-Kandidat Oliver Kern und Parteichef Thomas Kutschaty.

Foto: Socrates Tassos

Essen.   Awo-Chef Oliver Kern, der SPD-Herausforderer von OB Kufen, präsentiert sich als Kämpfernatur: „Ich weiß, wie es ist, unterschätzt zu werden.“

Seine Pflege-Mama hat es ihm schon damals zugetraut, 2006, als er in der Volkshochschule seine erste größere Rede vor Publikum hielt: „Junge, Du wirst bestimmt mal Oberbürgermeister.“ Immerhin, die ersten Schritte dorthin hat Oliver Kern an diesem Wochenende gemacht: Am Samstag empfahl ihn der SPD-Vorstand einstimmig als OB-Kandidaten.

Und am Sonntag präsentierten die Genossen ihn – und er sich – vor 270 Gästen beim Neujahrsempfang auf Zollverein. Allen schmeichelnden Umfragen für CDU-Amtsinhaber Thomas Kufen zum Trotz mit einer selbstbewussten Ansage von Parteichef Thomas Kutschaty: „Wir setzen nicht auf Platz, wir setzen auf Sieg.“

SPD muss „daran glauben, dass wir mehr können“

Denn das scheint die vorderste Aufgabe des sozialdemokratischen Bewerbers um das höchste Amt der Stadt zu sein: auch in eigenen Reihen Zuversicht zu verbreiten, dass der 53-jährige Chef der örtlichen Arbeiterwohlfahrt nicht nur als Zählkandidat fungiert und als eine Art Platzhalter für bessere Zeiten. Und dass die im bundesweiten Sinkflug befindliche Sozialdemokratie im Revier noch eine Macht ist: „Die SPD ist nicht weg, sie ist mehr als präsent“, erinnert deshalb Kern: „Auch wir brauchen neues Zutrauen. Auch wir müssen wieder daran glauben, dass wir mehr können.“ Denn „nur, wer von sich selbst begeistert ist, kann andere begeistern“.

Dass die Chance gerade darin besteht, unterschätzt zu werden, als Partei wie als Person, diese Überzeugung Kerns zog sich am Sonntag wie ein roter Faden durch seine 48-minütige Rede im schicken Veranstaltungs-Ambiente des Oktogon auf Zollverein, einem ehemaligen Kühlturm: Er sei überzeugt, dass man sich nicht abfinden müsse mit der Gerechtigkeits-Lücke „zwischen einem zufriedenen Süden und einem problembehafteten Norden“, mit dem Mangel an bezahlbarem Wohnraum und der Ausgrenzung ganzer Bevölkerungsgruppen durch Vereinfacher, die nur nach Sündenböcken rufen.

Die Probleme nicht nur „wegmoderieren“

Als siebtes von zehn Kindern mit der Erfahrung einer schwierigen Kindheit empfahl Kern sich als einer, der früh gelernt habe, sich zu behaupten, ein „Wadenbeißer“, der anpackt, der sich nicht zufrieden gibt, wenn es an irgendeiner Stelle heißt: „Da kann man nix machen.“

„Das ist eine Haltung, die ich nicht teile“, so Kern, „weil ich glaube: Man kann alles ändern“. Wer ständig sage: Da geht nix, „der spitzt mich an. Ich möchte nicht, dass die Probleme permanent nur wegmoderiert werden.“

Sich selbst empfahl der Awo-Chef, der zuvor zehn Jahre lang den Verein für Kinder- und Jugendarbeit in sozialen Brennpunkten (VKJ) geleitet hatte, als Macher-Typ mit sozialer Ader, der im Zweifel „weniger Privat und mehr Staat“ will; als „mutigen Entscheider“, der deutlich machen könne, wofür die Sozialdemokratie in Essen steht.

Unterschätzt zu werden „motiviert mich immer mehr“

Das funktioniert offenbar nicht mit Bescheidenheit, weshalb Oliver Kern seine Bissigkeit betonte: Er wisse „sehr genau, wie es sich anfühlt, unterschätzt zu werden. Mich motiviert das immer mehr.“ Er sage jetzt schon all seinen Mitbewerbern: „Das wird kein leichtes Spiel. Ich bin nicht der Rohrkrepierer.“

Wie Oberbürgermeister Thomas Kufen, den er dabei am meisten vor Augen gehabt haben dürfte, auf derlei Ankündigungen reagiert, blieb an diesem Sonntag auf Zollverein offen: Bereits vor Bekanntwerden der Kandidaten-Präsentation hatte der OB seine Teilnahme am SPD-Treffen abgesagt. Wer Amtsinhaber und Herausforderer auf ein Foto bannen will, wird sich deshalb voraussichtlich noch gut vier Wochen gedulden müssen: bis zum traditionellen Fischessen der Awo am 6. März.

So blieb es Jörg Uhlenbruch, dem CDU-Fraktionschef im Rat, vorbehalten zu beteuern, dass die Christdemokraten nicht im Traum daran dächten, Kern oder irgendeinen anderen OB-Kandidaten zu unterschätzen. Ansonsten, auch wenn es noch über ein Jahr dauert, gehen Uhlenbruchs Gedanken schon jetzt ins Wahljahr 2020: „Ich stelle mich auf einen ungemütlichen Wahlkampf ein.“

>>> AUS KERNS REDE: 8000 WOHNUNGEN UND MEHR

Das Wohnangebot wird eine „zentrale Herausforderung“, so Kern: „Ich will in fünf Jahren 8000 Wohnungen schaffen, daran könnt Ihr mich messen.“

„Wir dürfen uns nicht spalten und gegenseitig aufhetzen lassen. Und nicht zulassen, dass die Grenzen des Sagbaren permanent verschoben werden. Gegen die Ängste und die Wut müssen wir Solidarität setzen.“

„Ich möchte nicht in einer Stadt leben, die sich mit einer tiefen sozialen Spaltung abgefunden hat.“

Wie viel wert sind uns Kinder und Jugendliche in der Stadt? Diese Frage sollte uns umtreiben.“

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