Serienvergewaltiger

So machen Essener Karate-Profis Frauen stark gegen Angreifer

Der Polizeisportverein hilft: Die erfahrene Karatetrainerin Anne Hellmann, eine promovierte Psychotherapeutin mit schwarzem Gürtel, wehrt sich in dieser Simulation mit einem festen Fußtritt gegen einen Angreifer.

Der Polizeisportverein hilft: Die erfahrene Karatetrainerin Anne Hellmann, eine promovierte Psychotherapeutin mit schwarzem Gürtel, wehrt sich in dieser Simulation mit einem festen Fußtritt gegen einen Angreifer.

Foto: STEFAN AREND / FUNKE Foto Services

Essen.   Der Polizeisportverein Essen bietet Frauen ein kostenloses Selbstverteidigungstraining an – eine Reaktion auf den Vergewaltiger vom Stadtwald.

Dreimal hat der brutale Serienvergewaltiger seit Dezember in Stadtwald zugeschlagen. Drei Verbrechen, die das Leben für Frauen im Essener Süden verändert haben. Sobald es dunkel wird, geht die Angst mit. Ein beklemmendes Gefühl für die meisten.

Der Polizei-Sportverein (PSV) reagiert mit einem ungewöhnlichen Kurs-Angebot auf diese Ausnahmesituation: Seine Karate-Abteilung bietet ab sofort bis zum Sommer ein kostenloses Selbstverteidigungstraining für Frauen und Mädchen an.

Die drei Tatorte liegen in unmittelbarer Nähe des Karate-Trainingsraums

Im Dojo der Karateabteilung – so nennen japanische Kampfkünstler ihren Trainingsraum – herrscht schon nachmittags ein reges Treiben. Es ist ein Zufall, dass sich die kleine PSV-Halle an der Eichenstraße mitten in dem schrecklichen Dreieck befindet, das die drei Tatorte des Serientäters markieren: Die erste Tat passierte auf der Lerchenstraße, die zweite wenige Tage später – am 19. Dezember – auf der Wittenbergstraße und die dritte am Rosenmontag (4. März) auf der Frankenstraße.

„Als gemeinnützige Organisation in dieser Gesellschaft wollen wir hier unseren Beitrag zur Sicherheit auf Essener Straßen leisten“, betont die Vereinsführung.

Anne Hellmann, eine promovierte und Psychotherapeutin, ist Trainerin mit 20-jähriger Karatepraxis im PSV. Sie weiß, wie Frauen sich in gefährlichen Situationen verhalten sollen. „Je früher und heftiger die Gegenwehr erfolgt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Täter abbricht und sein Opfer in Ruhe lässt.“ Sie weiß auch, dass sich Alltagsgegenstände in gefährliche Waffen verwandeln können. „Kreditkarten sind so scharf wie Messer und ein Schlag mit dem Autoschlüssel ins Gesicht wirkt sofort.“ Ähnliche Notwehr-Waffen können die zusammengerollte Kinozeitung, ein Kubotan, das Handy und ein Eiskratzer sein.

Erstarren? Fliehen? Kämpfen? Die Karatetrainerin tritt blitzschnell zu

Draußen vorm Dojo auf dem mit Holzplanken ausgeschlagenen Übungsplatz simuliert Anne Hellmann, wie sie sich in einem Schockmoment verhält. Erstarren? Fliehen? Oder kämpfen? Die erfahrene Karatesportlerin entscheidet sich natürlich für Letzteres. Der Angreifer umschließt in dieser Übung mit beiden Händen ihren Kehlkopf. Doch blitzschnell löst sie sich aus der Umklammerung und tritt dem verdutzten Mann mit ausgestrecktem Bein und voller Wucht in den Unterleib.

Das sieht locker und einfach aus – wie aus dem Bilderbuch der Kampfkunst. Bei Anne Hellmann wundert dies nicht. Die junge Essenerin hat schon als Achtjährige mit dem Karatesport begonnen und trägt längst einen schwarzen Gürtel, den dritten Dan.

Wäre ihr Tritt in den Unterleib echt gewesen, würde der Angreifer womöglich vor Schmerzen gekrümmt am Boden liegen. Doch ihr Kurs fängt nicht mit der hohen Schule der Kampfkunst an, sondern mit elementaren, aber wichtigen Grundlagen der Selbstverteidigung. „Das erste Ziel ist, dass gefährliche Situationen erst gar nicht entstehen“, sagt sie.

Karateabteilung des PSV arbeitet mit einem Dutzend Essener Schulen zusammen

Von zwielichtigen Hinterhof-Karate-Studios grenzt sich der Polizei-Sportverein scharf ab. Schon seit 45 Jahren führt der PSV, mit knapp 600 Mitgliedern größter Karateverein in Deutschland, Kurse für Mädchen und Frauen in Selbstverteidigung und Selbstbehauptung durch. „Wir sind in ganz Deutschland unterwegs“, sagt Ex-Polizist Peter Trapski, Leiter der Karateabteilung und langjähriger Bundestrainer. Mit einem Dutzend Essener Schulen arbeiten die PSV-Karatetrainer schon seit Jahren fest zusammen. Zielgruppe hier sind Mädchen von zwölf, dreizehn Jahren. Sie lernen, Nein zu sagen, nicht zu Fremden ins Auto zu steigen. Erwachsene Frauen sind eine weitere Zielgruppe. Peter Trapski: „Wir sensibilisieren Frauen, den Nachhauseweg zu planen und die Wahrnehmung zu schärfen.“

Anti-Opfer-Signale sind: Aufrecht gehen und nicht auf den Boden schauen

Die Themen Angst und Prävention spielen eine große Rolle in Anne Hellmanns Wahrnehmungs- und Verhaltenstraining. „Anti-Opfer-Signale“ auszusenden sei besonders wichtig. Zum Beispiel aufrecht zu gehen und nicht geduckt mit Händen in der Hosentasche. Oder dem Gegenüber mit festem Blick in die Augen zu schauen statt verschüchtert auf den Boden zu starren. „Das Mädchenhafte abzulegen, ist sehr hilfreich“, rät Anne Hellmann.

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