Gesundheit

So lebt der Essener Peter S. mit seiner Herzschwäche

Peter S. nach einer Routineuntersuchung wegen seiner Herzschwäche vor dem Eingang des Herzzentrums des Uniklinikums in Essen.

Peter S. nach einer Routineuntersuchung wegen seiner Herzschwäche vor dem Eingang des Herzzentrums des Uniklinikums in Essen.

Foto: Kerstin Kokoska / FUNKE Foto Services

Essen.  Peter S. leidet an Herzschwäche – die Krankheit hat sein Leben völlig verändert. Nun hofft er auf ein neues Herz.

Als Peter S. auf der Ladefläche seines LKWs den Spielautomaten abladen wollte, wurde ihm plötzlich schwarz vor Augen, der 58-Jährige sank zu Boden. Eigentlich war dieser Vormittag im Februar 2016 wie alle andere Arbeitstage. Sein Auftrag war, den Spielautomaten an ein Casino in Duisburg abzuliefern und aufzubauen. „Ich kann mich kaum erinnern, wie das genau passiert ist“, sagt er. Erst einen Monat später, in der Klinik erfuhr er die Ursache für seine Ohnmacht: Es war sein Herz.

Peter S. ist in Ratingen mit vier Geschwistern aufgewachsen, als Jugendlicher war er viel schwimmen und hat Fußball gespielt. Er hat Metallbauschlosser gelernt und lange Zeit bei Thyssenkrupp gearbeitet. 2012 begann er als Leiharbeiter Spielautomaten auszuliefern und zu installieren. Er wurde übernommen.

Unmittelbar danach bekam er die Diagnose Herzinsuffizienz, was auch Herzschwäche genannt wird. Sein Herz ist nicht mehr in der Lage, ausreichend Blut durch den Körper zu pumpen, den Organen fehlen dadurch Sauerstoff und Energieträger. Erkrankte fühlen sich oft müde, spüren Luftnot und Wasser lagert sich in ihren Körpern an. In Deutschland leiden bis zu vier Millionen Menschen an der Krankheit. Peter S. wartet nun auf ein neues Herz.

Der Essener Peter S. leidet an Herzschwäche – Was macht die Krankheit mit ihm?

In den Monaten vor dem Zusammenbruch im LKW, gab es Anzeichen, dass mit seinem Körper etwas nicht stimmte. Im Herbsturlaub 2015 in Winterberg konnte er schlecht schlafen. „Ich hatte nachts immer wieder das Gefühl, dass ich ersticke.“ Er litt an Atemnot in diesen Tagen. Im folgenden Winter hatte er eine Grippe, zwei Wochen war er krankgeschrieben. „Der große Fehler war, dass ich sie nicht auskuriert habe. Aber ich hatte Angst, den Job zu verlieren.“ Also arbeitete er vor den Weihnachtsferien weiter. Die verschleppte Grippe habe die Herzschwäche verursacht, ist er sich sicher.

In den Weihnachtstagen 2015 ist er zum ersten Mal umgekippt, zwei Monate bevor er im LKW das Bewusstsein verlor. In der ersten Woche des neuen Jahres fühlte er sich komisch bei der Arbeit. „Ich war erschöpft, konnte nicht mehr richtig anpacken, war nicht belastbar.“ An einem Tag sollte er Altpapier wegbringen, vielleicht 5 Kilogramm schwer. „Das hätte ich sonst mit dem kleinen Finger gemacht, aber da merkte ich, irgendwas stimmt mit mir nicht.“

Als er die Diagnose hörte, schloss er gedanklich mit dem Leben ab

Es kam der Tag im Februar, wo ihm in Duisburg beim Ausladen des Spielautomaten schwarz vor Augen wurde. „Ich weiß noch, ich lag plötzlich auf dem Holzboden, mein Kollege hielt meine Hand.“ Am nächsten Tag röntgte ein Arzt sein Herz. Es sei deutlich vergrößert. „Ich kann nicht sagen, was das ist, aber es sieht nicht gut aus“, sagte der Arzt.

Als Peter S. einen Monat später die Diagnose erhielt, wollte er es nicht glauben. „Man schließt mit dem Leben ab“, sagt er. Er hat sich an dem Tag in seine Wohnung zurückgezogen, zunächst mit seiner kleinen Schwester Hanni und seinem besten Freund in Hamburg telefoniert und sein Lieblingslied Purple Rain von Prince gehört. „Danach habe ich geheult wie ein Schlosshund.“

Seit der Diagnose im April 2016 bis heute musste er elf Mal stationär ins Krankenhaus. Regelmäßig kontrollieren die Ärzte sein Herz mittels einer Herzkatheteruntersuchung. „Man bleibt wach dabei“, sagt Peter S. „auf dem Monitor kann man dann einen Draht sehen, mitten im eigenen Herz.“

Elektro-Schock: Wie Tritte vom Pferd und ein großer Blitz zischt aus dem Kopf

Kurz nach der Diagnose haben die Ärzte ihm eine Art Weste verschrieben, die er unter seiner Kleidung trägt, und die seinen Herzschlag prüft. Sie gibt einen Elektroschock ab, wenn es zu einem Kammerflimmern kommt. In seinem Körper haben Ärzte einen Herzschrittmacher eingepflanzt, der mit einem Defibrillator verbunden ist. Die Geräte sind über Funk mit der Uniklinik verbunden. „Im Sommer 2018 hat mir der Defibrillator einen Schlag versetzt, als ich in meiner Wohnung stand“, sagt er. „Vom Gefühl her ist das, als ob ein Pferd von hinten und von vorne tritt und ein großer Blitz aus dem Kopf zischt.“

Vier Mal war Peter S. in den vergangenen Jahren auf der Intensivstation, jeweils zehn Tage. Zwei Mal ist ihm bei Untersuchungen Wasser in die Lunge gelaufen. „Da wird man bewusstlos, ich erinnere mich nur an Schreie der Ärzte, dann war ich schon abgeschmiert.“ Im Juni 2019 mussten Ärzte ihm einen Stent setzen, und im Januar 2020 haben sie ihm einen Sender in der Hauptvene zum Herzen implantiert. „Zum Sender gehört eine Maschine, die spricht auch mit mir: Alles ok, sagt sie zum Beispiel.“ Sie sammelt Daten und sendet sie ans Uniklinikum.

Der Alltag von Peter S.: Kochsendungen, Verabredungen und Rock-Konzerte auf Youtube

45 Jahre lang hat Peters S. geraucht. Als er einmal mehrere Tage im Krankenhaus war, hat sein Arzt Dr. Siebermair Zigaretten in seiner Brusttasche gesehen. „Der Siebermair hat mir Pistole auf die Brust gehalten und gesagt: Rauchen oder Leben?“

Die halbe Packung Kippen habe er in eine Plastiktüte getan und als Mahnmal mit nach Hause genommen. Wenn er mal das Verlangen verspürt zu rauchen, schaut er sich die Packung in der Plastiktüte an. „Dann vergeht mir wieder die Lust.“ Er ist Siebermair sehr dankbar für die klare Ansprache. „Ich habe der Uniklinik so viel zu verdanken, die kümmern sich unfassbar gut um mich.“

Sein Alltag hat sich seit der Krankheit stark verändert. „Die meiste Zeit bin ich in meiner Wohnung in Essen, schaue Kochsendungen, höre mir Rock-Konzerte auf Youtube an und bastle an meinen E-Gitarren“, sagt er. Vor die Haustüre geht er nur, wenn er muss. Zu groß ist seine Angst vor einer Infektion.

„Das seltsame Gefühl, dass etwas von unten in meinem Körper aufsteigt“

„Einmal habe ich in der Innenstadt auf der Kettwiger plötzlich Atemnot bekommen.“ Er ist dann in sein Auto gelaufen, dort verschlimmerte sich sein Zustand. „Ich hatte mein Handy in der Hand und konnte die Tasten nicht drücken.“ Er habe dann die Autotüre geöffnet und sich auf die Straße fallen lassen. „Ein Jugendlicher hat mich gesehen und den Notarzt angerufen.“ Daraufhin lag er eine Woche im Krankenhaus, im Januar 2019 kam er raus.

Seitdem gab es keine großen Zwischenfälle. Im Sommer 2019 hatte er bei einem Urlaub das seltsame Gefühl, dass etwas von unten in seinem Körper aufsteigt. Daraufhin fuhr er nach Hause und hat sich selbst als Notfall eingeliefert. „Ich musste drei Tage bleiben und meine Tabletten wurden umgestellt. Sieben verschiedene Tablette, elf insgesamt muss er täglich schlucken. Seitdem fühlt er sich besser. Im Monat muss er etwa 50 Euro für Medizin ausgeben, seine Erwerbsminderungsrente liegt bei 1000 Euro.

Wenn alles vorbei ist, will er eine Party feiern, Rock hören und tanzen

„Ich kann keine weite Strecken mehr laufen und keine langen Sätze mehr sprechen.“ Dafür fehle ihm die Luft, wenn er sich zu sehr anstrenge, werde ihm schwindelig. „Bei mir dauert es vier Wochen den Haushalt zu erledigen, ein Gesunder schafft das wahrscheinlich in drei Stunden“, sagt er. Früher habe er sich das nicht vorstellen können, aber seit der Krankheit, halte er jetzt immer einen Mittagsschlaf. Schmerzen habe ich nicht. „Das Herz ist ein Muskel, das kann nicht so stark wehtun.“ Das Gefühl zu sterben begleitet ihn jeden Tag, das kriege er auch nicht aus dem Kopf raus.

An Tagen, wo er zu viele negative Gedanken hat, hilft es, einen guten Freund zu treffen, mit seinen Geschwistern zu telefonieren. Mit seiner Exfrau und seinem Sohn hat er kaum Kontakt mehr, seine Eltern leben nicht mehr. Vor allem die Musik helfe ihm durch den Tag zu kommen. „Bei manchen Liedern muss ich anfangen zu weinen“, sagt er. „Aber wenn der Schmerz dann vorbei ist, kommt Hard Rock auf die Löffel.“ Dann werde es besser. „Meine große Hoffnung ist, dass ich bald ein neues Herz bekomme“, sagt er.

Bei jeden Anruf zucke er zusammen, seit anderthalb Jahren steht er auf der Warteliste. Er habe gehört, dass Patienten durchschnittlich zwei Jahren warten müssten. Das hänge aber von vielen Dingen ab, am Ende sei es auch Glück. Wenn es soweit ist, will er wieder Fahrrad fahren. „Vielleicht schaffe ich sogar, einen Marathon zu laufen“, sagt er und lacht. „Aber als Erstes würde ich eine Party feiern, meine Freunde einladen, Hard Rock einschalten und tanzen.“

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