Flüchtlinge

SG Essen: Syrischer Sportstar bringt Kindern das Schwimmen bei

Beim Training: der syrische Schwimmathlet Rami Knaan im Schwimmzentrum Rüttenscheid.

Beim Training: der syrische Schwimmathlet Rami Knaan im Schwimmzentrum Rüttenscheid.

Foto: FUNKE Foto Services

Essen.  Die Badehose hatte Rami Knaan sogar auf der Flucht dabei – er gehörte ja zum syrischen Schwimm-Nationalteam. Nun schwimmt er für einen Essener Verein.

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Rami Knaan kommt aus Syrien, er hat seine Heimat verloren, ist seiner Sprache beraubt, aber wenn er im Rüttenscheider Schwimmzentrum ins Wasser steigt, ist der 25-Jährige in seinem Element: Brust, Kraul, Schmetterling – dieses Vokabular beherrscht er auf höchstem Niveau. In Syrien schwamm er für die Nationalmannschaft, jetzt trainiert er mit der Startgemeinschaft (SG) Essen.

Es ist ein Glücksfall, dass der junge Flüchtling hier ein neues Zuhause gefunden hat; ein Zufall ist es nicht. Als Knaan im August vergangenen Jahres in einer Gemeinschaftsunterkunft im niedersächsischen Schüttorf landete, gab es einen Ehrenamtlichen, der in ihm nicht nur den Flüchtling sah, sondern sein Talent erkannte. „Franz! Er hat mich mit in den Schwimmverein genommen“, erzählt Knaan. Franz ist Polizist und Schwimmer, er gab den Anstoß, dass Knaan mit dem Waspo Nordhorn trainieren konnte, dass die langen Tage in der Unterkunft Struktur bekamen.

Auf eigene Faust Deutsch gelernt

Franz und der Schwimmverein sorgten dafür, dass sein Busticket für die Fahrten nach Nordhorn bezahlt wurde und sie ließen Rami Knaan das Kindertraining mitbetreuen. „Morgens hab’ ich Deutsch gelernt, nachmittags trainiert. Jeden Tag.“ Schwimmen ist ein extrem trainings-intensiver Sport, ehemalige Athleten berichten, dass ihnen die hier erlernte Disziplin auch bei späteren Herausforderungen geholfen habe. So mag es sich erklären, dass Knaan auf eigene Faust recht gut Deutsch lernte. Obwohl sein Sprachkurs erst im August beginnt, kann man sich gut mit ihm unterhalten, „und wenn ich nicht weiter weiß, geht Englisch“.

Zum eigenen Willen kam die Hilfe der anderen: So schrieb Franz an die SG Essen, weil er sich ein anspruchsvolleres Trainingsumfeld für seinen Schützling wünschte. Die Anfrage landete just bei Jürgen Voigt, ebenfalls im Hauptberuf Polizeibeamter. Und weil Voigt bei der Essener Polizei für ausländerrechtliche Fragen zuständig ist, konnte er beurteilen, wie weit Knaans Asylverfahren ist und ob er schon die Niederlassungsfreiheit hat. Als letzteres feststand, besorgte die SG Essen eine Wohnung für Knaan, nur einen Steinwurf vom Schwimmzentrum Rüttenscheid entfernt. Seit er im Mai nach Essen gezogen ist, trainiert er hier sowie im neuen Sportbad Thurmfeld und in einer Schulsporthalle in Holsterhausen. Nur sonntags lernt er die Stadt abseits der Schwimmbecken kennen, geht spazieren, trifft Freunde. Er lebt sich ein, auch wenn er natürlich seine Eltern vermisst, die vom heimischen Latakia den Weg ihres Sohnes verfolgen. Täglich telefonieren sie.

Syrer nahm Badehose und -kappe mit auf die Flucht

Eine internationale Schwimmkarriere kann Voigt dem jungen Syrer nicht versprechen: „Mit seinen Bestzeiten wäre er bei uns im Verein auf Platz 20.“ Gut, aber nicht überragend. Das ist etwas ernüchternd für Rami Knaan, der seine Badehose und -kappe in Nationalfarben sogar mit auf die Flucht nahm. In Syrien zählte er zur Sportelite, feierte bei arabischen Meisterschaften Erfolge. „Als Mitglied des Nationalteams hat er ein Drittel mehr verdient als der Durchschnittslohn, und ihm wurde die gesamte Ausrüstung gestellt. Er war richtig verblüfft, dass wir jedes T-Shirt selbst zahlen.“

Nun basteln Voigt und die SG an einer beruflichen Perspektive für ihren Neuzugang: Als bald zweisprachiger Athlet soll er anderen Flüchtlingen Schwimmen beibringen – nicht nur Kindern. „Wir erleben Erwachsene, die ins Wasser springen – und weg sind sie.“ Neben dem Schwimmen ist Voigt ein anderer Aspekt ganz wichtig: „Integration über Sport. Die sozialen Netze gibt es in den Vereinen ja schon.“ Wie leistungsfähig diese Netze sind, zeigt sich auch an Rami Knaan. Voigt und seine Mitstreiter haben ihn schon zu zig Ämtern begleitet, haben mit ihm die Unterlagen zusammengestellt, damit der Bachelor in Sport, den er in Syrien gemacht hat, hier anerkannt wird. Wenn alles gut geht, bekommt Knaan bald eine Förderstelle bei der SG, verdient Geld mit seiner Begabung. Schon jetzt betreut er, mit deutschsprachigen Trainern, Kinderschwimmkurse. Und er hat sich seinen Ehrgeiz bewahrt: „Ich möchte weiter studieren, einen Master machen.“

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