Kirchenmalerei

Seltenes Handwerk: Essenerin ist Kirchenmalerin aus Berufung

Die junge Kirchenmalermeisterin Fabienne von der Hocht restauriert eine kleine Heiligenfigur, die Johannes den Täufer darstellt. Die Figur stammt zeitlich aus dem Spätbarock (etwas 1700 bis 1740).

Die junge Kirchenmalermeisterin Fabienne von der Hocht restauriert eine kleine Heiligenfigur, die Johannes den Täufer darstellt. Die Figur stammt zeitlich aus dem Spätbarock (etwas 1700 bis 1740).

Foto: Kerstin Kokoska / FUNKE Foto Services

Essen.  Die Essenerin Fabienne von der Hocht ist eine von wenigen Kirchenmalermeisterinnen in Deutschland. Sie restauriert mit Liebe sakrale Gegenstände.

Einen äußerst seltenen Handwerksberuf hat Fabienne von der Hocht aus Essen-Stoppenberg erlernt: Die 29-Jährige ist Kirchenmalermeisterin, absolvierte ihre Ausbildung in einer großen Restaurierungswerkstatt in Bayern. Heute wagt sie den Spagat zwischen einem Job zum Broterwerb, Auftragsrestaurierungen und freier künstlerischer Arbeit. Eigentlich wollte die Essenerin Architektur studieren – doch es kam anders.

Familie führt ihren Malerbetrieb in fünfter Generation

Die Wahl-Essenerin Fabienne von der Hocht stammt aus Krefeld. Sie habe immer gern gemalt und gezeichnet, später in der Schule den Kunstleistungskurs gewählt. „Die Leidenschaft fürs Malen lag bei mir irgendwie nahe. Ich bin da quasi hineingewachsen. Meine Eltern führen in fünfter Generation einen Malerbetrieb“, erzählt sie.

Ihr Großvater habe sie irgendwann zu einer Tagung von Kirchenmalern und Restauratoren angemeldet. Mit Bewerbungsmappe reiste sie nach München – und lernte dort prompt ihren späteren Chef kennen. „Zwei Wochen Praktikum waren toll, ich war total begeistert von dem alten Handwerk“, erinnert sich Fabienne von der Hocht. 2010 begann sie dann ihre dreijährige Ausbildung am Chiemsee.

Nach der Praxis folgte viel Theorie: Um ihren Meister als Kirchenmalerin zu machen, musste sie anschließend ein Jahr Vollzeit die Schulbank drücken. „Die einzige Schule, die das in Deutschland anbietet, befindet sich in München“, sagt die Essenerin. 18 Schüler pro Jahr würden dort aufgenommen. Objekte, Wände und Decken gestalten oder aufarbeiten, Figuren mit den richtigen, das heißt der jeweiligen Entstehungszeit angepassten, Farbe restaurieren – das alles gehört für die Kirchenmalerein zum Handwerk. Kunstgeschichtliche Kenntnisse seien wichtig, um die Objekte zeitlich genau einordnen zu können. Jede Epoche habe ihre eigenen Bindemittel und Pigmente. Zudem seien betriebswirtschaftliche Grundlagen erforderlich, um später einen Betrieb führen zu können.

Privat ist die Restauratorin keine Kirchgängerin mehr

Die Kirchenmalermeisterin ist selbst katholisch, aber privat „keine Kirchgängerin mehr“. „Ich habe aber eine besondere Ehrfurcht vor Kirchenräumen, die Dimensionen verursachen bei mir immer noch eine Gänsehaut“, beschreibt sie ihr Gefühl in Gotteshäusern. Die Marmorierung der Säulen, die Deckengemälde – das alles beeindrucke sie unter beruflichen Aspekten, aber durchaus auch gefühlsmäßig.

Fabienne von der Hocht ist stolz, ein altes Handwerk erlernt zu haben. Sie bereue es überhaupt nicht, sich gegen ein Studium entschieden zu haben. Ihr Meisterstück war eine Statue der heiligen Apollonia, eine von insgesamt fünf Arbeiten, die sie für ihre Abschlussprüfung anfertigen musste. Gute Noten waren der Lohn für ihren Einsatz. „Nach der Ausbildung wollte sich wieder zurück nach Nordrhein-Westfalen“, berichtet die 29-Jährige. Ob ihre beruflichen Chancen nicht in Süddeutschland angesichts der vielen prachtvollen Barockkirchen größer gewesen wären? „Dort gibt es zwar deutlich mehr Objekte, aber der Markt für Kirchenmaler ist auch schon relativ gesättigt“, erklärt sie.

Sie kam zurück, baute im elterlichen Maler- und Lackiererbetrieb eine eigene Sparte auf, nahm Restaurierungsaufträge an. „Irgendwie habe ich dabei aber das Filigrane, das ich an dem Beruf immer so geliebt habe, aus den Augen verloren“, blickt Fabienne von der Hocht zurück. Schweren Herzens zog sie Ende 2018 die Konsequenz und hörte im elterlichen Betrieb auf. Den Sprung in die komplette Selbstständigkeit wollte sie aber noch nicht wagen.

Kirchenmalerin arbeitet drei Tage die Woche im Großhandel

Heute arbeitet Fabienne von der Hocht drei Tage in der Woche als Angestellte in einem Großhandel für Malerbedarf. „Das passt schon. Ich verkaufe, was ich gut kenne und sonst selbst kaufe“, sagt sie. Daneben ist sie als Kleinunternehmerin in Sachen Restaurierung aktiv. „Ich habe eine kleine Manufaktur, kann dort so kreativ sein, wie ich das immer wollte.“

Je nach Auftragslage kümmert sich Fabienne von der Hocht um Wandmalereien, Figuren, Altäre, Kreuze, Bilderrahmen und andere Dinge, die zur Kirchenausstattung gehören. Doch nicht nur an sakralen Dingen hat sie Freude: „Ich arbeite gern Möbel auf, die die Leute vielleicht geerbt haben, an denen sie hängen, die aber so nicht in ihre moderne Wohnung passen“, erklärt sie. Sie verleihe solchen Stücken mit Geschichte und Erinnerungswert neuen Glanz, zum Beispiel durch die Auflage von Blattgold, -silber, -messing oder -aluminium.

„Alte Möbel sind der Regel hochwertig verarbeitet und eigentlich für die Ewigkeit gemacht. Das ist kein Vergleich zu heutigen Billigmöbeln. Im Sinne der Nachhaltigkeit lohnt es auf jeden Fall, etwas in die Aufarbeitung zu investieren“, sagt die Restaurateurin. Auch im Geschenkartikelbereich ist die Jungunternehmerin unter dem Motto „Mein Unikat für Dich“ aktiv, fertigt zum Beispiel individuelle Zahndosen oder Schnullerbilder.

Dass immer mehr Kirchen schließen, bereitet der Restauratorin keine Zukunftsängste, denn die Gotteshäuser, die blieben, müssten ja erhalten werden. Dass sie den richtigen Beruf gewählt hat, davon ist sie überzeugt. „Ich bin mit ganzem Herzen und all meiner Leidenschaft Restauratorin“.

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