Traditionsgeschäfte

Seit über 50 Jahren gibt es Zweirad Stegemann in Essen

Vor 32 Jahren hat Hans-Joachim Winkler das Zweiradgeschäft von Elisabeth Stegemann übernommen.  An der Inneneinrichtung hat er bis heute wenig verändert.

Vor 32 Jahren hat Hans-Joachim Winkler das Zweiradgeschäft von Elisabeth Stegemann übernommen. An der Inneneinrichtung hat er bis heute wenig verändert.

Foto: FUNKE Foto Services

Essen.   Hans-Joachim Winckler ist der dritte Eigentümer des Radladens Stegemann am Viehofer Platz. Er hält an der alten Einrichtung und am persönlichen Service fest.

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Wer den Laden von Zweirad E. Stegemann am Viehofer Platz betritt, fühlt sich augenblicklich in die 1960er Jahre zurückversetzt: Statt eines blinkenden Bildschirms mit Scanner thront eine alte Registrierkasse auf dem schmalen Ladentresen, dahinter stehen rechts und links bis zur Decke reichende hölzerne Schubladenschränke und in der Mitte befindet sich ein vorsintflutliches Gerät, das an die ersten Atari-Computer erinnert. „Das ist ein Microfiche-Gerät“, klärt uns Inhaber Hans-Joachim Winckler auf, „das brauche ich, um die Listen mit Ersatzteilen zu lesen.“ Tatsächlich findet man bei Stegemann genauso wenig einen Computer wie E-Bikes – der seit mehr als 50 Jahren bestehende Radladen hat so gar nichts gemein mit den glänzenden und durchgestylten Zweiradgeschäften, die statt einfach nur Räder ein Lebensgefühl anbieten.

Das war mal ganz anders: Als ein Herr Pöttjer das Geschäft in der Wirtschaftswunderzeit gründete, verkaufte er nicht nur Fahrräder, sondern vor allen Dingen Mopeds. „Von Zündapp über Herkules, Sachs, Kreidler und Puch gab es hier alles“, erinnert sich Winckler. 1984, als er das Geschäft von Elisabeth Stegemann, einer Freundin des längst verstorbenen Pöttjers übernahm, lief der Verkauf von motorisierten Zweirädern noch gut, war Stegemann in der Stadt ein Begriff. „Deswegen habe ich den Namen nie geändert.“ „Gefühlt jeder zweite Jugendliche fuhr damals mit einem Moped oder Mofa durch Essen.“ Das änderte sich schneller, als Winckler lieb war: Dazu beigetragen hatte nicht nur die Insolvenz von Zündapp, sondern auch die neue Helm- und Führerscheinpflicht.

Flotte Stadträder statt Urban Bikes

Was blieb, war das Geschäft mit den Rädern. Die verkauft der ehemalige Maschinenbaustudent nicht von der Stange – an denen hängen die Stahlrahmen zwar nach Größe geordnet, doch „wir stellen sie individuell zusammen und ziehen jede Schraube fest, bevor wir das Rad abgeben“, erklärt Winckler, warum er bis heute der Konkurrenz trotzen konnte. Auch als Reparateur hat er sich einen Namen gemacht: das liegt an seinem gut sortierten Ersatzteillager wie an den Zweiradmechanikern, die er nach wie vor bei sich beschäftigt.

Eigensinnig hält der 65-Jährige nicht nur an der altmodischen Inneneinrichtung fest, auch beim Sprachgebrauch bleibt er bodenständig: Hier gibt es stabile Reiseräder statt Trekkingbikes, flotte Stadträder statt Urban Bikes.

Sohn will in Vaters Fußstapfen treten

Eines davon steht im Schaufenster, das mittlerweile durch Stahlgitter geschützt ist. Ein Tribut an die zunehmende Kriminalität in der nördlichen Innenstadt. „Bei mir wurden so oft die Scheiben eingeschlagen und Räder geklaut, dass meine Versicherung den Schaden nicht mehr bezahlen wollte, wenn ich nicht entsprechende Schutzmaßnahmen vornehme.“ Schön seien die Gitter nicht, „aber ich habe eh wenig Laufkundschaft“. Früher, als noch die Bahn über die Viehofer Straße fuhr, sei das anders gewesen. Dann kam die U-Bahn, „und wir Geschäftsleute dachten, der U-Bahn-Ausgang direkt an den Arkaden würde uns mehr Kunden bringen“. Ein Trugschluss, wie sich später herausstellte.

Trotzdem hält Hans-Joachim Winckler bis heute durch und an seinem Zweiradladen fest. Zumindest so lange, bis Sohn Arnd fertig ist: Der ist Zweiradmechaniker, macht gerade seinen Meister und will in Vaters Fußstapfen treten. „Ich glaube, dass wir eine Zukunft haben“, gibt er sich optimistisch.

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