Stadtteilgeschichte

Scherben und Mauern verraten ein Stück Heisinger Historie

Die Arbeiten auf der Baustelle Bahnhofstraße/Kreuzung Lelei in Essen-Heisingen, wo seniorengerechte Mietwohnungen entstehen sollen.

Die Arbeiten auf der Baustelle Bahnhofstraße/Kreuzung Lelei in Essen-Heisingen, wo seniorengerechte Mietwohnungen entstehen sollen.

Foto: Christof Köpsel / FUNKE Foto Services

Essen-Heisingen.  Werden historisch wertvolle Funde vermutet, begleiten Archäologen die Bauarbeiten – wie in Heisingens Dorfmitte, wo neue Mietwohnungen entstehen.

Einst hat Familie König Brot in dem ehemaligen Fachwerkhaus an der Bahnhofstraße gebacken, wo jetzt Bagger die Grube für einen Neubau ausheben. Das Fachwerkhaus kennen viele Heisinger nur noch mit seiner zuletzt hellblauen Fassade, nun entstehen dort seniorengerechte Mietwohnungen und eine Arztpraxis. Begleitet werden die Arbeiten vom Archäologen Ulrich Ocklenburg. „Es war von vornherein klar, dass sich hier Reste des Vorgängerbaus befinden“, sagt er. Und tatsächlich ist hier bereits Dorfhistorie in Form von Mauerresten und Scherben zu Tage gekommen, die bis ins 17. Jahrhundert zurückreichen könnten.

„Bis jetzt ist aus archäologischer Sicht das herausgekommen, was zu erwarten war“, sagt Stadtarchäologe Detlef Hopp. Die Mauerreste deckten sich mit denen von der Bebauung aus dem 18. Jahrhundert. Sehr alte Spuren, wie vor einigen Jahren auf dem Gelände des ehemaligen Hickingshofes gefunden wurden, waren aus seiner Sicht nicht zu erwarten. Dort galt eine Tonscherbe aus dem 13. Jahrhundert als überraschender Fund: „Schon bei der Entdeckung des Gefäßfragmentes war klar, dass es sich um einen der ältesten bisher bekannten Keramikfunde in Heisingen handeln musste.“

Reste einer alten Mauer wurden freigelegt

In der aktuellen Baugrube haben die Arbeiter inzwischen eine alte Mauer freigelegt. „Dort, wo nach Unterlagen Mauerreste auftreten sollten, ist das auch geschehen“, bestätigt der Archäologe. Die bislang gefundenen Scherben stammen laut Ulrich Ocklenburg aus dem 18. und 19. Jahrhundert, möglicherweise auch aus dem 16. Jahrhundert. Noch liegen sie bei ihm zu Hause, denn noch ist seine Aufgabe in Heisingen nicht abgeschlossen. Zwei Wochen lang hat er die Bauarbeiten bereits begleitet, spannend werde es nochmals, wenn der Bagger weiter hinten auf dem Grundstück schaufeln werde, wo die neue Tiefgarage entstehen solle. Erst dann wird sich der Fachmann mit der Auswertung beschäftigen, um einen Abschlussbericht zu verfassen.

Der Archäologe wurde vom Bauherren beauftragt, so sieht es das Denkmalschutzgesetz vor, wenn archäologische Funde vermutet werden. Zudem kümmert sich auch Detlef Hopp regelmäßig um Baugruben, die sich in historischen Stadt- oder Ortskernen befinden. Die Ergebnisse tragen dann nicht nur dazu bei, dass historisch interessierte Bürger mehr über ihren Stadtteil erfahren, auch Hobbyhistoriker befassen sich regelmäßig mit diesen Entdeckungen.

Einst Fachwerkhaus mit Mehlhandel und Bäckerei

Mit dem Fachwerkhaus und dem dazugehörenden Mehlhandel samt Bäckerei der Familie König etwa setzten sich bereits Margret Oldenburg und Ilse Cram vom Heisinger Museumskreis auseinander, um die Geschichte von Heisingens Dorfmitte zu bewahren, in Zeiten, da zahlreiche alte Gebäude aus dem Stadtteil verschwinden. Dem „himmelblauen Häusken“, wie die Heimatforscherinnen es nennen und das 1892 gebaut worden ist, folgen zwölf Mietwohnungen, seniorengerecht und barrierefrei – und ein großes Interesse an diesem Wohnangebot mitten im Stadtteil, sagt Achim Blum, einer von insgesamt drei Bauherren.

Das ganze Bauprojekt habe sich aus persönlichen Gründen verzögert. Der Abriss begann immerhin bereits Anfang 2018. Schon damals befassten sich sogar Bezirksvertreter mit dem Thema aus historischer Sicht. So war in einer Vorlage zu lesen, dass in dem Bereich die mittelalterliche Keimzelle des Stadtteils anzusiedeln sei. Mancher sorgte sich, alte Spuren könnten verloren gehen. Die Politik schaltete die Untere Denkmalschutzbehörde ein.

Steine werden entsorgt, Scherben landen im Museum

Was für einige außergewöhnlich klang, war aus Sicht der Archäologen das übliche Vorgehen. „Uns war von vorneherein klar, dass wir Reste des Vorgängerbaus finden“, sagt Ulrich Ocklenburg zu den archäologischen Arbeiten, die immer erst dann beginnen können, wenn Nachfolgebauten wieder weichen. Dann steht der Archäologe auch daneben, da nicht alle Funde ihre Datierung verraten. Und was für einen Laien mitunter wertlos erscheint, kann durchaus eine historische Bedeutung haben, ergänzt Detlef Hopp: „Für die Ortsgeschichte haben wir hier das entdeckt, was wir erhofft haben.“ Die Mauerreste sind nun bereits entsorgt („das ist das Schicksal der Steine“), während die Scherben im Museum enden werden.

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