Abschied vom Bergbau

Schau im Altenheim weckt Erinnerungen an den Kumpel-Alltag

Die Organisatoren der Bergbauausstellung (v. l.) Reinhold Adam, Annette Gräwer (Leiterin der Einrichtung) und Walter Böttger.

Die Organisatoren der Bergbauausstellung (v. l.) Reinhold Adam, Annette Gräwer (Leiterin der Einrichtung) und Walter Böttger.

Foto: Vladimir Wegener

Essen-Karnap.   Ausstellung im Karnaper Seniorenheim an der Lohwiese beleuchtet das Leben rund um die Zechen. Geschichtskreis Carnap zeigt über 300 Exponate.

Wenn der 2007 spontan gegründete Geschichtskreis Carnap zusammenkommt, werden alte Zeiten lebendig. Gestalten die erzählfreudigen Mitglieder dann noch eine Ausstellung im Evangelischen Altenzentrum, geht es um so lebhafter zu. Fast alle Bewohner haben persönliche Erinnerungen an den Bergbau im nördlichsten Stadtteil Essens.

Als Zeitzeugen sind Reinhold Adam (72) und Walter Böttger (86) derzeit äußerst begehrt. Für Dokumentationen berichten die beiden Geschichtskreismänner kurz vor der endgültig letzten Schicht auf Prosper Haniel viel über den Alltag unter Tage. Während Adam auf dem Pütt als Elektriker malochte, war der aus Hamburg stammende Böttger etliche Jahre Maschinenfahrsteiger, eine „Art Abteilungsleiter über Tage“. Ein Ereignis wird er nie vergessen: den Grubenbrand am 5. Dezember 1951. „Da war ich gerade eine Woche auf Mathias Stinnes.“ Ein Feuer war ausgebrochen, in der Tiefe kam es zu einer gefährlichen Verpuffung. Sechs Kumpel und der Zechenarzt ließen ihr Leben. „Früher war hier einmal die größte Fördermaschine der Welt in Betrieb“, weiß Adam und zeigt zur Vorab-Präsentation der Ausstellung an der Lohwiese 20 auf ein historisches Schwarz-Weiß-Bild vom Ende der 1950er Jahre.

300 Exponate, neun Stellwände

Rund 300 Exponate, neun Stellwände und einige Hängetafeln mit Fotos aus rund 100 Jahren sowie etliche Alltagsgegenstände von anno dazumal hat der Geschichtskreis für die Schau aus Archiven, Kellern und Alben zusammengetragen.

Heimleiterin Annette Gräwer freut sich, den emsigen Hobby-Historikern genug Raum für ihre Heimatforschung geben zu können. „80 Prozent der 80 Bewohner stammen aus Karnap“, sagt sie. Einige haben private Aufnahmen zur Verfügung gestellt. Gezeigt wird vor allem das Leben nach der schweren Arbeit. Knappen- und Schützenvereine, spielende Kinder im Hinterhof, die Industriekulisse mit dem Kohlekraftwerk, der Kiosk an der Ecke.

Die „Blass Bude“ ist auch Bettina von der Höh (54) ein Begriff. Hier hat die Sprecherin des Carnaper Geschichtskreises als Kind für ein paar Groschen Süßigkeiten, Hefte und Sammelbilder erworben. „Der Besitzer hieß Egon Blass“, erklärt sie. „Und das war er auch!“, fügt Böttger schmunzelnd hinzu. Gleich daneben entdeckt er die Aufnahme des Spirituosenhändlers an der Karnaper Straße. „Schnaps war für uns lebenswichtig!“, betont er. Wie schon der Titel der Schau verrät, war Kohle eben nicht alles: Nach der Schicht oder wenn der Lohn ausbezahlt worden war, habe man so manches Glas gekippt…

Über die Erinnerungen mit Menschen ins Gespräch kommen

Momente wie diese möchte der Kreis ermöglichen. „Wir wollen mit den Menschen über solche Erinnerungen ins Gespräch kommen und Emotionen wecken“, fasst Adam zusammen.

Früher hatte Karnap, das bis 1910 mit „C“ geschrieben wurde, mehr Arbeitsplätze als Einwohner, galt das Stinnes-Stadion als große Sportadresse – mit Tribüne und Stehplätzen für 30.000 Zuschauer. Nach dem Zweiten Weltkrieg schufen Glasbläser aus dem Riesengebirge kunstvolle Kristall- und Bleigläser in der Fabrik. Aber im Zentrum stand der Bergbau.

Der Uropa malochte in Sprockhövel

„Meine ganze Familie hatte damit zu tun“, ergänzt Bettina von der Höh. Der eine Opa auf Fritz-Heinrich in Herne, der andere mit Papa Günter auf Mathias Stinnes und später auf Nordstern in Gelsenkirchen. Schon der Uropa sei Bergmann in Sprockhövel gewesen.

Da kommen einige Generationen Ruhri-Klischee mit Kaninchen, Gemüsegarten, Fußball und Taubenzucht zusammen. „Und nun stirbt hier der ganze Beruf aus!“, sagt Adam wehmütig zum Abschied. Doch in Vergessenheit soll der Pütt nicht geraten.

Lockerer Zusammenschluss

Der Geschichtskreis Carnap ist ein lockerer Zusammenschluss historisch interessierter Bürger.

Er wurde 2007 zum 675-jährigen Bestehen des Stadtteils gegründet. Wer sich anschließen möchte, ist herzlich willkommen.


Weitere Informationen auf www.geschichtskreis-carnap.de.

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