Ausstellung

Ruhrmuseum zeigt noch bis Februar „Ruhrgebietsfotografien“

Von geordneter Stadtplanung noch keine Spur: Eine Straße wie ein lückenhaftes Gebiss und eine einsame Laterne in Stoppenberg.

Von geordneter Stadtplanung noch keine Spur: Eine Straße wie ein lückenhaftes Gebiss und eine einsame Laterne in Stoppenberg.

Foto: Albert Renger-Patzsch

Essen.   Die Ausstellung „Ruhrgebietsfotografien“ im Ruhrmuseum in Essen vereinigt noch bis Februar das verstreute Werk von Albert Renger-Patzsch.

Viel Zeit ist nicht mehr, um eine der faszinierendsten historischen Fotoausstellungen zu besuchen, die das Ruhrmuseum je geboten hat. Bis zum 3. Februar sind die Ruhrgebietsfotografien des Essener Fotografen Albert Renger-Patzsch noch präsentiert, dann werden sie aus konservatorischen Gründen „im Ruhrgebiet nie wieder zu sehen sein“, betont Museumschef Theo Grütter.

Es sind faszinierende Studien über die Struktur einer Stadtlandschaft, die roh und ungeordnet war und an deren Grundzügen sich Stadtplaner bis heute abarbeiten. Manche, vor allem etliche Aufnahmen aus Essen, wurden zu fotografischen Ikonen.

Albert Renger-Patzsch gilt als Pionier der neuen Sachlichkeit

Im Jahr 1929 zog Albert Renger-Patzsch nach Essen, wo ihm das Museum Folkwang Atelierräume zur Verfügung stellte. Privat heimisch wurde er auf der Margarethenhöhe, die auch den Ruf einer Künstlerkolonie genoss und wo er bis zum kriegsbedingten Wegzug 1944 lebte. Für den Pionier der neuen Sachlichkeit, als der Renger-Patzsch zu diesem Zeitpunkt bereits galt, ergaben sich im Ruhrgebiet private Aufträge und auch die Chance, Fotobücher zu gestalten.

Die Meisterschaft des 1897 in Würzburg geborenen und 1966 gestorbenen Fotografen bestand darin, Natur und gebauter Umwelt mit der Kamera auf den Grund zu gehen, sie so weit wie möglich zu objektivieren. Aber Renger-Patzsch ließ sich beim freien Umherschweifen ohne jeden Auftrag auch von der kulissenartigen Industrielandschaft mit ihren enormen Brüchen inspirieren, wobei Essen schon aus Gründen der räumlichen Nähe die hauptsächliche Szenerie darstellte. Dieser Neigung verdanken wir Stadt-Bilder, deren Objekte längst vergangen, ja kaum noch auffindbar sind und die in dieser Form kein anderer zeitgenössischer Fotograf der Mühe und des Materials für wert befand.

Die Fotos entstanden zwischen 1927 und 1935

Auch bei Renger-Patzsch finden sich zwar suggestive Bilder, etwa zur Nähe von Wohnen und Industrie – die himmelstrebenden Schornsteine von Zeche Victoria Mathias sind das bekannteste Beispiel. Doch geht es ihm oft wenig um symbolhaftes Pathos, sondern um die fast schmerzhaft puristische Darstellung einer Realität, wie sie eben war. Renger-Patzsch verweigerte sich der zu allen Zeiten beliebten „stimmungsvollen“ Landschaftsdarstellung. Vielmehr ging es ihm darum, die Ordnung der Dinge zu zelebrieren.

Zwischen 1927 und 1935, als die Fotos entstanden, war dies noch möglich. „Grüne Hauptstadt“ wäre Essen damals sicher nicht geworden, abseits der wenigen Parks und der Wälder im Süden waren Bäume im Stadtbild so rar wie heute Schornsteine. Konzentration auf das Wesentliche hat die forschende Fotografie von Renger-Patzsch aber erst ermöglicht.

Die harte Kargheit kommt uns heute unendlich fern vor. Wenig bis nichts haben diese Essener Landschaften, die man kaum noch präzise verorten kann, mit den heutigen zu tun. Und vermutlich werden die meisten bei aller Faszination sagen: Das ist auch ganz gut so.

Weitere Informationen zur Ausstellung:

  • Die Ausstellung ist bis 3. Februar täglich von 10 bis 18 Uhr im Ruhrmuseum in der Kohlenwäsche auf Zollverein, Gelsenkirchener Straße 181 zu sehen. Eintritt 7 Euro, ermäßigt 4 Euro. Die Ausstellung lebt von ihren zahlreichen Leihgebern, darunter die Stiftung Ann und Jürgen Wilde aus München, die die Rechte an vielen Bildern von Renger-Patzsch besitzt.
  • Zur Ausstellung ist ein 336 Seiten starker, sehr empfehlenswerter Katalog im Verlag Walther König erschienen. Enthalten sind 200 Fotos, darunter neben den Ruhrgebietslandschaften auch Auftragsarbeiten, etwa der Essener Münsterkirche, sowie zahlreiche Porträts. Der Katalog kostet im Museum 29,80 Euro, in der Buchhandlung 39,80 Euro.
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