Pfarrei-Entwicklungsprozess

Jugendliche fordern mehr Gehör in der Kirchengemeinde

Johanna Schlechter, Anna Vogelsang, Annika Jorde und Yannick Risse (v.l.) betrachten eine Karte beim Jugendtreffen im Gemeindeheim St. Josef am Heidbergweg in Kupferdreh.

Foto: Socrates Tassos

Johanna Schlechter, Anna Vogelsang, Annika Jorde und Yannick Risse (v.l.) betrachten eine Karte beim Jugendtreffen im Gemeindeheim St. Josef am Heidbergweg in Kupferdreh. Foto: Socrates Tassos

Essen-Kupferdreh.   Beim zweiten Jugendtag der Pfarrei St. Josef Ruhrhalbinsel entwickeln die Teilnehmer Ideen, wie Gemeindeleben trotz Einsparungen gelingen kann.

Auf dem Programm des zweiten Jugendtages in St. Josef steht nichts weniger als die Zukunft der Kirche. Das Format soll helfen, junge Leute mit ins Boot zu holen. Der Blick aus dem Gemeindeheim am Heidbergweg verdeutlicht das Dilemma im Pfarrei-Entwicklungsprozess (PEP) der Großpfarrei St. Josef Ruhrhalbinsel. Wo eine Kirche stand, befindet sich nun kein Stein mehr auf dem anderen. Doch die katholischen Gemeinden in Burgaltendorf, Heisingen, Kupferdreh und Überruhr stehen vor noch größeren Veränderungen, die weh tun werden.

Der Prozess betrifft Alt und Jung. „Aber gerade die jungen Menschen sind es doch, die das Konzept Kirche 2030 mitgestalten, tragen und vor allem mit umsetzen müssen“, sagt Alfred Zinke vom Kirchenvorstand. „Ich bin 2030 nämlich schon 71 Jahre alt.“

40 junge Leute kamen zum zweiten Treffen

Im September hatte man sich erstmals getroffen, junge Menschen aus allen Gemeinden erarbeiteten Grundsatzideen und konkrete Vorschläge. Das kam gut an, sagt Pastoral-Assistent Johannes Geis: „Wir hatten viele Nachfragen.“ Resultat: Zum zweiten Treffen kommen bereits 40 junge Menschen. Zur Begrüßung gibt Geis einen kurzen Impuls: „Die jetzige Situation erinnert mich an die mutlosen Apostel, als Jesus fort war. Doch Gott hat sie nicht im Stich gelassen und ihnen zu Pfingsten den heiligen Geist gesandt.“

Maike Neu-Clausen führt als Projektassistentin die Fäden zusammen. Sie bringt die jungen Teilnehmer auf den aktuellen Stand der Dinge. Doch was bedeutet den jungen Katholiken Kirche? Wie soll sie sich entwickeln? Ist es überhaupt „ihre“ Kirche? Oder bestimmen aus Sicht der Jugendlichen doch die Grau- und Weißhaarigen? Unmut wird laut, doch Johannes Geis verspricht: „Ihr seid uns wichtig. Ihr werdet gehört.“ Die jungen Gläubigen geben emotionale, aber höchst überlegte Antworten. Sie haben Angst um die vorhandenen, erprobten Strukturen, sehen aber durchaus die finanziellen Zwänge.

Jugendliche fühlen sich oft nicht angesprochen

Für Johanna Schlechter aus Heisingen ist Kirche Gemeinschaft. Die 17-Jährige erlebt ein sehr aktives Gemeindeleben, harmonierende Messdiener und Pfadfinder: „Ich weiß, dass wir zukünftig über die Grenzen hinweg gut zusammenarbeiten müssen. Aber die bestehenden Strukturen sind auch sehr wichtig.“ Einen konkreten Vorschlag hat sie nicht, aber: „Es wird zu viel über unsere Köpfe hinweg entschieden. Jugend müsste mehr gehört werden.“

14 Jahre alt ist Annika Jorde aus Burgaltendorf, sie sieht in Kirche eine gewisse Verpflichtung: „Nicht einfach wegbleiben, wenn man keinen Bock hat. Es wäre gut, wenn mehr junge Leute in die Kirche kämen. Aus meiner Klasse macht das sonst keiner. Höchstens zu Weihnachten und Ostern.“ Eine Änderung der Einstellung könnte durch gezielte Ansprache erreicht werden: „Kommt doch her, hier könnt ihr Play Station spielen. Nicht immer alles nur auf Kinder reduzieren. Die jüngeren Jugendlichen fühlen sich da nicht angesprochen.“

Teilnehmer fürchten Wegfall funktionierender Strukturen

Der 19-jährige Michael Müller nennt vor allem Kirche als Anlaufpunkt: „Die Angebote für die Jugend nehmen ab, außer Sportvereinen gibt es nur die Kirche. Bei uns in Heisingen läuft zurzeit alles gut, da würde ich nichts ändern wollen. Wir als Jugend sollten von den Älteren mehr wahrgenommen werden. Mein konkreter Vorschlag: Bloß nicht an der falschen Stelle sparen. Vielleicht eine neue zentrale Kirche für Kupferdreh?“

Der Kupferdreher Yannick Risse träumt von einer offenen Jugend, die sich gegenseitig unterstützt. Er möchte eine innovative Kirche, die Alt und Jung zugleich anspricht. Doch wenn Jugend mal für sich sein möchte, sollte man das tolerieren: „Leben und leben lassen.“ Der 19-Jährige schätzt bei Kirche das Heimat- und Gemeinschaftsgefühl und hat sich Gedanken gemacht: „Wenn wirklich das gesamte System umstrukturiert wird und Standorte verschwinden, muss über einen Fahrdienst nachgedacht werden, so eine Art Bürgerbus für die nicht so mobilen Menschen. Das Bistum sollte auch Druck machen, damit der öffentliche Nahverkehr verbessert wird, auch sonntags.“

Zur Großpfarrei gehören noch sechs Kirchen

Für Anna Vogelsang ist Kirche „ein wichtiger Treffpunkt, ich bin da reingewachsen mit der Familie. Inzwischen wohne ich in Werden, da ist der Kirchbesuch in Byfang immer wie nach Hause zu kommen“. Die 20-Jährige möchte so viel wie möglich erhalten: „Da schwingt doch für jeden ein Gefühl mit. Jede Schließung bedroht die Jugendarbeit. Es sollte nicht am Geld scheitern, Standorte wie Byfang zu sichern. Da würde ich diejenigen ansprechen, die Kirche unterstützen wollen, am besten kombiniert mit einer Benefizveranstaltung.“

Noch gibt es sechs Kirchen und sieben Gemeindeheime in der Großpfarrei St. Josef Ruhrhalbinsel. Noch sind vier Pastöre und Kapläne vor Ort im Dienst. Im Jahr 2030 werden es insgesamt wohl nur noch zwei sein.

Der Haushalt muss bis 2030 halbiert werden

Sinkende Gläubigenzahlen zwingen die Großpfarrei St. Josef Ruhrhalbinsel zum Handeln. Standen im Jahr 1995 noch knapp 30 000 Katholiken in den Listen, sehen Prognosen für 2030 ihre Zahl bei nur noch 18 000 Gläubigen. Bald stellt die Arbeitsgemeinschaft „Wirtschaft“ konkrete Zahlen, Daten und Fakten vor.

Der Rahmen ist vorgegeben: Bis zum Jahr 2020 muss der Finanzhaushalt um 35 Prozent und bis ins Jahr 2030 gar um die Hälfte entlastet werden. Der ehrgeiziger Plan ist, noch vor den Gemeindewahlen am 5. November dieses Jahres die Ergebnisse der einzelnen Arbeitskreise – auch die der Jugend – zu präsentieren. Das Votum soll noch im Dezember 2017 beim Bistum Essen abgegeben werden. Die Bekanntgabe der Entscheidung und ihre Umsetzung soll dann im kommenden Jahr folgen.

Seite
Auch interessant
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik