Gastronomie

Rüttenscheids Kneipengeschichte begann vor 115 Jahren

Marianne und Heinrich Klumpe verpachten Rüttenscheids älteste konzessionierte Gastronomie. An der Hedwigstraße/Ecke Dorotheenstraße ist heute das griechische Restaurant Odyssia.

Marianne und Heinrich Klumpe verpachten Rüttenscheids älteste konzessionierte Gastronomie. An der Hedwigstraße/Ecke Dorotheenstraße ist heute das griechische Restaurant Odyssia.

Foto: Stefan Arend

Essen-Rüttenscheid.   Die erste konzessionierte Gastronomie eröffnete 1902. Die Klumpes verpachten heute das Lokal und standen selbst lange hinterm Tresen.

Mit 81 Jahren hat Heinrich Klumpe immer noch ein Auge dafür, wenn es hinter einem Tresen nicht läuft. „Die können doch heute alle nicht mehr rechnen. Drei Posten werden da in den Taschenrechner eingetippt.“ Und wenn dann noch am Zapfhahn gemurkst wird, „möchte ich sofort aushelfen“. Heinrich Klumpe verpachtet die älteste konzessionierte Gastronomie Rüttenscheids, ein Lokal an der Hedwigstraße/Ecke Dorotheenstraße – mit 115-jähriger Geschichte.

Seit 1953 ist sie verwoben mit der der Familie Klumpe. Damals kaufte Heinrich Klumpes Vater das Haus. „Er hat immer gesagt: Rüttenscheid wird mal der Stadtteil“, erzählt Heinrichs Ehefrau Marianne. Knapp zehn Jahre später trat sie an, diese Entwicklung mitzuerleben. „1964 holte mein Vater die Kinder zusammen, jemand von uns sollte weitermachen“, sagt Heinrich Klumpe. Die älteste Schwester verzichtete auf die Nachfolge, die zweitälteste auch, „da ist mein Vater schon im Sessel zusammengesackt, das war ja sein Lebenswerk.“ Als der Jüngste dran war, baten sich er und Marianne eine Nacht Bedenkzeit aus – bevor sie zustimmten.

Aus fünf Jahren hinterm Tresen wurden 30

„Ich war Maschinenbautechnikerin und kannte eine Kneipe nicht von innen“, erzählt die heute 76-Jährige. „Wir wollten das nur vier, fünf Jahre machen – daraus sind 30 geworden. Und kein einziges Mal bin ich morgens aufgestanden und hatte keine Lust mehr. Wir haben es immer mit Liebe gemacht!“

Heinrich Klumpes Vater sollte mit seiner Vorhersage über die Entwicklung des Stadtteils recht haben. Das Haus Klumpe brummte, blieb sogar in der Woche bis in die Morgenstunden geöffnet. „Bis halb drei standen sie hier, um sieben mussten sie zur Baustelle“, erzählt Heinrich Klumpe. „Das kann sich heute keiner mehr erlauben.“

Ein Bierchen auf der Straße – im Schlafanzug

Wo heute die „Coffee to go“-Kultur gepflegt wird, wurde früher das gezapfte Pils durchs Fenster gereicht. „Damals gab es keine Kioske“, erzählt Marianne Klumpe. „Nachts haben die Männer dann ihren Frauen gesagt, dass sie nur mal kurz auf Toilette gehen – die waren nicht in den Wohnungen, sondern auf der halben Etage. Aber dann kamen sie zu uns und wir haben nach draußen Bier verkauft. Die standen hier im Schlafanzug, ohne Geld.“ Bezahlt wurde dann am nächsten Tag.

„Heute kann man sich das nicht mehr vorstellen“, sagt Heinrich Klumpe. „Die Gastronomie hat sich unheimlich verändert. Die Systemgastronomie, die Ketten... Da kennen sich die Gastronomen untereinander schon nicht mehr.“ Als der Wirt die Gaststätte 1992 aus gesundheitlichen Gründen an einen Pächter abgab, trat er aus 32 Essener Vereinen aus. „Ich war allein schon beim ETB Schwarz-Weiß in fünf Abteilungen Mitglied, die haben ja alle hier getagt.“

Dass es heute in Rüttenscheid kaum noch „gestandene Gastronomie gibt, ist schade. Aber es ist auch ein anderes Publikum“, sagt Heinrich Klumpe. „Das Hans im Glück ist ja zum Beispiel immer voll. Und als das Vapiano eröffnet wurde, waren wir auch da. Wir sind doch keine alten Leute, die zu Hause in der Ecke sitzen bleiben.“

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