Interview

Wie sich ein Essener Stadtteil nachhaltig verändern kann

Björn Ahaus führt seit knapp vier Monaten das Fachgeschäft für Stadtwandel in Holsterhausen. Hier ist er mit einem leihbaren Lastenfahrrad auf der Gemarkenstraße zu sehen.

Björn Ahaus führt seit knapp vier Monaten das Fachgeschäft für Stadtwandel in Holsterhausen. Hier ist er mit einem leihbaren Lastenfahrrad auf der Gemarkenstraße zu sehen.

Foto: Kerstin Kokoska

Essen-Holsterhausen.   In Holsterhausen wirbt ein gemeinnütziges Geschäft für nachhaltige Ideen. Wie das bislang im Stadtteil ankommt, erzählen die Gründer.

Nachhaltige Themen im Stadtteil verankern – mit diesem Ziel ist das Fachgeschäft für Stadtwandel vor knapp vier Monaten an der Gemarkenstraße an den Start gegangen. Im Gespräch ziehen die beiden Mit-Gründer Björn Ahaus (41) und Ariane Möllmann (34) eine erste Zwischenbilanz – und geben einen Ausblick, wie sich der Stadtteil für die Zukunft aufstellen kann.

Wie ist das Fachgeschäft an der Gemarkenstraße aufgenommen worden?

Björn Ahaus: Vor allem mit großer Neugier. Viele Leute kommen rein und wollen wissen, wer wir sind und was wir anbieten. Vor allem der Second-Hand-Shop „Klamotte“, den wir mit dem Runden Tisch Holsterhausen betreiben, wird sehr gut angenommen.
Ariane Möllmann: Außerdem nutzen immer mehr Holsterhauser unsere Räume als Treffpunkt. Es hat sich zum Beispiel ein regelmäßiger Strickkreis und ein offener Spieleabend gebildet. Genau das ist der soziale Aspekt der Nachhaltigkeit: Viele Menschen kommen zu uns, die vorher keinen Ort im Stadtteil hatten.

Die Gemarkenstraße soll Fahrradstraße werden, was viele Bürger umtreibt. Erleben Sie den Stadtteil in dieser Frage als gespalten?

Björn Ahaus: Ich habe eher das Gefühl, dass es einige mit Vorbehalten gibt. Dabei ändert sich mit einer Fahrradstraße hier ja gar nicht so viel, Tempo 30 gilt schließlich jetzt schon. Viele teilen unsere Auffassung, dass die Gemarkenstraße profitieren könnte, wenn sie zur Fahrradstraße umgebaut wird. Es gibt heute schon kaum eine innerstädtische Straße in Essen, auf der so viele Räder unterwegs sind. Das liegt auch daran, dass es keinerlei öffentlichen Nahverkehr auf der Gemarkenstraße gibt.

Einige Händler haben Angst, dass ein Vorrang für Fahrradfahrer der Gemarkenstraße schaden würde. Was sind Ihre Gegenargumente?

Björn Ahaus: Wenn donnerstags Markt ist, ist das für mich der beste Tag der Woche. Dann kommen auch viele Kunden aus anderen Stadtteilen hierher. Die Gemarkenstraße ist dann für Autos gesperrt und durch die Menschen belebt. Insofern ist es nicht der Verkehr, der die Gemarkenstraße attraktiv macht, sondern das Angebot.

Die Leerstände auf der Gemarkenstraße sind oft ein Thema, die Zukunft der Einkaufsstraße sorgt viele Händler. Wie könnte man aus Ihrer Sicht gegensteuern?

Björn Ahaus: Eine Hürde für junge Gründer ist sicherlich die Bürokratie. Wer einen Laden eröffnen möchte, muss zunächst dutzende Anträge stellen und stößt dort oft an Grenzen. Das hat uns etwa der Gründer der Siebdruck-Manufaktur „Kommabei“ berichtet, der in unserer Nachbarschaft eröffnet hat. Auch wir selbst haben das hier so erlebt, als wir unseren Schenk-Koffer auf die Straße gestellt haben. Jeder darf sich daraus bedienen und etwas hereinlegen, das er nicht mehr braucht. Dafür mussten wir nun einen Sondernutzungsantrag bei der Stadt stellen. Bis der durch ist, steht der Koffer bei uns im Laden.

Die Fridays for Future-Bewegung und ihre Protagonistin Greta Thunberg sorgen für Kontroversen. Birgt das Thema Nachhaltigkeit einen Generationen-Konflikt?

Björn Ahaus: Es ist viel mehr eine Einstellungssache als Altersfrage. Wir erleben hier auch viele ältere Menschen, die Nachhaltigkeitsthemen sehr offen gegenüber stehen: Sie nutzen beispielsweise unseren Fair-Teiler, über den wir gut erhaltene Lebensmittel verteilen. Nicht vergessen darf man auch, dass E-Bikes ohne Senioren in Deutschland niemals so erfolgreich wären. Im vergangenen Jahr wurden bundesweit mehr E-Lastenräder zugelassen als Elektroautos. Auch deswegen ist es dringend nötig,das Alltags-Radwegenetz in Essen weiter auszubauen. Da muss dringend etwas passieren. Wer mehr Radverkehr möchte, muss die Infrastruktur dafür schaffen, sonst funktioniert es nicht. Ich kenne Menschen, die von Münster aus hierher gezogen sind und ihr Lastenrad wieder verkauft haben. Ihnen war es zu gefährlich, in Essen damit zu fahren.

Fahrrad-Werkstatt, Fair-Teiler, Lesungen

  • Mittlerweile haben sich viele regelmäßige Angebote im Fachgeschäft für Stadtwandel (Gemarkenstraße 72) etabliert. Dazu gehört etwa eine Fahrrad-Werkstatt, bei der jeder lernen kann, sein Rad wieder fit zu machen. Darin gibt es etwa Tipps zu Reifenwechsel, Bremseinstellung oder Neueinzug der Kette. Ersatzteile müssen mitgebracht oder können beim benachbarten Fahrradladen erworben werden. Die nächsten Termine sind jeweils samstags, 13. April und 11. Mai, um 11 Uhr. Durchgängig geliehen werden kann das Essener Lastenrad (Ela) sowie ein Fahrradanhänger, mit dem bis zu 40 Kilo Gewicht transportiert werden können. Buchbar sind die Lastenräder online.
  • Ständige Angebote sind der Fair-Teiler sowie der Second-Hand-Shop „Klamotte“, die wie das Fachgeschäft montags bis freitags von 13 bis 18 Uhr öffnen. Am Freitag, 5. April, steht ab 19 Uhr eine Lesung auf dem Programm. Im Rahmen der Reihe „Lieblingstexte“ stellen verschiedene Menschen zehn Minuten lang je einen Text vor.
  • Weitere Informationen zum Fachgeschäft gibt es hier und auf Facebook.

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